Science-Fiction-Autorin

Julia von Lucadou wird erste Stadtschreiberin Bonns

Bonns erste Stadtschreiberin Julia von Lucadou

Bonns erste Stadtschreiberin Julia von Lucadou

Bad Godesberg. Der Verein Lese-Kultur Godesberg vergibt das dreimonatige Literaturstipendium an die 36-jährige Science-Fiction-Autorin Julia von Lucadou, die gerade mit ihrem dystopischen Roman „Die Hochhausspringerin“ für Furore sorgte.

35 deutschsprachige Autoren haben sich in den vergangenen Wochen beworben, erster Stadtschreiber Bonns zu werden. Gut die Hälfte von ihnen waren „bundesweit arrivierte Autoren mit Buchveröffentlichungen in mehreren Verlagen“, wie Barbara Ter-Nedden und Serap Gürkan vom Ausrichterverein Lese-Kultur Godesberg erläutern. Die Wahl der Jury fiel dann aber einstimmig auf eine Frau, die ganz aktuell mit ihrem Debütroman die großen deutschen Feuilletons beschäftigt: auf die 36-jährige, in Heidelberg geborene Julia von Lucadou.

Ihr dystopischer, also zukunftspessimistischer, Roman „Die Hochhausspringerin“ habe auch die Bonner Jury fasziniert, weil er gleichzeitig so realitätsnah mit seinen Hauptthemen Big Data, zwanghafte Selbstoptimierung und gläserner Angestellter umgehe, führen Ter-Nedden und Gürkan aus. „Der Roman zeigt das bemerkenswerte literarische Potenzial der Autorin.“ Die Feuilletons loben ihrerseits die Genauigkeit der Beschreibung, die makellose Sprache und insgesamt den Orwell'schen Blick dieses „verstörend prophetischen Erstlingsromans“ (Berliner Zeitung).

Beeindruckende Persönlichkeit

Die hiesige Jury habe sich aber auch von der Persönlichkeit Julia von Lucadous beeindrucken lassen, sagt Ter-Nedden: Die promovierte Filmwissenschaftlerin sei Kosmopolitin, die sich in New York, Köln und der Schweiz gleichermaßen zu Hause fühle – und die sich schon vor ihrem Antritt am 1. November dieses Jahres sehr interessiert an Bonn und am Stadtteil Bad Godesberg zeige. Was von Lucadou, die im Villenviertel wohnen wird, auf GA-Anfrage auch gerne bestätigt. „Ich finde Brüche, Veränderung inspirierend. Und Bonn ist so ein Ort der Veränderung. Ich bin sicher, dass man gerade im Bad Godesberger Boden noch viele alte Hauptstadtspuren findet und gleichzeitig ganz viel Neues, viele frische Knospen“, antwortet sie. Ihren kreativen Freiraum werde sie hier gerne nutzen. „Ich möchte ein neues Projekt beginnen, vielleicht einen zweiten Roman, vielleicht aber auch etwas ganz anderes. Mal sehen, wozu mich Bonn inspiriert.“

An der Stadtschreiberaufgabe reize sie besonders die Aussicht, ganz in einen fremden Ort einzutauchen, Zeit und Raum zu haben, sich ausgiebig einem neuen Projekt zu widmen – „im Austausch mit den Menschen vor Ort, beim Verlaufen in den unbekannten Straßen“, ergänzt die Autorin, die bislang als TV-Redakteurin und Regieassistentin gearbeitet hat. Drei Monate lang werde sie Einwohnerin von Bonn sein und versuchen, sich genauso wie andere Bürger einzubringen. Werde das nicht eine spannende Kombination: eine Kosmopolitin im pittoresken Villenviertel? „Das hoffe ich“, entgegnet von Lucadou sofort. Bonn sei ja zum Glück auch sehr kosmopolitisch und kulturell abwechslungsreich. „Da fällt das Eingewöhnen bestimmt nicht schwer. Und aufs Villenviertel bin ich gespannt, das kenne ich noch nicht.“

Wohnung in der Kronprinzenstraße

Der Verein hat ihr inzwischen in der Kronprinzenstraße eine Wohnung in einer Villa besorgt: mit hohen stuckverzierten Wänden und Fenstern. Die Besitzerin, die anonym bleiben will, zeigt sich von der Idee, die Tradition des Stadtschreibers nun auch in Bonn wieder aufleben zu lassen, jedenfalls begeistert. „Unsere Stadtschreiberin soll ihren Blick von außen auf Godesberg und Bonn lenken können“, meint sie. Gerade das so viel gescholtene Bad Godesberg möge von dieser neuen Perspektive profitieren. „Ich freue mich jetzt schon auf das, was da aus der Feder einer jungen Autorin kommen mag.“

Von Lucadou jedenfalls ist derzeit sehr mit den Reaktionen auf ihr gerade erschienenes Science-Fiction-Buch beschäftigt. „Schreiben ist ja eine Form der Kommunikation. Während der Jahre, die ich alleine am Schreibtisch über meinem Roman saß, habe ich gehofft, dass es später Leser geben wird, die verstehen, was ich mit meinem Text zu sagen versuche, und den Dialog aufnehmen“, erklärt die 36-Jährige. Diese Hoffnung gehe jetzt mit den positiven Reaktionen in Erfüllung. Und mal sehen, was auf sie ab November als erste Stadtschreiberin Bonns zukommt.