Nach dem Tod von Niklas P.

Picken und Stein-Lücke sprechen über Gewaltprävention

Bezirksbürgermeisterin Simone Stein-Lücke und Dechant Wolfgang Picken sprechen über den brutalen Angriff auf den 17-jährigen Niklas P. und wo die Ursachen zu suchen sind.

Bezirksbürgermeisterin Simone Stein-Lücke und Dechant Wolfgang Picken sprechen über den brutalen Angriff auf den 17-jährigen Niklas P. und wo die Ursachen zu suchen sind.

Bad Godesberg. Nach den brutalen Attacken auf Niklas P. an der Rheinallee, an dessen Folgen der 17-Jährige starb, laufen die Diskussionen: Was ist zu tun, damit so etwas Schlimmes nicht mehr passiert? Darüber sprachen Dechant Wolfgang Picken und Bezirksbürgermeisterin Simone Stein-Lücke mit Ayla Jacob und Bettina Köhl.

Noch ist nicht klar, wer die Täter sind. Trotzdem stoßen Sie eine gesellschaftspolitische Diskussion an. Ist sie unabhängig davon, wer im konkreten Fall ermittelt wird?

Wolfgang Picken: Auf jeden Fall. Es ist seit Langem ein schwelendes Thema, die Thematik der zwei Welten. Nicht nur, dass es grundsätzlich Veränderungen in der Gewaltbereitschaft gibt, sondern dass in Bad Godesberg auch soziale Spannungen vorliegen, die solche Eskalationen nahe legen. Die Frage ist: Wie kann Gesellschaft und Politik hier vorbeugen?

Simone Stein-Lücke: Bei aller Besorgnis und Suche nach neuen Wegen, Jugendliche zu erreichen und zu prägen, ist eines festzuhalten: Godesberg wird sicherer. Umso entsetzter sind wir über das Ausmaß und die Brutalität und Skrupellosigkeit des feigen Mordes an Niklas. Das ist eine neue Dimension. Unfassbar. Es ist ein Wertethema. In dieser Hinsicht kämpfen wir seit Langem an gleicher Front. Wir wollen laut darüber nachdenken, wie wir unsere jungen Leute heute sozialisieren, wo kriegen sie ihre Werte her? Und wie werden sie heute groß – bei uns und auch sonst wo? Und vor allem: wie können wir sie erreichen.

Herr Picken, wie nehmen Sie als Seelsorger die aktuelle Situation wahr?

Picken: Wir erleben in den letzten Tagen, dass viele Bürger Angst äußern: Wie wird es zukünftig sein, wenn meine Kinder auf die Straße gehen? Ich glaube, es hilft wenig, über Versäumnisse der Vergangenheit nachzudenken. Wir müssen stattdessen konkret fragen, was wir tun können, um eine gute soziale Ordnung und ein Sicherheitsgefühl in Bad Godesberg wiederherzustellen. In Bonn wird Godesberg trotz der Zwei-Welten-Problematik gerne als elitäres Pflaster angesehen. Das ist ja auch nicht ganz verkehrt. Es gibt hier an vielen Stellen Bürger, die wenig soziale Probleme haben. Aber es gibt eben auch genau das andere Extrem. Von daher ist es wichtig, dass die sozial und politisch Verantwortlichen feststellen: Es muss mehr getan werden, damit solch einer Gewaltentwicklung unter Jugendlichen vorgebeugt wird.

Stein-Lücke: Man darf eins nicht vergessen: Nur weil man sozial abgesichert ist und einen vernünftigen Bildungsabschluss hat, heißt es ja noch nicht, dass jemand keine sozialen und psychischen Probleme hat. Wohlstandsverwahrlosung ist das Stichwort. Jugendliche, die von allem den Preis, aber von nichts den Wert kennen, sind genauso problematisch wie schlecht integrierte Migrantenkinder oder Schulabbrecher.

Was ist zu tun?

