Willy Brandt

Schauspieler besichtigen das Archiv der Politikerlegende

Die Friedensnobelpreis-Urkunde zeigt Harry Scholz (rechts) den Schauspielern Mirko Böttcher (links) und Robert Seiler.

BONN. Robert Seiler und Harry Scholz verbindet eine Mission. Mit ihrer Arbeit erwecken sie die vielschichtige Persönlichkeit Willy Brandts für die Nachwelt zum Leben und versuchen, bisher Unbekanntes ans Licht zu befördern.

Scholz gelingt das als leitender Archivar im Willy-Brandt-Archiv, Seiler steht gerade als Verkörperung des jungen Brandt auf der Bühne des Contra-Kreis-Theaters.

Am Donnerstag trafen sie aufeinander: Gemeinsam mit seinem Schauspiel-Kollegen Mirko Böttcher besichtigte Seiler das weitläufige Archiv im Keller der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Obwohl sich die beiden Mimen zur Vorbereitung ihrer Rollen gründlich mit dem Leben des Politikers befasst hatten, erfuhren sie viel Überraschendes. Gebannt verfolgten sie Filmmaterial, das Brandt beim Vorlesen eines norwegischen Zeitungsartikels zeigt, den er während seines Exils in Oslo geschrieben hat.

Mit Ehrfurcht betrachteten sie das Original seiner Friedensnobelpreis-Urkunde von 1971 und den stempelübersäten norwegischen Pass aus dem Jahr 1938, sorgfältig abgelegt zwischen schützenden Folien. "Das verursacht bei mir ein Kribbeln im Bauch", stellte Seiler fest. "Wir haben den Pass als Kopie auf der Bühne. Aber das Original zu sehen, ist natürlich etwas ganz anderes."

400 Regalmeter Unterlagen birgt das Archiv, immer wieder zog Scholz schützende weiße Handschuhe an, um eine neue Denkwürdigkeit zu präsentieren.

Als Böttcher die Sütterlinschrift des Brandtschen Abiturzeugnisses entzifferte, musste er schmunzeln: ein "Mangelhaft" in Latein und Leibesertüchtigung. "Große Denker müssen sich ja auch nicht bewegen! Und was für eine enorme Sprachkraft er hatte, konnte er ja später oft genug beweisen."

Den beiden Schauspielern war ihre Bewunderung für die Lebensleistung und die Zivilcourage des jungen Brandt anzumerken. "Ich würde so gerne einen Kommentar von ihm zu unserem Stück hören", wünschte sich Seiler das Unmögliche.

"Ich frage mich, ob es ihm gefiele." Wer sich "Willy 100 - im Zweifel für die Freiheit" noch ansehen möchte, hat dafür drei letzte Termine zur Auswahl: Freitag und Samstag um 20 Uhr, Sonntag um 18 Uhr. Auch das Archiv steht Besuchern offen: jeweils montags bis donnerstags von 9 bis 17 und freitags von 9 bis 16 Uhr.