Doppelvillen und Dorfkultur

Rundgang durch das Villenviertel Bad Godesberg

Rainer Selmann zeigt vor dem Wohngebäude am Standort der Villa Wilhelmina, wie diese früher ausgesehen hat.

Rainer Selmann zeigt vor dem Wohngebäude am Standort der Villa Wilhelmina, wie diese früher ausgesehen hat.

Rüngsdorf. Der Historiker Rainer Selmann zeigt bei seiner Führung durch Rüngsdorf die vielen Facetten des Stadtteils, der über die Jahrhunderte mehrfach sein Gesicht veränderte. Die Andreaskirche war im Mittelalter die zentrale Pfarrkirche für Bad Godesberg.

Das waren noch Zeiten, als man mit der Straßenbahn von Bad Godesberg fahren und unterwegs am Rüngsdorfer Römerplatz aussteigen konnte. Dort ist heute ein Kreisverkehr, und es ist schwer vorstellbar, dass jemals Schienen durch die Rüngsdorfer Straße führten. Aber das alles ist noch gar nicht lange her, wie man am Sonntag vom Historiker und „Berufsspaziergänger“ Rainer Selmann erfuhr: Die „BGM-Bahn“ fuhr dort von 1893 bis 1973, die älteren Rüngsdorfer werden sich noch an die „Badewanne“ erinnern, den tiefergelegten Anhänger, in den Frauen mit Reifröcken und Kinderwagen leichter einsteigen konnten.

Selmann gab den Teilnehmern, die aus dem Ort selbst, aber auch aus Wachtberg, Troisdorf und Köln kamen, einen interessanten Einblick in die vielen Facetten dieses Stadtteils, in dem das Bad Godesberger Villenviertel nahtlos in die dörfliche Architektur übergeht. Zu Römerzeiten wurde die Gegend landwirtschaftlich genutzt, was sich auch mit der Besiedelung durch die Franken nicht änderte. Erstmals urkundlich erwähnt wurde der Ort 804, und zwar als „Rinnigiso Villa“, so Selmann. Daraus entstand Rüngsdorf – die Endung „-dorf“ sei typisch fränkisch, sagte er.

Die 1131 gebaute Andreaskirche war zuständig für das ganze heutige Bad Godesberg, auch aus Plittersdorf und Schweinheim kamen die Christen zum Gottesdienst dorthin. Der 1644 errichtete Kirchturm hat die Niederlegung des Kirchengebäudes Anfang des 20. Jahrhunderts überstanden: Er dient als Glockenturm für die 1903 in der Nähe neu und größer gebaute Andreaskirche, die selbst keinen Turm hat. Die Glocken, erklärte Selmann, werden per Fernbedienung geläutet. Heute hingen sie eigentlich mit 14 Metern zu tief, man könne sie nicht im ganzen Pfarrbezirk hören. Der Turm hat auch einen Brand 1961/62 überlebt.

Rheinhotel Dreesen entstand 1894

Nein, er sei sich nicht unsicher über das Datum, sagte Selmann: Der Brand wurde an Silvester von Feuerwerksraketen ausgelöst. Auch rund um die Kirche gibt es viel Spannendes zu entdecken. Etwa die „Mondscheinsiedlung“ in der Schwannstraße, benannt nach den Arbeitszeiten der Erbauer: Sie arbeiteten tagsüber als Eisenbahner und abends an der Häuserreihe, oft also im Mondschein. Das Besondere an diesen Häusern, erklärte Selmann, ist die Bauweise der Dächer: Sie sind nicht traditionell schräg, sondern nach der Zöllinger Methode mit einem patentierten Balken-Stecksystem gerundet gebaut. Dadurch bietet das obere Stockwerk unter dem Dach mehr Platz.

Gegenüber der Kirche, wo heute das Pfarrzentrum von Sankt Andreas und Sankt Evergislus ist, hatte einst Fritz Dreesen seine Wirtschaft. „1870 eröffnete er am Rhein einen Biergarten“, sagte Selmann. Dresen stellte fest, dass viele Menschen von außerhalb dorthin kamen, und beschloss, ihnen eine Unterkunft zu bieten. So entstand 1894 das Rheinhotel Dreesen.

Schön anzuschauen ist das alte Fachwerkhaus an der Rheinstraße mit umgedrehtem Anker, Ruder und Haken unter dem Giebel: Dort wohnte der letzte Personenschiffer von Rüngsdorf. Gleich gegenüber hat Marc Asbeck „Beckers Garten“, ein einst verwildertes Grundstück, in ein neues Villenquartier, die „Rheinblick Residences“, umgewandelt.

Apropos Villen: Auch einen Abstecher in die Karl-Finkelnburg-Straße machte Selmann. Dort sieht man die Doppelvillen der wohlhabenden Kurgäste von Bad Godesberg, zwei gespiegelte Haushälften mit leichten farblichen Unterschieden an der Fassade. Eine echte Villa gibt es nicht mehr: An Hausnummer 19, heute ein Wohngebäude, stand die „Villa Wilhelmina“, ursprünglich eine Fremdenpension, später katholische Missionarsstation, ab 1934 Unterkunft der „österreichischen Legion“. Das waren SA-Leute, die Österreich 1934 verlassen mussten. Einige verstarben dort und wurden in Plittersdorf begraben – ihr Grabmal mitsamt Hakenkreuz aus Marmor wurde erst 1980 wiederentdeckt, weil es völlig überwuchert war.