Picken: Es ist sehr deutlich, dass die Angebote für junge Leute, sich zu sozialisieren, nicht hinreichend sind. Wir haben viele Jugendliche, die wir nicht in dem Maße erreichen, wie wir sollten, um ihr Gewissen zu bilden und ein angemessenes Sozialverhalten zu vermitteln. Deshalb muss man die Jugendarbeit und – wie es mit dem „One World Mobil“ gut angedacht ist – die aufsuchende Sozialarbeit fördern. Die Bürgerstiftung Rheinviertel und die katholische Kirche haben alleine in den letzten sechs Jahren vier Vollzeitstellen nur für Jugendarbeit in Bad Godesberg geschaffen.

Stein-Lücke: Mit privaten Mitteln, das muss man sagen. Bürger haben Geld gegeben, damit man diese Kinder erreicht. Vorbildlich!

Welche guten Ansätze gab es und wo mangelt es?

Picken: Wir stellen seit Jahren fest, dass Rotstiftpolitik gerne an Angebote für Jugendliche herangeht. Das ist aber Basisarbeit. Hier werden Fundamente gelegt. Ich glaube, man muss sehen, dass eine Umverteilung der Mittel auch in städtischen Haushalten dringend geboten ist. Offene Türen müssen her. Man kann es nicht nur der Initiative der Bürger überlassen.

Stein-Lücke: Ich stimme zu. Es gibt nicht genug aufsuchende Jugendarbeit in Bad Godesberg. Auch das „One World Mobil“ ist privat finanziert. Das haben wir jetzt gerade gerettet. Aber es ist schlimm genug, dass wir jedes Mal kämpfen müssen, um solche Angebote zu erhalten. Je niederschwelliger desto besser. Wir dürfen aber nicht vergessen: Seit einigen Jahren haben wir einen 'wichtigen Erzieher' mehr: Das ist das Internet in der Hosentasche. Jeder kann sich brutale oder pornografische Inhalte herunterladen, viele Kinder haben Erfahrung mit Sexting, Cybermobbing, Gewaltverherrlichung und ähnlichen Dingen. Häufig sind Lehrer und Eltern völlig ahnungslos was ihre Kinder im Netz treiben und zeigen sich gleichgültig. Eine große Gefahr, die Kinder ohne Begleitung einfach laufen zu lassen, denn auch der Umgang mit Medien muss erlernt werden und Grenzen kennen.

Gewaltvideos auf dem Handy sind das eine. Aber gibt es nicht einen Reflex, von einem Menschen abzulassen, der am Boden liegt?

Picken: Der Reflex, nicht zuzutreten, wenn jemand am Boden liegt, ist kulturell einstudiert, nicht vererbt. Wo also lernen das junge Menschen? Ich habe den Eindruck, dass die Bedeutung der Familie und unseres Bildungssystems für solche Prozesse unterschätzt werden. Es ist wichtig, die Lerninhalte in den Schulen zu überprüfen. Wie deeskaliert man Gewalt? Wie gehe ich mit meinem Nächsten um? Ich habe Oberbürgermeister Ashok-Alexander Sridharan die Idee vorgetragen, in allen Godesberger Schulen eine für alle Schüler eines Jahrgangs verpflichtende Gewaltprävention durchzuführen. So erreichen wir sukzessive jeden Jugendlichen im Stadtbezirk und könnten für Bewusstseinsbildung sorgen. Auch dürfte ein solches Pilotprojekt „Keine Toleranz der Gewalt“ bundesweit modellhaft werden.

Stein-Lücke: Jahrelang haben wir schwächere, sozialschwache und bildungsferne Schüler irgendwie durchs Schulsystem geschubst und uns nicht weiter für sie interessiert. Seitdem Ganztagsschulen und OGS eher Regel als Ausnahme sind, wird es besser. In Schulen kann man gar nicht genug investieren. Schüler brauchen nicht weniger Anleitung, sondern mehr. Orientierung ist viel wichtiger als früher.

