Rodderberg

Seit 50 Jahren wird im Krater geritten

14.04.2014 WACHTBERG/BAD GODESBERG. Dirk Schneider startete 1964 als 19-Jähriger auf dem Rodderberg und eröffnete dort eine Reitschule. Die leitet er heutzutage immer noch. Jetzt ist der neue Vertrag für die Symbiose von Naturschutz und Reitsport unterzeichnet worden.

Die Beschreibung in Kürze: Der Rodderberg ist einer der jüngsten Eifel-Vulkane und Traumstrecke für Profi- und Freizeitreiter. Je ein Drittel zählen zu Niederbachem, (Wachtberg/Rhein-Sieg-Kreis), zu Rolandswerth (Stadt Remagen) und zum Bad Godesberger Ortsteil Mehlem.

2014 gibt mehrere Gründe zum Feiern: Broichhof-Eigentümer Manfred Schaefer und Pächter Karl Schneider sowie Christoph Könen (Geschäftsführer Kreisbauernschaft Bonn/Rhein-Sieg) unterzeichneten jetzt den neuen öffentlich-rechtlichen Vertrag für das Gelände (gültig bis 30. Juni 2031). Dirk Schneider hat Gold-Jubiläum. Vor 50 Jahren startete er im Krater seine Reitschule.

Wer weiß, wie es jetzt - anno 2014 - dort aussähe, wäre Schneider 1964 nicht erst 19 Jahre jung gewesen wäre. Aber von Anfang an: Klein-Dirk wohnte mit Mutter Hildegard und seinen vier älteren Geschwistern in Poppelsdorf und war schon als Steppke fasziniert von Pferden. Als Siebenjähriger saß er zum ersten Mal auf einem. Patres ritten damals durch den Ort, um Wäsche zum Kreuzberg zu bringen. Dirk durfte aufsitzen und war fortan von Reit-Bazillus befallen. Eine Weile später zog die Familie nach Mehlem, nur 200 Meter vom Domhof entfernt, wo zu der Zeit die einzige Reitschule weit und breit zu finden war. Was lag für Dirk Schneider näher, als dort bei Kurt Henke reiten zu lernen und dann eine Lehre zum Bereiter zu machen.

1964 gab es große Veränderungen auf dem Domhof, und ein Betreiberwechsel stand an. Der dort angestellte Reitlehrer Dirk Schneider traute sich das zu und bewarb sich. Doch als Jungspund wurde ihm dies nicht zugetraut. Was tun? Der hochgewachsene junge Mann krempelte die Ärmel hoch und wurde im gar nicht so weit entfernt liegenden Vulkankrater fündig.

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Dort im Tal gab es den Broichhof, das Gehöft der Familie Schaefer - seinerzeit Bullenzüchter. Schneider unterzeichnete 1964, also vor exakt 50 Jahren, den ersten Pachtvertrag, lieh sich Geld und aktivierte Freunde und Bekannte. In den alten Schweine- und Kuhställen entstanden die ersten Pferdeboxen, in die auch Schneiders drei eigene Pferde (u.a. Pfiffikus) einzogen.

Neben den Hofanlagen baute er eine Reithalle mit einer Tribüne für 250 Personen. Mit 30 Boxen für Schul- und Privatpferde startete der Betrieb. Auf dem Broichhof gewohnt hat er nie, und der Einfachste war er in all den Jahren auch nie. Schneider über sich selbst: "Nur ein Ei ist rund und hat keine Ecken!"

Als 50 Boxen, ein weitläufiger Springplatz und eine Galoppbahn (4 km) mit festen Sprüngen fertig waren, wurde die Reitschule 1966 mit einer großen Fuchsjagd feierlich seiner Bestimmung übergeben. Zu Gast war auch Luise Erhard - die Frau des damaligen Bundeskanzlers.

Zum schnell größer werdenden Kundenkreis Schneiders gehörten viele Söhne und Töchter prominenter Bundeshauptstädter und Diplomaten sowie Einsteller, die vom Domhof gen Rodderberg umzogen. So etwa Valerie, die Tochter des amerikanischen Botschafters George McGhee , der Sohn von Vize-Kanzler Erich Mende und später die Tochter von Hans-Dietrich Genscher, die auf Schulpferden das Reiten lernte.

