Wunsch-Burger und Wunsch-Zettel

Silvester im Bad Godesberger Kinderheim

Die Jugendhilfe Godesheim feiert mit Kindern, die nicht nach Hause fahren können, den Jahresausklang. Die Kinder bereiten mit den Betreuerinnen Lisa Wittmeyer (v.l.), Yasemin Yazici und Jennifer Tönnes die Silvesterparty vor.

Die Jugendhilfe Godesheim feiert mit Kindern, die nicht nach Hause fahren können, den Jahresausklang. Die Kinder bereiten mit den Betreuerinnen Lisa Wittmeyer (v.l.), Yasemin Yazici und Jennifer Tönnes die Silvesterparty vor.

Bad Godesberg/Wachtberg. Für viele Kinder in der Villa Holzem in Bad Godesberg ist nicht sicher, ob sie jemals in ihre Familien zurückkehren können. An Silvester gibt es Wunsch-Burger und Wunsch-Zettel.

„Ich liebe Silvester“, ruft Lara durch die Küche der Villa Holzem. „Da kann ich richtig lange aufbleiben.“ Die anderen am Tisch der sozialtherapeutischen Wohngruppe der Evangelischen Jugendhilfe Godesheim lachen. „Was hast du denn dann vor?“ fragt Yasemin Yazici, die pädagogische Leiterin. „Gut essen und trinken, spielen und Filme schauen“, ist Laras Plan, während sie mit den Jungs in der Runde die Silvesterdekoration prüft. „Und dann gehen wir in den Garten und schauen, wo geböllert wird“, fügt der zehnjährige Kevin hinzu. Ob die Kinder aus den drei Gruppen der Villa Holzem auch selbst Knaller in die Luft jagen dürfen, fragt der sechsjährige Tim vorsichtig nach. „Ja, die Großen, die schon zwölf sind“, bestimmt die stellvertretende Leiterin Jennifer Thönnes.

Die Kinder am Küchentisch erleben dieses Jahr ihr zweites Silvester in der Wohngruppe. „Als sie vor eineinhalb Jahren zu uns kamen, waren sie aggressiv, kannten keine Strukturen und keine Disziplin“, erläutert Leiterin Yazici im GA-Gespräch. Alle hätten Schlimmes hinter sich und Gewalt erfahren. Ihre Eltern seien nicht in der Lage gewesen, für sie zu sorgen. „Sie mussten aus ihren Familien geholt werden und werden jetzt therapeutisch betreut.“ In der Gruppe versuche man seither, eine Perspektive für sie zu entwickeln. „Die wenigsten werden wieder in ihre Familien zurückkehren können“, ergänzt Thönnes. Der geschützte Raum sei ungemein wichtig. „Diese Kinder wollen angenommen, gemocht und gehalten werden.“ Jetzt gehe es vor allem darum, mit denjenigen, die zu Silvester nicht nach Hause fahren dürfen, einen möglichst normalen Tag zu gestalten, um ihnen nicht das Gefühl zu geben, etwas zu verpassen.

Tim fragt sich derweil in der gemütlichen Tischrunde, ob er es wohl dieses Silvester schafft, bis Mitternacht die Augen offen zu halten. „Ich habe ja schon neue Zähne, ich bin schon groß“, ruft der Sechsjährige und zeigt sofort auch Christian Steinberg von der regionalen Leitung der Jugendhilfe Godesheim, der gerade auf Besuch in die Küche kommt, seine zwei Zahnlücken. „Toll, Tim“. Steinberg klopft dem springlebendigen Kerlchen anerkennend auf die Schulter. „Was werden wir denn dieses Jahr zu Silvester essen?“, hakt Lara nach. Vergangenes Jahr gab es Raclette und anschließend Bleigießen, weiß Thönnes noch von ihrem Dienst. Dieses Jahr wird Lisa Wittmeyer die Kinder ins neue Jahr begleiten. „Also, ich werde mit euch Burger nach Wahl machen“, schlägt die Pädagogin vor.

Wünsche fürs neue Jahr

Sofort wird am Tisch über die Zutaten diskutiert. Käse müsse unbedingt her, Frikadellen, Gurken, Tomaten und Fleischwurst seien auch nötig. „Und Ketchup und Majo“, mischt sich zum ersten Mal auch Leon ins Gespräch ein. Die anderen geben ihm sofort recht. Ob ihnen die Erzieherin auch Wein und Bier bringe? Die Kinder biegen sich vor Lachen. „Aber Fanta und Sprite wollen wir unbedingt trinken“, sagt Lara . „Und ich kriege vielleicht auch einen Schluck Erwachsenen-Cola“, hofft Tim. Wittmeyer streicht ihm übers Haar. Ihr Vorschlag, ein Turnier macht alle neugierig. „Mehr verrate ich nicht“, sagt die Pädagogin. Dann wolle sie mit den Kindern Wünsche fürs neue Jahr aufschreiben. „Die Zettel werden verbrannt und in die Lüfte geschickt, damit sie sich erfüllen.“

Tim ist sofort bei der Sache. Er wünsche sich ein Fahrrad. Lara wünscht sich, später Hebamme zu werden. „Ich liebe Babys.“ Kevin seufzt: „Ich wünsche mir, dass ich mich in der Schule besser konzentrieren kann.“ Lara tröstet ihn: „Och weißt du, das passiert doch jedem mal, dass er was nicht mitkriegt.“ Leon, der Silvester eigentlich zu Hause bei seiner Mutter und dem kleinen Bruder verbringen könnte, würde viel lieber in der Villa Holzem mit dabei sein. Alle am Tisch sehen ihn erstaunt an. „Wir freuen uns, dass du auch gerne bei uns bist, Leon“, sagt Yazemin Yazici gerührt. Das sei das erste Mal gewesen, dass der schüchterne Junge sein Zugehörigkeitsgefühl zur Gruppe offen ausgesprochen habe, erklärt sie später, als die Kinder nicht mehr dabei sind.