Evangelische Jugendhilfe Godesheim

Peter Schneemelcher und Klaus Graf blicken auf 125 Jahre zurück

BONN. Die Evangelische Jugendhilfe Godesheim feiert am Dienstag mit einem Gottesdienst in der Schlosskirche und einem Festakt im Universitätsclub ihr 125-jähriges Bestehen. Godesheim-Leiter Klaus Graf und Peter Schneemelcher, Vorstandsvorsitzender der Axenfeld-Stiftung, sprechen im GA-Interview über die Entwicklung der Organisation und die Veränderungen, die diese im Laufe der Zeit erfahren hat.

Das Godesheim hat sich, seit der Godesberger Pfarrer Julius Axenfeld es gründete, stetig weiterentwickelt und verändert...
Klaus Graf: Auf jeden Fall. Aus ursprünglich christlicher Hilfemotivation entstand immer mehr ein sozialstaatlicher Teilbereich. Die Evangelische Jugendhilfe Godesheim heute ist ein moderner Jugendhilfeverbund, eine differenzierte Jugendhilfeorganisation, ein Jugendhilfeanbieter inmitten einer pluralen Gesellschaft mit den unterschiedlichsten weltanschaulichen und religiösen Hintergründen.
Peter Schneemelcher: Damit ist man dann auch bei der Frage nach dem Selbstverständnis und der Hilfemotivation der Mitarbeitenden angelangt.

Die sind also heute auf keinen Fall nur evangelisch wie anno dazumal bei Axenfeld?
Graf: Nein. Wir erleben Vielfalt als Bereicherung. Trotz unterschiedlichen Glaubens oder weltanschaulich anderer Hintergründe arbeiten wir nach gemeinsamen ethischen Grundsätzen. Wir bemühen uns also um gegenseitiges Verständnis, verstecken aber unser spezifisch christliches Profil auch nicht. Ganz im Gegenteil: Dialog setzt Identität voraus, so eben auch christliche Identität.

Wie sieht denn heute das konfessionelle Miteinander der lokalen Jugendhilfeorganisationen aus?
Schneemelcher: Die Konfessionsgrenze in der Jugendhilfe spielt heute praktisch keine Rolle mehr. Das zeigt etwa das Kooperationsprojekt zwischen dem katholischen Hermann-Josef-Haus und dem evangelischen Godesheim. Heute sind doch in Godesberg ganz andere Fragen des interkulturellen, interreligiösen Miteinanders wichtig - wenn Pfarrer Axenfeld das geahnt hätte...

Sie erinnern zum Jubiläum auch an schwere Zeiten in der Jugendhilfe-Historie?
Graf: Ja, etwa auch daran, dass in der NS-Zeit schwierige Jugendliche offiziell als "Ballastexistenzen" bezeichnet und in Jugendkonzentrationslager gesteckt wurden. Und dass immerhin im Godesheim sehr hohe persönliche Risiken von den Verantwortlichen eingegangen wurden: Man versteckte jüdische Kinder unter anderem Namen. Auch war das Godesheim Treffpunkt für führende Mitglieder der Bekennenden Kirche, der widerständigen Bewegung innerhalb der Evangelischen Kirche.
Schneemelcher: Wir erinnern an die Heimerziehung der 50er und 60er Jahre, als traumatisierte Kriegsteilnehmer als Erzieher fungierten, als in den gesellschaftlichen Moralvorstellungen von Erziehung Zucht, Disziplin und Gehorsam ganz oben rangierten.

Irgendwann kamen dann aber auch pädagogisch bessere Zeiten...
Graf: Ja sicher. Einen neuen Aufbruch gab es in den 70er Jahren mit dem sozialwissenschaftlichen Ansatz. Doch letztlich wird erst seit den Neunzigern jungen Menschen ein Recht auf Erziehung, und den Sorgeberechtigten werden Rechtansprüche auf Hilfen zur Erziehung eingeräumt. Das ist also alles eine spannende Entwicklung, die wir zwei im Dialog miteinander mit vielen weiteren Punkten bei unserer Feier beleuchten wollen.

Die Feier zum 125-jährigen Bestehen der Evangelischen Jugendhilfe Godesheim findet am Dienstag ab 12.45 Uhr im Universitätsclub, Konviktstraße 9, statt.

Zur Person

Peter Schneemelcher, 71 Jahre alt, ist evangelischer Pfarrer im Ruhestand, Doktor der Theologie und Philosophie sowie Vorstandsvorsitzender der Julius-Axenfeld-Stiftung.

Klaus Graf (56) ist Diplomsozialarbeiter, Doktor der Theologie und Leiter der Evangelischen Jugendhilfe Godesheim.