Picken: Das Schöne, was wir hier erleben, ist, dass dort, wo Jugendarbeit geleistet wird, die Jugendlichen sich selbst unheimlich engagieren. Sie merken: Ich kann etwas bewegen. Jugendarbeit ist also nicht nur eine Präventivmaßnahme, in die ich Geld investiere, sondern der Rückfluss ist direkt da.

Wie kann ich die auffangen, die durchs Raster fallen?

Stein-Lücke: Das ist genau das Problem.

Picken: Die Frage, die sich stellt: Findet man jemanden, der die nötige Kompetenz hat? Weckt man bei Politik und Bürgern Interesse für eine Finanzierung? Bei muslimischen Jugendlichen würden wir uns als Bürgerstiftung nicht verschließen, bei der Finanzierung eines arabischen Streetworkers zu helfen. Aber da müssen als Erstes die aktiv werden, die etwas von dieser Gruppe verstehen, etwa die Moscheegemeinden. Ich kenne diese Jugendlichen zu wenig.

Welche Schritte sollte man ergreifen?

Picken: Wir brauchen eine kluge Analyse, gerade mit Blick auf den aktuellen Fall. Es darf jetzt keine primitive Zuordnung geben wie: Das waren bestimmt die Araber. Wir müssen grundsätzlich hinsehen, wo sich Jugendlichen befinden, die aus dem System gefallen sind und zu Gewalt neigen. Und wir brauchen den Player, der nahe an diesen Jugendlichen dran ist. Ehrlich gesagt, wie haben zunächst mehr Fragen als Antworten.

Stein-Lücke: Meine Antwort ist: Bildung, Bildung, Bildung! Und eine sinnvolle Begleitung vom Übergang Schule und Beruf. Wir haben zu wenig Kinder in Deutschland, und wir haben zu wenig Fachkräfte in Deutschland. Wir brauchen sie dringend und dürfen sie nicht schon mit 16 Richtung Hartz IV schicken. Hier ist jeder Cent richtig investiert.

Was ist die Lösung?

Picken: Wir müssen bei brennenden Themen endlich alle gesellschaftlichen Akteure an einen Tisch bringen. Ich kann mich an keine Gesprächsrunde zu Jugendarbeit erinnern, in der ich persönlich mit anderen zusammengerufen worden wäre. Wenn ich nicht eingeladen worden bin, dann wohl so manch anderer auch nicht. Das heißt, dass solche gesellschaftsvernetzenden Debatten nicht stattfinden. Es ist eine Forderung an die Politik vor Ort, solche Runden zu moderieren. Wir brauchen einen Masterplan zu Gewaltprävention und Integration von Jugendlichen. Das ist mit Blick auf die Zwei-Welten-Problematik sehr wichtig.

Stein-Lücke: Das ist die neue, moderne Form der Lösung.

Picken:Wir brauchen nicht zuerst eine öffentliche Debatte, wir brauchen nicht die dritte Podiumsdiskussion in der Stadthalle. Wir brauchen nun den Runden Tisch.

Was kann man tun, damit es jetzt nicht wieder eine Diskussion gibt, die in vier Wochen verpufft?

Stein-Lücke: Wir müssen mehr Mittel zur Verfügung stellen und das Thema ernster nehmen. Wir haben nicht genau hingeschaut. Es ist wichtig, dass wir mehr Angebote bekommen im Stadtbezirk.

Picken: Es braucht zuerst eine Betroffenheitskultur, also eine Anteilnahme mit dem schrecklichen Schicksal, dass Niklas und seine Familie derzeit erleiden. Es ist jetzt noch nicht der Zeitpunkt für politische Debatten. Auch politische Demonstrationen am Tatort sind einfach geschmacklos. Das ist das eine. Das andere ist, dass es in einer Gesellschaft nun mal so ist, dass jeder darauf wartet, dass der andere etwas tut. Das darf nicht sein. Es braucht als Nächstes einen, der sich den Hut aufsetzt und die Dinge in die Hand nimmt.