Barrieren sorgen für Probleme

Viele Hindernisse für Gehbehinderte an Godesberger Bahnhöfen

Bad Godesberg. Bahnsteige sind nicht barrierefrei, Aufzüge funktionieren nicht: Gehbehinderte stehen an den Bahnhöfen in Mehlem und in Bad Godesberg vor einigen Problemen. Eine Bestandsaufnahme.

Mal eben mit der Bahn in die Stadt fahren: Was für die meisten Fahrgäste völlig normal ist, stellt Nicole Franke vor unüberwindbare Hürden. Die Mehlemerin ist aufgrund einer Behinderung auf ihren Rollator angewiesen und ärgert sich über das Dilemma mit den Aufzügen: An den Bahnsteigen des Bonner Hauptbahnhofs sind sie oft und lange defekt und in Bad Godesberg viele Monate nach dem Einbau noch gar nicht in Betrieb genommen. Über die dauernden Verzögerungen bei der Sanierung des Bahnhofs ärgern sich weiterhin viele weitere Kunden. In dieser Woche sollen dort nun zwei der drei Aufzüge in Betrieb genommen werden.

Franke fährt kein Auto und ist deshalb auf den Nahverkehr angewiesen. Sie muss immer genau schauen, welcher Zug an welchem Gleis hält, um nicht plötzlich in die Falle zu geraten. So hat sie den Fahrplan ganz genau im Kopf – inklusive der Wochenenden und Feiertage. Die Probleme, die Gehbehinderten, aber auch Familien mit Kinderwagen zu schaffen machen.

Mehlem: Nur Bahnsteig 2 für die Züge in Richtung Bonn ist barrierefrei nutzbar. Früher kam Franke auch noch vom Bahnübergang Drachenburgstraße direkt zu Gleis 1 und 3. Aus Sicherheitsgründen wurde dieses Schlupfloch nun endgültig gestopft, eine Grube und ein Zaun verhindern den Durchgang. Das hat den Grund, dass bei geschlossenen Schranken niemand auf die Schienen laufen kann. So müssen Fahrgäste den Tunnel mit den Treppen nutzen.

Tiefbahnsteig in Mehlem

Das ist auch für Franke kein Problem, solange ihr jemand hilft und den Rollator trägt. Dann kann sie sich am Handlauf festhalten und Stufen überwinden. Kommt sie allerdings mit dem Zug von Bonn aus an, ist es zu unsicher, sich auf fremde Hilfe zu verlassen. Wenn sie etwa alleine aussteigt, wäre sie auf dem Bahnhof gefangen. So nimmt sie, wenn sie Freunde in Bonn besucht, auf dem Heimweg häufiger ein Taxi. Das kostet dann 25 Euro pro Fahrt.

Ein- und Ausstieg: Gleis 3 in Mehlem ist ein Tiefbahnsteig, sodass zum Beispiel der National Express Stufen ausklappen muss – ein weiteres Hindernis. Bei Hochbahnsteigen wie in Köln und Bonn laufe es gerade bei diesen Zügen aber vorbildlich, sagt Franke. Der Einstieg sei im Gegensatz zu anderen Regionalzügen völlig ebenerdig und ohne Loch.

Ein solches wurde der 44-Jährigen, die seit ihrer Kindheit gehbehindert ist, erst noch am 2. September vorigen Jahres zum Verhängnis. Da geriet sie in Bad Godesberg beim Ausstieg aus dem Behindertenabteil mit ihrem linken Bein zwischen Waggon und Bahnsteig. Ein paar Minuten sei sie eingeklemmt gewesen. Anstelle des Personals der Deutschen Bahn hätten ihr am Ende andere Fahrgäste aus der misslichen Situation geholfen. Auf Briefe an die DB habe ihr bis heute niemand geantwortet.

