Verein "Ausbildung statt Abschiebung" in Bad Godesberg

Neu in Deutschland? Kein Problem!

Marie Hausmann (v. l.) und Isabelle Janai (v. M.) präsentieren den Flüchtlingen und Mitarbeitern von "Ausbildung statt Abschiebung" stolz ihr Handbuch "Neu in Deutschland".

Marie Hausmann (v. l.) und Isabelle Janai (v. M.) präsentieren den Flüchtlingen und Mitarbeitern von "Ausbildung statt Abschiebung" stolz ihr Handbuch "Neu in Deutschland".

Bad Godesberg. Zwei Mitarbeiterinnen des Vereins "Ausbildung statt Abschiebung" haben eine Broschüre für Flüchtlinge entwickelt. Verfasst ist sie in einfacher Sprache, damit die Zielgruppe die Informationen besser versteht.

Der erste (und einzige) Test des Tages: Namensschilder basteln. Das Klebeband erweist sich als widerspenstig, und der Edding ist auf der rutschigen Oberfläche weniger wasserfest als gedacht. Als bei allen Mitarbeitern und Flüchtlingen in den Räumlichkeiten des Vereins „Ausbildung statt Abschiebung“ (AsA) ein Streifen mit Namen auf der Brust klebt, kann es losgehen.

Die beiden Organisatorinnen Isabelle Janai (25) und Marie Hausmann (25) eröffnen die Runde: „Dann sagen wir mal: willkommen!“, schließlich sei das hier ein „Willkommenstag“. Der Verein soll sich und seine Angebote vorstellen, aber auch Janai und Hausmann haben etwas zu präsentieren: Nach monatelanger Entwicklungszeit haben sie ihr Handbuch für Flüchtlinge „Neu in Deutschland“ fertiggestellt.

Janai und Hausmann studieren im Master Rehabilitationswissenschaften, eine Weiterführung der Erziehungswissenschaften, an der Universität zu Köln. Bis zu diesem Willkommenstag war es ein langer Weg.

Hilfe für das alltägliche Leben

Die Kooperation mit AsA entstand aus dem Uni-Projekt „Gemeinsam Türen öffnen“, das Janai und Hausmann im Rahmen eines Seminars entwickelten und durchführten. Schon im Juni letztes Jahr ging es mit der Planung los, im November folgte das erste Treffen bei AsA.

Bis Januar 2016 trafen sich die beiden sieben Mal mit einer Gruppe Flüchtlinge. In den zwei Stunden langen Sitzungen sprachen sie mit den jungen Männern aus Afghanistan, Eritrea, dem Iran und Iran über das Leben in Deutschland und Unterschiede zu ihrer Heimat.

Sie wollten den Flüchtlingen „Hilfe für das alltägliche Leben“ bieten, etwas, das ihnen “die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht“, so Hausmann. Schnell war die Idee eines Handbuchs geboren.

Broschüren über Asylrecht gebe es viele, doch die Sprachbarriere verhindere oft, dass Flüchtlinge wirklich etwas mit ihnen anfangen können, so Janai. „Da sind teilweise Texte drin, die nicht mal ein erwachsener Deutscher versteht.“

Gegenentwurf zu vorhandenen Broschüren

„Neu in Deutschland“ soll einen Gegenentwurf zu solchen Broschüren darstellen. „Das ist ja in Deutsch“, ruft ein junger Syrer beim Lesen aus und lacht. Um die Verständlichkeit trotzdem zu gewährleisten ist das Handbuch in „leichter Sprache“ verfasst.

Diese vom „Netzwerk Leichte Sprache“ entwickelte Version des Deutschen zielt darauf ab, die Komplexität der Sprache zu reduzieren, um Texte leichter verständlich zu machen. Dazu gehört zum Beispiel, kurze Sätze zu verwenden, sich an eine klare „Subjekt-Prädikat-Objekt“-Satzstruktur zu halten und zusammengesetzte Wörter mit einem Bindestrich zu trennen („Meinungs-Freiheit“ oder „Mit-Fahr-Gelegenheit“). Darüber hinaus ist das Handbuch von anschaulichen Illustrationen durchzogen, die zwei Kommilitoninnen gestalteten.

Bei der Entwicklung war es Hausmann und Janai besonders wichtig auf Augenhöhe mit den Flüchtlingen zu sprechen, um das Handbuch auf deren konkreten Erfahrungen aufzubauen. Neben handfesten Tipps und Verhaltensregeln enthält das 28 Seiten starke Handbuch Zitate und Erlebnisse der jungen Männer, die bei der Entwicklung geholfen hatten.

Behandelt werden Themen wie Weihnachten, Freizeit, Medien und der deutsche Alltag. Es wird erklärt wie man einen Fahrschein kauft, wie das Schulsystem funktioniert oder was im Krankheitsfall zu tun ist. Auch abstraktere Konzepte wie Gleichberechtigung und Demokratie werden angesprochen.

Bald PDF-Version kostenlos verfügbar

„Wir haben das nicht nur im Rahmen der Uni gemacht, um unsere Credit Points zu kriegen“, sagt Janai und Hausmann ergänzt: “Das Handbuch soll nicht in der Schublade versauern.“ „Das ist unser Baby. Wir wollen, dass es sich entwickelt und groß wird“, meint Janai lachend.

Eine PDF-Version kann bald kostenlos auf der Homepage von AsA heruntergeladen werden. Für die Zukunft können die beiden Entwicklerinnen sich auch Versionen in anderen Sprachen vorstellen. Konkret ist die Verlegung noch nicht geplant, aber verschiedene Institutionen und die Stadt Bonn sollen noch kontaktiert werden.

Nach dem Abschluss des Projekts im Dezember blieben Hausmann und Janai bei AsA. Mittlerweile arbeiten sie dort als Honorarkräfte und betreuen zwei Projekte. Beim „Mittagstisch“ kochen sie mit Flüchtlingen jeden Montag Gerichte aus deren Heimat und vermitteln ihnen Küchen-Vokabular sowie eine gesunde Ernährungsweise. Bei „Bonn entdecken“ erkunden sie zusammen die Stadt und Umgebung: den Kölner Zoo, eine Kletterhalle, das Museumsmeilenfest. Zuletzt waren sie bei einem Spiel des Bonner SC.