"Mama Hildegard chauffierte zahlreiche Reitschüler von Mehlem in einem Büschen auf den Rodderberg", erzählt Schneider, der selbst nie auf dem gepachteten Gelände gewohnt hat. Schnell wuchs die Reitschule, überdurchschnittlich viele Reitsportfans sicherten den Fortbestand des Domhofes und die positive wirtschaftliche Entwicklung des jungen Mitbewerbers.

Ende der 60er Jahre wurde der Verein gegründet; das rote Pferd als Erkennungszeichen gab es schon länger. 1973 heiratete Schneider - eine Reiterin: Ursula von Kempis. 1975 wurde Sohn Karl geboren. Zwei Töchter (Cordula und Georgia) und Sohn Boris folgten. Alle sind und waren den Pferden zugetan, Karl Schneider hat den Pferdepensionsbetrieb inzwischen vom Vater übernommen und in dieser Eigenschaft die jüngste Pachturkunde und den öffentlich-rechtlichen Vertrag unterzeichnet. Die Laufzeit endet am 30. Juni 2031.

Erster Vertragsabschluss war 1991. Seitdem kümmert sich der Pächter um die Ausweitung und Pflege des Naturschutzgebietes und darf es als Gegenleistung für den Reitsport nutzen. Vor der Vertragszeit wurden große Rodderberg-Flächen landwirtschaftlich intensiv genutzt - als Baumschule oder für den Obstanbau wie Erdbeeren. "Der neue Vertrag ist sehr kooperativ und zielführend erarbeitet worden", so Könen, die neue Fassung sorge für klare Verhältnisse mit guter Perspektive für den Naturschutz und eine sichere wirtschaftlichen Zukunft für das Unternehmen der Familie Schneider.

Seit 1991 wurde viel Fläche in kräuterreiche Glatthaferwiesen umgewandelt und ohne Mineraldünger oder Bioziode gepflegt. Schneider bekam im Gegenzug grünes Licht für bauliche Erweiterungen und eine begrenzte Anzahl von Turnieren. Auch der Pferdebestand wurde begrenzt.

Für Dirk Schneider war und ist der Rodderberg idealstes Reitgelände, was er sich denken kann. Von der Landschaft, die den Broichhof umgibt, sagen die Einheimischen, es sei eines der schönsten in Deutschland. 1927 wurde es unter Naturschutz gestellt. Oberstes Ziel war es zu der Zeit allerdings, den Lavabbau zu stoppen und die Gruben zu schließen. "Nebenbei" kam somit Etliches in der für vulkanisches Gestein spezifischen Flora und Fauna unter einen schützenden Schirm.

Chronik: Vom Vulkan über die Wasserburg bis zum Mekka internationaler Vielseitigkeitsreiter

Das Gestein des erloschenen Vulkans hat ein Alter von etwa 800.000 Jahren. Der mehr als 50 Meter tiefe kreisrunde Spreng-Trichter mit einem Durchmesser von etwa 800 Metern ist noch heute als Bodensenke sichtbar.

Mitten im Krater der Broichhof: ehemals eine Wasserburg (um das 13. Jahrhundert herum errichtet) im damals sumpfigen Kratergrund. Der Name Broich kommt vom benachbarten Sumpf, dem Broich oder Bruch.

Die Burg ist wahrscheinlich Sitz der Familie von Bachem. Das erste nachweisbare Mitglied der Familie ist Ezelinus von Bachem, der vor 1174 zusammen mit seiner Tochter Eveza dem Kloster Nonnenwerth eine Landschenkung von 16 Morgen macht. Außerdem vermacht er dem Kloster für das Heil seiner Seele zwei weitere Morgen Land und einen dritten Morgen für seinen Sohn Helya. Noch Anfang des 17. Jahrhunderts ist das Kloster Nonnenwerth, nach dem Stift St. Gereon, zweitgrößter Grundbesitzer im Kessel des Rodderberges.

Schon seit 1688 bewirtschafteten Schaefers den Hof als Pächter. Die Hänge am Kraterrand eigneten sich hervorragend für den Wein- und Obstanbau.

