Legendäre Godesberger „Lindenwirtin“

Nachlass von Aennchen Schumacher liegt im Stadtarchiv

Bad Godesberg. Der Nachlass von Aennchen Schumacher lagert im Stadtmuseum. Derweil verfällt die Traditionsgaststätte unterhalb der Godesburg zunehmend. "Die Godesberger" kritisieren das.

Als „kleine Sensation“ wertete der Leiter des Bonner Stadtarchivs, Norbert Schlossmacher, was vor 13 Jahren in den Tiefen der Aktenbestände entdeckt wurde. Es handelte sich um die Brille von Aennchen Schumacher, der legendären Godesberger „Lindenwirtin“, die für Generationen von Studenten eine Art Ersatzmutter war.

Zu danken war der Fund einem Mitarbeiter des Stadtarchivs, dem eine unscheinbare Akte aus dem Nachlass des früheren Bad Godesberger Bürgermeisters Heinrich Hopmann in die Hände gefallen war. Neben Zeitungsausschnitten und Briefen befand sich auch eine zierliche Brille, eingerollt in eine Papierserviette. „Na ja, nicht gerade eine Designerbrille“, lacht Ingrid Bodsch, Leiterin des Bonner Stadtmuseums.

Nachdem die Brille damals wieder den Weg zurück in die Traditionsgaststätte fand, kehrte sie vor fast zwei Jahren, als die Gaststätte ihre Pforten schloss, wieder zurück ins Stadtmuseum – zusammen mit vielen anderen Gegenständen, die das berühmte Lokal über Jahrzehnte zierten, darunter Menursäbel, Gemälde, Gästebücher, Aennchens geliebtes Klavier – und die Brille. Die anthrazitfarben umrandete Brille diente wohl der Korrektur der Altersweitsicht. Die Zuordnung der Brille zu Aennchen Schumacher gelang über einen Vermerk, der sich ebenfalls in der Akte befand. Die Akte selbst legte Hopmann vermutlich im Zuge der Vorbereitungen zum 100. Geburtstag von Aennchen Schumacher am 22. Januar 1960 an.

Seit der Schließung der Gaststätte vor bald zwei Jahren und dem Verkauf des Hauses tut sich bislang nichts. Am Briefkasten steht ein arabischer Name, eine gastronomische Nutzung ist für die Zukunft beantragt – aber der neue Eigentümer ist weiterhin in der Öffentlichkeit unbekannt. Derweil verschlechtert sich der Zustand des Hauses und gibt nach Ansicht von Juppi Schaefer „ein trauriges Bild“ ab. „Seit fast zwei Jahren verkommt eines unserer Wahrzeichen. Wo vor dem Besitzerwechsel noch ein Relief hing, bröckelt heute der Putz“, so Schäfer, der für seine Fraktion „Die Godesberger“ einen Bürgerantrag für die nächste Sitzung der Bad Godesberger Bezirksvertretung an diesem Mittwoch gestellt hat. Darin wird der neue Eigentümer auf seine Sorgfaltspflicht hingewiesen und gebeten, das Efeu zu entfernen sowie die Fassade auszubessern.

Das Relief wurde offenbar gleich nach Schließung des Hauses entfernt, von wem auch immer. Jedenfalls gehört es nicht zu den Gegenständen, die im Stadtmuseum lagern. „Selbst wenn wir es hätten, würde es uns nicht gehören“, sagt Ingrid Bodsch. Ein Verzeichnis aus den 60er Jahren hatte klar festgelegt, welche Gegenstände des Hauses Eigentum der Stadt sind.

Die Stadtverwaltung weist in einer Stellungnahme darauf hin, dass ein bauordnungsbehördliches Einschreiten nur dann in Betracht komme, „wenn von dem Objekt eine Gefahr für die Öffentliche Sicherheit und Ordnung ausgeht“. Dies wäre beispielsweise der Fall, wenn sich Bauteile gelöst hätten und diese auf öffentliche Verkehrsfläche zu stürzen drohten. Dies sei jedoch nicht der Fall. „Allein der unschöne und verwahrloste Anblick eines Objekts stellt keine Gefahr dar“, so die Stadtverwaltung, die auch darauf hinweist, dass bislang weder ein Bauantrag noch eine Bauvoranfrage vorliege.

Der neue Gastronom habe lediglich im Oktober vergangenen Jahres die erforderliche Gaststättenerlaubnis beantragt und angegeben, einen Mix aus gutbürgerlicher deutscher Küche und mediterraner Küche anbieten zu wollen. Wann eröffnet werden soll, sei weiterhin unbekannt

Der einstige „Gasthof zum Godesberg“, den die berühmte Lindenwirtin Aennchen Schumacher 1878 mit gerade einmal 18 Jahren übernahm und zu einem der bekanntesten Studentenlokale im Rheinland machte, wurde seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von Hans Hofer und seinem Nachfolger Holger Klagge erfolgreich als Gourmetrestaurant betrieben.

Am 26. Februar 1935 starb Aennchen Schumacher im Alter von 75 Jahren. Vier Wochen zuvor war sie Bad Godesberger Ehrenbürgerin geworden. Was von ihrer Hinterlassenschaft bekannt ist, verteilt sich derzeit auf zwei Orte: das Stadtarchiv und das Stadtmuseum. Anlässlich der 200-Jahr-Feier der Bonner Universität im nächsten Jahr verspricht Bodsch, noch einmal „einen kleinen Blick auf Aennchen Schumacher und ihre Studenten zu werfen.“ Mit oder ohne Brille.