Aus Sicht des Praktikers

Pfarrer Wolfgang Picken stellt sein Buch "Wir" vor

Eine Pflegekraft geht in einem Pflegeheim mit einer älteren Dame über einen Korridor.

Eine Pflegekraft geht in einem Pflegeheim mit einer älteren Dame über einen Korridor.

Bad Godesberg. Pflege, Betreuung von Kindern und Alten, Integration:  In seinem Buch "Wir" kritisiert Picken jetzt Wunschdenken, Scheinlösungen und Machbarkeitswahn.

Sozialpolitische Debatten gibt es jede Menge. Wer sie führt, schätzt oft die Theorie, denn anders ist es für die Akteure unmöglich, Fragen von Frauenerwerbstätigkeit, Kinderbetreuung, Pflegebedarf oder Flüchtlingsintegration überhaupt in den Griff zu bekommen.

Wolfgang Picken ist Pfarrer in Bad Godesberg und kennt die Praxis dieser Debatten, jenen Teil der Entwicklung, der nicht selten ausgeblendet, beschönigt und nicht zu Ende gedacht wird. Er hat aufgeschrieben, wie die Gesellschaft mit diesen Themen umgehen kann, damit ein Zusammenleben auch in Zukunft gelingt. Seine These: Die Zivilgesellschaft muss sich neu formieren, zu einem entschiedenen "Wir" bekennen. Ein gangbarer Weg, wie er immer wieder hervorhebt, und ein Weg, der Unterstützung von vielen Seiten braucht.

Pickens Diagnose ist nicht besonders erfreulich. Das Buch ist voller Skepsis gegenüber den politischen Vorgaben und den oft von Wunschdenken geprägten sozial- oder familienpolitischen Debatten. Aus der Sicht des Praktikers entpuppen sich viele Lösungen als Scheinlösungen, die neue Probleme hervorrufen. Allzu oft erliege die Politik einem Machbarkeitswahn, den selbst eine gut aufgestellte Zivilgesellschaft nicht erfüllen könne.

Picken ist katholischer Pfarrer, und so setzt sein Blick auf die Realität der Gesellschaft bei den vielen scheiternden Beziehungen ein, den Paaren, die ohne jede Unterstützung den vielen Anforderungen des Alltags gerecht werden müssen. Trennungen, so Picken, seien eine kaum zu unterschätzende lebenslange Belastung für Menschen. Man müsse mehr tun, um jungen Paaren zu helfen.

Ein paar Schlaglichter machen seinen analytischen Blickwinkel deutlich. Dem Sektor Pflege bescheinigt Picken, längst schon zusammengebrochen zu sein. Auch noch so viel Geld aus der Pflegeversicherung werde den Herausforderungen nicht gerecht, weil die Aufgabe in einer stark alternden Gesellschaft kaum lösbar sei. Erst wenn es gelinge, die Familien und andere Netzwerke wieder stärker einzubinden, gebe es Hoffnung.

Oder die in den zurückliegenden Jahren stark ausgebaute Betreuung von Kindern unter drei Jahren. Picken kritisiert die Kurzsichtigkeit der Entscheidungen, auf die keine Erzieherin wirklich vorbereitet war. Auch die langfristigen Folgen seien nicht bedacht worden. Wenn kleine Kinder immer wieder neue Bindungen eingehen müssten, habe das Auswirkungen auf ihre spätere psychische Gesundheit und ihre Fähigkeit, selbst Bindungen einzugehen.

Oder das große Thema Integration und Flüchtlinge. Der Autor arbeitet heraus, was eigentlich geschehen muss, um das Problem zu bearbeiten und zu lösen, wie viele Akteure an einen Tisch müssen, damit die Neuankömmlinge eine faire Chance bekommen und nicht zu einer dauerhaften Belastung für die ansässige Bevölkerung werden.

Pickens Buch beleuchtet die großen Herausforderungen, ist aber auch eine Art Standortbestimmung seiner eigenen Tätigkeit. Im Rheinviertel und in Godesberg arbeitet er an den sozialen Themen seiner Gemeinde, indem er die Menschen gleich welcher Herkunft und sozialen Stellung und die finanziellen Möglichkeiten mobilisiert, um die Probleme zu lösen. Hier setzt sein neues "Wir" an, eine lokale Zivilgesellschaft, die soziale Lasten gemeinsam trägt.

Ein paar Akteure dieser Gesellschaft kommen gar nicht gut weg: Der Staat zum Beispiel, der meist in Form von Kommunalverwaltungen auftritt, wenn es soziale Probleme zu lösen gilt. Picken beobachtet eine große Zögerlichkeit und Zurückhaltung, die Zivilgesellschaft konkret zu unterstützen.

Man scheue neue Wege, gebe nicht gerne die Kontrolle ab und ignoriere daher gerne Engagement, das doch von der Verwaltung eigentlich dringend gewünscht sei, denn auch die Rathäuser stehen oft ratlos vor den Aufgaben.

Noch negativer fällt sein Urteil über die Politik aus. Vertreter von Parteien hat er bei vielen Projekten kaum wahrgenommen, selbst solchen von enormer Bedeutung wie der Bewältigung der Flüchtlingsströme. Interessiert habe sich von selbst niemand.

Ein vernichtendes Urteil und ein Hinweis, warum es den Parteien derzeit so schlecht geht: Sie sind schlicht nicht mehr anwesend, wenn die Menschen sich organisieren. Ähnlich sieht es beim Thema Pflege aus. Man tue so, als ließe sich alles mit Geld regeln, und erliege dem Machbarkeitswahn.

Picken ist Christ und schon deswegen der Hoffnung verpflichtet. Er meidet den billigen Trost, so wie er in seinen Analysen und Therapievorschlägen ein durch und durch modernes Gesellschafts- und Familienbild beweist. Die Herausforderungen sind lösbar, wenn es gelingt, die Zivilgesellschaft, das freiwillige Engagement der Menschen auf die sozialen und gesellschaftlichen Themen zu lenken.

Picken lässt offen, wer das tun sollte, wer die komplexen Aufgaben koordiniert. Klar ist für ihn nur, dass die alten Strukturen (Staat, Kirchen, Religionsgemeinschaften oder Sozialverbände) in der Pflicht bleiben. Sie werden noch gebraucht. Ansonsten ist das Feld offen für alle. Picken plädiert dafür, diese Kräfte zu suchen und ohne Vorbehalt zu unterstützen. So könne das "Wir" gelingen. Dass es genug zu tun gibt, ist unstrittig. Aufgerufen mitzutun, ist jeder.

Wolfgang Picken: Wir - Die Zivilgesellschaft von morgen. Gütersloher Verlagshaus, 224 S., 18 Euro