Buch "Kindheitsgärten"

Monika Lamers schreibt Geschichten aus den Kinderjahren in Mehlem

Hier hat sie gelebt: Buchautorin Monika Lamers vor ihrem ehemaligen Elternhaus in der Schule an der Mehlemer Straße.

Hier hat sie gelebt: Buchautorin Monika Lamers vor ihrem ehemaligen Elternhaus in der Schule an der Mehlemer Straße.

BAD GODESBERG. Die 1941 in Bad Godesberg geborene Autorin Monika Lamers, die Lehrerin war und zum Verband deutscher Schriftsteller gehört, hat ihr neuestes Buch „Kindheitsgärten“ herausgegeben.

„Demarkationslinie“ nennen die Mehlemer Kinder die Bahntrasse zwischen ihrem Ober- und Unterdorf in der Erzählung „Der Kirschenbaron“ von Monika Lamers. An den Dämmen, wo die Züge Richtung Koblenz oder Bonn hinwegrauschen, treffen sich die Jungen, um als „Räuber und Schanditz“, oder auf Hochdeutsch Polizist, frei durchs Gelände zu streifen.

„Das Kind“, ein Mädchen, ist fast immer dabei, als Beobachterin auch dann, als die mutigsten Jungs den Sandweg am Bahndamm überqueren und auf die Mauern des Gartenareals des „Barons“ klettern. Und zwar, „um sich gehörig mit den süßen knackigen Herzkirschen von gelblich roter Reife einzudecken“, die da aus dem „freiherrlichen Park“ herüberlocken. Nur dass die Jungs dann doch vom Hausherrn erwischt und „mit Donnerstimme“ vertrieben werden. Das aber vor allem deshalb, weil sie seine ruhige Zurechtweisung, nicht so viel Lärm zu machen, ignorieren. Und warum hatte einen der Jungs auch noch der Hafer gestochen, dass er sich über des Mannes großen weißen Panamahut lustig machte?

Lamers, die Lehrerin war und zum Verband deutscher Schriftsteller gehört, hat mit dieser „Kirschenbaron“-Geschichte und anderen Erzählungen ihr neuestes Buch „Kindheitsgärten“ herausgegeben. Und das spielt wirklich in den Gärten ihrer Kindheit. „Unser Vater war ab 1947 Lehrer an der Mehlemer Volksschule, in der wir auch wohnten“, berichtet Lamers und blickt an der heutigen Französischen Schule hoch. Letztens habe sie bei einem Mehlem-Besuch auch den Kirschgarten von damals gesucht – vergeblich. „Da ist heute leider alles zugebaut.“ Ein Baron sei der Besitzer wohl auch nur in den Vorstellungen der Kinder gewesen, sinniert Lamers, und das Gartenareal war in Wirklichkeit sicher auch viel kleiner. „Kinder vertun sich ja mit Größenordnungen und Entfernungen leicht.“ Lamers lächelt.

Gedichte bekannter Lyriker mit auf die Seiten verstreut

Ihre Leser führt sie im Buch übrigens nicht nur am Mehlemer Bahndamm entlang, sondern auch in „Onkel Bens“ Godesberger Garten im Villenviertel, wo „das Kind“ auf Besuch immer mit Leib und Seele in eine verwunschene Dornröschenwelt eintaucht. Für den Onkel, den „Compositeur“, ist sein Garten Refugium seiner künstlerischen Weltflucht. Für die Nichte bedeutet er ganz einfach den „Duftrosengarten“, dessen betörenden Gerüchen sie noch heute sehnsuchtsvoll nachzuspüren versucht.

Dabei hört sie wie im Traum wieder, wie der Onkel vom Haus aus Beethoven'sche Klaviersonaten spielt. Lamers hat kürzlich einmal von außen in diesen Garten an der Hohenzollernstraße zu blicken versucht. „Auch da ist alles kleiner, als ich es in Erinnerung habe.“

Im Buch hat sie eigene und Gedichte bekannter Lyriker mit auf die Seiten verstreut. Dazu kommen einfühlsame Scherenschnitte von Brigitte Springmann, die den beinahe entrückten Charme dieses Büchleins mit dem sanftgelben Cover noch verstärken.

Die Gartenbuchautorin Dorothée Waechter hat Lamers ein Vorwort geschrieben. Die von Lamers beschriebene Kindheit erweise sich als Entdeckungsreise durch die Welt, konstatiert Waechter. Diese Welt müsse nicht weit und groß sein. „Der Radius reicht nur bis in den Garten, der aber zum Medium erster Weltverhältnisse gedeihen kann.“ Die Vermessung der Welt dieses kleinen Godesberger Kriegskinds findet also in den Gärten der alten Bäderstadt statt.

Da sitzt „das Kind“, wenn Freundin Gisela es von den wilden Jungs weg zum Puppenspielen geholt hat, auf windstillen Wiesenstücken auf der Wolldecke. Direkt am parkähnlichen Garten des „Kirschenbarons“ lagern die Mädchen. „Sie spielten, die Puppenväter seien im Krieg vermisst, und nun müssten sie ganz allein für die Kinder sorgen.“ Und plötzlich reicht ihnen der „Baron“, ein großer hagerer Herr, durch die schwarzen Stäbe seines Tors ein Körbchen mit diesen köstlichen prallen Kirschen seines Gartens herüber. „Die Puppenkinder haben doch gewiss Hunger, nicht wahr, meine Damen?“, hören Gisela und „das Kind“ und sind mehr als baff.

„Insgeheim beschloss das Kind, niemandem davon zu erzählen, denn die großen Jungen hätten ihm doch nicht geglaubt“, beschließt Lamers die Erzählung. Und etwas vom Zauber der Kindheit sicher auch anderer älterer Godesberger scheint immer noch durch die Zeilen zu schimmern.

Im Handel erhältlich: Monika Lamers „Kindheitsgärten“ – Erzählungen mit Scherenschnitten von Brigitte Springmann, Kid Verlag, Bonn 2018, 12,80 Euro