„Soziale Spannungen haben sich verstärkt“

Interview mit Peter Kloeppel über Bad Godesberg

Peter Kloeppel und seine Kollegin Nazan Eckes haben für die RTL-Dokumentation ein Jahr lang in Bad Godesberg recherchiert.

Peter Kloeppel und seine Kollegin Nazan Eckes haben für die RTL-Dokumentation ein Jahr lang in Bad Godesberg recherchiert.

Bonn. Der Fernsehsender RTL zeigt am Montag, 21. August, ab 22.15 Uhr eine Dokumentation mit dem Titel „Angst vor den neuen Nachbarn: Wie viel Zuwanderung kann eine Stadt vertragen?“. Der Schauplatz: Bad Godesberg.

Reporter und RTL-Anchorman Peter Kloeppel, der selbst in Bad Godesberg wohnt, sprach über seine Eindrücke aus dem Stadtbezirk und darüber, was in der neuen Dokumentation zu sehen ist.

Sie stellen im Titel Ihrer Dokumentation die provokante Frage: „Wie viel Zuwanderung kann eine Stadt vertragen?“ Wie lautet Ihre Antwort?

Peter Kloeppel: Das lässt sich nicht in Prozentzahlen sagen. Nach meiner Erfahrung der vergangenen Jahre – und zwar allgemein, nicht nur auf Bonn oder Köln bezogen – funktionieren Zuwanderung und Integration nun dann, wenn Bürger und Behörden einer Stadt die Menschen, die hier her kommen, als eine Gemeinschaftsaufgabe verstehen. Und die Neuankömmlinge müssen sich auch integrieren wollen. Es ist eine Herausforderung für jede Stadt, wenn wie im Jahr 2015 und auch Anfang 2016 Hunderttausende von Menschen ins Land kommen. Trotzdem kann Zuwanderung an gesellschaftliche Grenzen stoßen – und das erleben wir auch hier.

Warum haben Sie ausgerechnet Bad Godesberg für Ihre Langzeitdokumentation ausgewählt?

Kloeppel: Wir sind schon zwei Mal für Dokumentationen in Bad Godesberg gewesen, vor sechs und vor acht Jahren. Der Stadtbezirk repräsentiert unserer Meinung nach ein wenig Deutschland im Kleinen: Wir haben eine Stadt, die sehr in sich ruhte. Mit der Wiedervereinigung und dem Umzug der Regierung nach Berlin hat sich das geändert. Vieles von dem, das bis dahin klar geregelt war, war auf einmal nicht mehr so klar. Die Hauptstadtrolle ist weggefallen, viele Bürger sind weggezogen, neue sind dazugekommen. Auch bei der Sicherheit gab es eine Fluktuation.

Mit welchen Folgen?

Kloeppel: Gerade in Bad Godesberg war bis Ende der 90er Jahre die Polizei sehr präsent. Das hat sich durch den Umzug zwangsläufig geändert. In unseren ersten Dokumentationen haben wir beobachtet, dass sich viele Menschen, die sich bis dahin sicher und aufgehoben fühlten, auf einmal nicht mehr so beschützt sahen. In gewisser Weise das, was auch Deutschland nach der Wiedervereinigung in Teilen durchgemacht hat: Es wurde zunächst eine unsicherere Zeit, und soziale Spannungen haben sich verstärkt.

Wer sind die Hauptprotagonisten in der Dokumentation?

Kloeppel: Wir haben über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr eine fünfköpfige syrisch-libanesische Flüchtlingsfamilie begleitet, und wir haben parallel sehr viele Godesberger getroffen, um zu beobachten, was sich in der Stadt tut. Bad Godesberg hat ja nicht nur die Flüchtlinge als Integrationsthema, sondern zum Beispiel durch den sogenannten Medizintourismus auch noch andere Herausforderungen zu meistern.

Was haben Sie mit der Flüchtlingsfamilie erlebt, wo steht sie heute?

Kloeppel: Die Familie kam wie viele andere ja auch mit leeren Händen hier an. Der Internationale Tennisclub ITC in Mehlem hat sich bereiterklärt, im Winter 2015/16 für ein paar Monate das Vereinsheim zu räumen und ihnen als Unterkunft zur Verfügung zu stellen. Wir haben beobachten können, wie die Familie sich in Godesberg eingelebt und, auch mit Hilfe von Kontakten zu Mitgliedern des Tennisclubs, ein wenig Fuß gefasst hat. Inzwischen sind sie zweimal umgezogen, die beiden Töchter gehen hier zur Schule, es machen alle ihre Sprachausbildung. Der Vater hat versucht, einen Job zu finden; er arbeitet inzwischen für einen Malerbetrieb. Insofern hat die Familie mit den klassischen Problemen zu kämpfen wie Hunderttausende von Menschen, die 2015 und 2016 hierhergekommen sind.