3.11.1811: Der Broichhof wird mit 26,87 Hektar Land für 17.100 Francs von Michael Kretz, verheiratet mit Anna Völsgen, gekauft. Seit der Heirat von deren Tochter Maria Christina Kretz mit Franz Josef Schaefer aus Remagen befindet sich der Hof bis heute im Eigentum der Familie Schaefer. Das Ehepaar erbaut die Broichhofkapelle auf dem westlichen Kraterrand des Rodderberges. Franz Josef Schaefer war Bürgermeister von Niederbachem, Beigeordneter und 59 Bürgermeister des Bürgermeisteramtes Villip. Im 19. Jahrhundert werden alle Gebäude neu errichtet. Zum Bau des Herrenhauses wird Rodderberglava für die Fassade verwendet.

Im Krater werden jahrhundertelang Roggen und Weizen angebaut. Im 19. Jahrhundert kommen Kartoffeln, Zuckerrüben und andere Feldfrüchte hinzu.

Mitte des 19. Jahrhunderts: Der Sumpf wird durch die Anlage von Gräben trockengelegt.

Michael Hubert, der einzige Sohn von Franz-Josef und Maria Christina, erbt den Broichhof. 1888 erbaut er auf dem Rodderberg die Hotelgaststätte "Zum alten Vulkan". Nach seinem Tod 1900 verpachtet seine Witwe Josepha Thome den Broichhof. Nach ihrem Tod 1908 bewirtschaftet ihr Sohn und Erbe Franz Cassius Schaefer den Hof zunächst selbst, verpachtet ihn zwischen 1932 und 1954 aber wieder. Sein Sohn und Erbe Herrmann Rudolf Schaefer bewirtschaftet den Hof ab 1955. In den 60er entsteht die Reitanlage, die seitdem verpachtet ist. Seit 1987 gehört der Broichhof seinem Sohn Manfred Schaefer.

1927: Der Rodderberg wird zum Naturschutzgebiet erklärt.

18. November 1944: Dirk Schneider wird in Bonn geboren.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird das Gut weiter ausgebaut. In den Gesindehäusern entstehen Mietwohnungen.

1964 kommt Dirk Schneider auf den Borichhof und gründet die Reitschule, die er auch heute noch leitet.

24. März 1969: Gründung des Reit- und Jagdclubs Rodderberg mit 20 aktiven Reitern aus der Reit- und Jagdgemeinschaft Rodderberg mit ihrem ersten Vorsitzenden Dr. Hans-Viktor Böttcher.

Frühjahr 1984: Bei Erdarbeiten im Innenhof des Gutes werden spätmittelalterliche Mauern der Burganlage freigelegt.

Dreh- und Angelpunkt zwischen Pächter Schneider und den vier Partnern, auf deren Gelände der Broichhof liegt, ist ein öffentlich-rechtlicher Vertrag. Der wird  1990 unterzeichnet, und zwar von Schneider sowie der Gemeinde Wachtberg, der Stadt Bonn, dem Kreis Ahrweiler und dem Rhein-Sieg-Kreis, der laut Dirk Schneider auch federführend sei: "Mit allen Beteiligten habe ich bislang sehr gut zusammengearbeitet." In dem auf 20 Jahre abgeschlossenen Vertrag geht es nicht nur um die Pflege und Bewirtschaftung des Naturschutzgebietes Rodderberg durch den Pächter. Im erweiterten Sinne sind auch Baumaßnahmen Bestandteil, die Schneider zur Erweiterung des Hofes vorhatte. So plante er seinerzeit die Errichtung einer zweiten Reithalle.

1993 kommt eine 25 mal 60 Meter große Halle hinzu.

2001 erstmals das CCIO***, zahlreiche weitere Zwei- und Drei-Sterne-Veranstaltungen und ebenfalls 2001 erstmals das Rodderberger Spring Meeting.

September 2009: Zara Phillips verleiht dem Turnier königlichen Glanz. Die Enkelin der englischen Königin Elizabeth II. und damals amtierende Weltmeisterin der Vielseitigkeitsreiter startet in der Drei-Sterne-Vielseitigkeitsprüfung auf dem Broichhof.

April 2014: Manfred Schaefer und Karl Schneider sowie Christoph Könen, Geschäftsführer der Kreisbauernschaft Bonn/Rhein-Sieg, unterzeichnen den neuen öffentlich-rechtlichen Vertrag, der bis zum 30. Juni 2031 gültig ist. (Bärbel Dähling)