Sicherheitsprüfung in Godesberg fehlt

„Ich wollte keinen Schadensersatz. Mir geht es darum, dass die Mitarbeiter im Umgang mit behinderten Menschen geschult werden“, sagt Franke. „Der Vorgang ist uns nicht bekannt“, heißt es dazu bei der DB-Pressestelle. Die Mehlemerin traut sich nun nicht mehr, in Bad Godesberg auszusteigen, nimmt seitdem immer den Bus 614 zum Kurpark. Auch kann sie seit dem Unfall nicht mehr auf Krücken laufen, eine Operation der Verletzung sei nicht möglich, weil es Komplikationen bei der Verheilung geben könnte.

„Ich bin noch gut dran im Vergleich zu anderen Menschen“, sagt sie bei allem. Der Rollator – mit seinen extra großen Reifen kein Kassenmodell – ermöglicht der Mehlemerin, bei allen Schwierigkeiten mobil zu bleiben und ihrem Beruf beim GKV-Spitzenverband der Krankenkassen nachzugehen. Dort engagiert sie sich auch bei der Schwerbehindertenvertretung.

Aufzüge: In Bad Godesberg fehlt, wie berichtet, bis heute die Sicherheitsprüfung für die längst fertigen beiden Aufzügen auf den Bahnsteigen. Der dritte in der Bahnhofshalle wird gerade eingebaut. „Das ist ja ein schlechter Witz. Das gibt es doch gar nicht“, sagt eine Frau, die nicht in Bonn wohnt. Eine Familie, die ihren Kinderwagen in Godesberg die Treppe hinunterträgt, wundert sich, dass nach so vielen Monaten immer noch nicht alles fertig ist. Franke: „Es handelt sich doch um ein Millionenprojekt. Dass es die DB in der heutigen Zeit nicht schafft, Barrierefreiheit herzustellen, ist ein Armutszeugnis.“

"Man verliert Selbstbestimmtheit"

Die Bahn macht nun voran: „Wir werden diese Wochen die beiden Aufzüge an den Bahnsteigen in Betrieb nehmen“, sagt ein Bahnsprecher auf GA-Anfrage. Ende März solle dann der dritte im Empfangsgebäude laufen. „Zeitgleich werden die Arbeiten an den Dächern abgeschlossen. Ende April soll dann alles vollständig abgeschlossen sein. Der Bahnhof wäre dann barrierefrei.“ Franke ergänzt, dass auch auf die Lifte am Bonner Hauptbahnhof (vor allem Gleis 1 und Quantiusstraße) kein Verlass sei. Die Rolltreppen könne sie nicht nutzen.

So habe sie mittlerweile gelernt, andere um Hilfe zu bitten, obwohl es immer noch Überwindung koste: „Man fühlt sich ausgeliefert, verliert seine Selbstbestimmtheit.“ Abgesehen davon gebe es auch Leute, die nicht helfen. „Ich bin auch schon umgestoßen worden“, sagt die 44-Jährige. „Man muss schon sehr flexibel sein und wahnsinnig viel einfordern. Laut der Bahn sollen 97 Prozent aller Aufzüge laufen, so das selbst gesteckte Ziel. 2017 seien 97,7 Prozent erreicht worden, so der Spreche. „Maschinentechnik falle aber trotzdem immer mal aus.“ Auf Bahnhof.de und in der App DB Bahnhof live könne man direkt sehen, welche laufen und welche ausgefallen sind.

Lösungen: Die Bahn bietet denjenigen ihren online buchbaren Mobilitätsservice an, die auf ihrer Reise Hilfe beim Ein-, Um- und Aussteigen benötigen. Das muss bis spätestens 20 Uhr des Vortages angemeldet werden, so die Bahn. Sie könne also spontan keine Freundin besuchen, so Franke. Außerdem gebe es den Service nur auf großen Bahnhöfen. „Funktionierende Aufzüge in Bonn und Godesberg wären für mich schon eine Erleichterung“, sagt die 44-Jährige. Die Bahn teilt mit, dass sie im Zuge ihrer Modernisierungsoffensive versuche, immer mehr Bahnhöfe auszubauen.