Fall Niklas Pöhler

Massive Kritik an Bonner Staatsanwaltschaft

Ein Holzkreuz, Blumen und Kerzen stehen an diesem Montag an der Stelle, an der Niklas Pöhler am 7. Mai 2016 von Schlägern attackiert wurde und fünf Tage später an den Verletzungen starb.

Ein Holzkreuz, Blumen und Kerzen stehen an diesem Montag an der Stelle, an der Niklas Pöhler am 7. Mai 2016 von Schlägern attackiert wurde und fünf Tage später an den Verletzungen starb.

BAD GODESBERG. Bad Godesberger und Polizeigewerkschaft sind schockiert, dass der Tod von Niklas Pöhler ungesühnt bleibt. Die Staatsanwaltschaft räumt eine Kommunikationspanne ein.

Fassungslosigkeit herrscht in der Stadt über die Einstellung der Ermittlungen im Fall Niklas Pöhler. Auch, dass die Staatsanwaltschaft die Mutter des damals 17-Jährigen nicht über ihre Entscheidung informiert hatte, sondern Dénise Pöhler dies aus den Medien erfuhr, sorgt für völliges Unverständnis. „Ich befinde mich im Schockzustand“, hatte Dénise Pöhler dem GA geschrieben. Das Vorgehen der Staatsanwaltschaft sei „so kurz vor Niklas drittem Todestag mal wieder völlig empathielos“ gewesen.

„Es ist wirklich unmöglich, die Mutter muss doch als erstes informiert werden“, sagte Eva Hörnlein am Montag bei einer GA-Umfrage in Bad Godesberg. Hannes Schuck sieht das genauso. Der 70-Jährige kritisierte das „fehlende Feingefühl“ der Staatsanwaltschaft. Er hoffe, dass jemand irgendwann „Ross und Reiter nennen wird“. Und: „Es ist schade, dass es keine rechtlichen Mittel gibt, um die Beteiligten zur Aussage zu zwingen.“ Hans Joachim Bauer (84) sieht Nachholbedarf aufseiten des Gesetzgebers. „Wenn das Gesetz so ist, ist das so. Aber es müsste geändert werden.“

Verfahren schon vor Wochen eingestellt

Der Bonner Oberstaatsanwalt Robin Faßbender räumt eine Kommunikationspanne ein. Bereits vor einigen Wochen sei das Verfahren eingestellt worden, normalerweise würden dann die Angehörigen, die Beschuldigten und deren Anwälte darüber in Kenntnis gesetzt. In diesem Fall aber seien die Benachrichtigungen zurückgestellt worden, „aus sachlichen Gründen. Es mussten noch einige Dinge geklärt werden.“ Dies sei ihm nicht bewusst gewesen, als er mit den Medien gesprochen habe. „Wir werden uns zeitnah mit Frau Pöhler in Verbindung setzen und uns entschuldigen“, sagte Faßbender.

 

Wolfgang Picken, Bonner Stadtdechant und Seelsorger von Dénise Pöhler, spart nicht mit Kritik. Zwar habe sich die Staatsanwaltschaft entschuldigt, aber es handele sich nicht um die erste Kommunikationspanne in diesem Fall. „Man hat das Gefühl, dass die Staatsanwaltschaft die Akten im Blick hat, aber nicht die beteiligten Personen“, sagte Picken. Fachlich sei das nicht nachvollziehbar, „menschlich ist es ein Armutszeugnis“. Auch aus seelsorgerischer Sicht sei das Vorgehen der Staatsanwaltschaft problematisch. „Solche Fehler bügelt man als Seelsorger nicht einfach aus.“ Sie bedeuteten eine immense Belastung für die Betroffenen.

Stadtdechant spricht von einem menschlichen Armutszeugnis

Juristisch könne man die Einstellung des Verfahrens nicht bewerten, sagte Udo Schott, Vorsitzender der Bonner Gewerkschaft der Polizei (GdP). „Aber auch wir sind betroffen, dass der völlig unnötige Tod eines jungen Menschen ungesühnt bleibt.“ Für die Angehörigen müsse dies „unerträglich sein, und für das Vertrauen in den Rechtsstaat ist dieser Zustand ein schwerer Schlag“.

Zeugen, die Bescheid wüssten, aber nicht aussagten, machten sich nicht nur mitschuldig, sie versündigten sich „einmal mehr an den Angehörigen des Opfers“. Auch für die Polizei sei es unerträglich, „dass diese vermutlich aufklärbare schwere Straftat, die den Tod eines Menschen zur Folge hatte, derzeit juristisch nicht geahndet ist“, sagt Schott.

(Dieses Video gehört zu einer Kooperation von GA und WDR.)

Der 17-Jährige Niklas war in der Nacht vom 7. Mai auf dem Rückweg von „Rhein in Flammen“ in Bad Godesberg von anderen jungen Männern zusammengeschlagen worden und fünf Tage später seinen Verletzungen erlegen. Als vermeintlicher Täter war Walid S. aus Mehlem wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt worden. Doch der Prozess vor dem Landgericht endete mit Freispruch aus Mangel an Beweisen. Walid S. hatte die Vorwürfe stets bestritten. Nun wurden die Ermittlungen eingestellt, weil alle Zeugen eisern schweigen.

Sollte sich das ändern, würden die Akten sofort wieder geöffnet, versichert Robin Faßbender. Ob er meint, dass das geschieht? „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, antwortete der Oberstaatsanwalt. Derzeit gebe es zwar keine Anhaltspunkte, aber es bestehe die Möglichkeit, „dass jemand vernünftig wird und mit uns redet“.

Der heute 23-jährige Walid S. ist polizeibekannt. Unter anderem wurde er verdächtigt, in mehrere Schlägereien verwickelt gewesen zu sein. So auch in der Nacht zum 10. Februar am Uni-Hauptgebäude. Dabei wurde ein 26-Jähriger so brutal attackiert, dass er mit Kopfverletzungen ins Krankenhaus kam.

Wenige Tage später wurde Walid S. festgenommen. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft, weil die Justiz Wiederholungsgefahr sieht. Die Staatsanwaltschaft erwirkte Haftbefehl wegen gefährlicher Körperverletzung gegen den 23-Jährigen. „Die Ermittlungen dauern an, liegen aber in den Endzügen“, sagte Faßbender dem GA.