Wie war die Aufteilung zwischen Ihnen und Kollegin Nazan Eckes?

Kloeppel: Nazan hat den Kontakt zur Familie gehalten, ich habe mehr mit Menschen aus der Stadt gesprochen; mit Einwohnern natürlich, aber auch mit dem Oberbürgermeister, der Bezirksbürgermeisterin und Pfarrer Wolfgang Picken zum Beispiel, aber auch mit der Polizeipräsidentin. Wir haben versucht, die Situation in Bonn so umfassend wie möglich darzustellen.

RTL bezeichnet Bad Godesberg in der Ankündigung als Problem-Stadtteil und Brennpunkt. Das hören die Godesberger sicher nicht gerne. Bei den Stichworten Entfremdung und Heimatverlust finden sich wahrscheinlich viele wieder. Wie haben Sie die Befindlichkeiten der alteingesessenen Godesberger erlebt?

Kloeppel: Da gibt es ganz unterschiedliche Positionen. Es gibt Alteingesessene, die die Bonner Republik der 70er Jahre wiederhaben möchten und mit der jetzigen Situation nicht gut klarkommen. Es gibt andere, die sagen: Wir sind schon immer ein internationaler Standort gewesen und haben es immer geschafft, die Menschen, die zu uns gekommen sind – als Diplomaten, als Gäste – so aufzunehmen und zu akzeptieren, dass wir alle gut miteinander ausgekommen sind. Dazu kommen nun aber spezifische Probleme, die dazu führen, dass sich einige Godesberger gar nicht mehr zu Hause fühlen, gerade wenn es um die Medizintouristen aus arabischen Ländern geht.

Das wäre meine nächste Frage gewesen. Welche Rolle spielt der Medizintourismus in Ihrer Dokumentation?

Kloeppel: Dieses Thema emotionalisiert die Menschen natürlich. Es gibt lautstarke Kritik an der Vollverschleierung vieler Frauen, wir haben das Problem der Fehlbelegung, die in einigen Wohnblocks stattfindet, und natürlich auch die Veränderung im optischen Erscheinungsbild mancher Straßen, Passagen und Geschäfte. Da beobachten wir ja, wenn auch langsam, stärkere Kontrollen und den Versuch der behördlichen Steuerung. Gleichzeitig gibt es andere, die sagen, das alles ist kein großes Problem, und man wird hier in Godesberg auch weiter friedlich einkaufen können, selbst wenn jetzt mehr von arabischen Inhabern geführte Geschäfte da sind.

Stichwort Jugendgewalt: Sie waren auch an der Gedenkstätte für Niklas Pöhler an der Rheinallee. Haben Politik und Polizei da in inzwischen die richtige Antwort gefunden?

Kloeppel: Ich glaube, man ist auf einem guten Weg. Der tragische Fall war aber sicher auch ein Weckruf. Politik, Justiz und Polizei haben verstanden, dass man beim Thema Jugendkriminalität intensiver und vor allem nachhaltiger und konsequenter ansetzen muss. Die Politik arbeitet unter anderem daran, das Freizeitangebot für Jugendliche anzupassen – nehmen wir nur das One World Café beispielsweise als einen Anlaufpunkt. Die Polizei hat erkannt, dass eine stärkere Präsenz in den Parks und Vierteln wichtig ist und Klagen der Bürger ernstgenommen werden müssen. Es gibt ein Bewusstsein, aber das Sein scheitert oft auch noch an der Personalausstattung und am Geld.

Die RTL-Informationsprogramme widmen sich am 21. August schwerpunktmäßig dem Thema Integration: Ist diese am Ende Ihrer Recherche gelungen?

Kloeppel: Integration ist ein Prozess, der sich über einen langen Zeitraum hinweg erstreckt und natürlich immer wieder Rückschläge erlebt. Wenn es um die Frage geht: Sind Menschen hier angekommen? Fühlen sie sich hier aufgenommen? Versuchen sie, Teil dieser Gesellschaft zu werden und versucht diese Gesellschaft auch, den Neuankömmlingen eine Chance zu geben? Ich glaube, dass die Familie, die wir begleitet haben, schon sehr weit gekommen ist.

Wird das Thema Flüchtlinge bei der der Bundestagswahl eine entscheidende Rolle spielen

Kloeppel: Nicht die entscheidende Rolle, aber schon eine wichtige. Wahlentscheidungen sind ja oft stark geprägt von der Hoffnung auf soziale und persönliche Absicherung sowie mögliche Perspektiven für das eigene Leben. Da spielt natürlich die Zuwanderung auch eine Rolle. Mein Eindruck ist, dass sich viele Deutsche in den vergangenen zwei Jahren stark engagiert und festgestellt haben: Das war und ist eine Riesenherausforderung, und wir haben schon eine Menge geschafft. Alle Probleme hinter uns gebracht haben wir da noch lange nicht.