Quartier auf Rückseite des Bahnhofs

Obdachloser berichtet in Bad Godesberg aus seinem Alltag

Auf der Rückseite des Bad Godesberger Bahnhofs hat sich ein 45-jähriger Wohnungsloser eine Bleibe gebaut.

Auf der Rückseite des Bad Godesberger Bahnhofs hat sich ein 45-jähriger Wohnungsloser eine Bleibe gebaut.

Bad Godesberg. Ein 45-jähriger Obdachloser hat sich auf der Rückseite des Bad Godesberger Bahnhofs niedergelassen. Ein maroder Fahrradunterstand ist derzeit sein Zuhause. Wir haben ihn besucht.

Das derzeit ungepflegt wirkende Umfeld des Bad Godesberger Bahnhofs stört viele Anlieger und Pendler. Vielleicht sogar dankbar für die durch die Sanierungsarbeiten bedingte Situation ist dagegen ein 45-jähriger Obdachloser. Er hat im rückwärtigen Bereich, am Von-Groote-Platz, einen maroden Fahrradunterstand zur Bleibe umfunktioniert. Eine Leserin hat den GA auf den Mann aufmerksam gemacht.

„Ich habe alles mal anders geplant“, sagt der Mann zu seinem Abstieg vom Außenhandelskaufmann zum Arbeits- und Wohnungslosen. Mit der Mutter seines jüngsten Kindes hat er in Mehlem gewohnt. Aus seiner ersten Ehe gibt es drei weitere Kinder. Schon kurz vor der letzten Trennung verlor er den Halt, ließ einer Weiterbildung durch das Arbeitsamt in Köln nicht mehr das nötige Praktikum folgen.

Obdachlos nach Trennung

Im März dieses Jahres fand der seit 36 Jahren in Deutschland lebende Mann sich schließlich in einer Gemeinschaftsunterkunft wieder. „Aber das konnte ich nicht, mit fünf Leuten, die teils unsauber sind, auf einem Zimmer“, sagt er, der gerne anonym bleiben möchte. Beim Spaziergang am Von-Groote-Platz sei ihm das eingezäunte Areal aufgefallen. „Hier lag allerlei Material herum, mit dem ich mich eingerichtet habe“, meint er.

Mit seinen Eltern, die jetzt in Hamburg leben, und seinen Schwestern sei er früher viel unterwegs gewesen. „Wir haben deshalb alle ein wenig Probleme, sesshaft zu werden.“ Von seinen Großeltern erfuhr der 45-Jährige früher viel über Heilpflanzen. „Es gab immer eine große Bio-Affinität in meiner Familie“, betont er.

In seinem Leben vor der Straße spielten solche Produkte auch eine Rolle. Derzeit hat er keine Wahl mehr bei Lebensmitteln, mit der Grundsicherung kommt er kaum einen Monat lang aus. Die Eltern, so hört man im Nebensatz heraus, unterstützen ebenfalls ein wenig. „Aber das Geld ist wegen alter Schulden knapp“, gesteht er. Deshalb ist der frühere Selbstständige dankbar, wenn er in der benachbarten Offenen Tür Kaffee erhält.

Hilfe gibt es auch von der evangelischen Freikirche. „Ich bin baptistisch geprägt, das kommt dem sehr nahe“, meint der Obdachlose dazu. Kontakt zu seinen „Nachbarn“ am Bahnhof oder Passanten habe er kaum. „Ich denke, viele sehen mich als armen Jungen oder Asozialen an.“ Tatsächlich passt er nicht ins Klischee, bestätigt viele Vorurteile nicht. Alkohol spielt laut eigener Aussage kaum eine Rolle in seinem Leben, er wirkt klar und wissbegierig, ist sehr reinlich.

„Ich habe heute nicht aufgeräumt, und für ein Foto müsste ich erst mal zum Frisör, gewaschen sind die Haare aber“, entschuldigt er sich beispielsweise. Mit der Polizei komme er gut aus, was diese bestätigt. „Die Beamten der Wache Godesberg kennen den Herrn, sehen aber keine Veranlassung, ihn vom Bahnhof zu vertreiben“, sagt Frank Piontek von der Pressestelle. Zumal die Deutsche Bahn den Mann dulde, ein Mitarbeiter im August vor Ort gewesen sei. Das sagt auch der Obdachlose. Die Bahn selbst teilt allerdings auf Anfrage mit, der Sachverhalt sei ihr nicht bekannt.

Rund 100 Menschen in Bonn auf der Straße

Was aber sind die Perspektiven des Mannes an den Gleisen? Nach drei Monaten hört er zwar die vorbeirauschenden Züge nicht mehr. Aber nicht nur, weil die Nächte bald kälter werden, braucht er eine Wohnung. „Das Ungeziefer und die Mäuse hier lassen mich kaum schlafen.“ Wenn ihm alles zu viel wird, zieht er sich in die Garage eines Freundes nach Poppelsdorf zurück. Sein Problem: Er findet nur schwer in den Tag, hat immer noch keinen Wohnberechtigungsschein beantragt. „Ich bin selbst schuld, begeistere mich für vieles und verzettele mich dann.“ Manchmal repariert er Räder von Pendlern. Aber eigentlich würde er doch noch gerne sein Praktikum nachholen.

Nach Auskunft von Vize-Pressesprecher Marc Hoffmann hat die Stadt derzeit circa 220 Menschen in eigenen Unterkünften und circa 100 in Unterkünften der Freien Träger (Caritas und VFG) untergebracht. „Eine verlässliche Zahl, wie viele Menschen dieses Angebot nicht wahrnehmen und freiwillig auf der Straße leben, gibt es nicht“, so Hoffmann.

Nach letzten Schätzungen seien es etwa 90 bis 100 Menschen. Bei der Antragstellung für den Wohnberechtigungsschein gebe es Hilfe im Stadthaus oder durch die Freien Träger. Zahlen, wie viele Obdachlose 2018 eine Wohnung gefunden haben, liegen der Verwaltung nicht vor.