Stadtspaziergang durch Godesberg

Imperia-Motorräder und Rheila-Perlen

BAD GODESBERG. Beim Stadtspaziergang entlang der Friesdorfer Straße lässt sich die Godesberger Industriegeschichte entdecken.

Die Bad Godesberger Industriegeschichte fängt direkt hinter dem Aennchen an. Denn wer einen Fuß auf die Friesdorfer Straße setzt, der ist schon mittendrin in der industriellen Vergangenheit (und Gegenwart) des Stadtbezirks. Dort saßen und sitzen namhafte Firmen wie Stolle, Boge, Schiller oder die Kleutgen & Meier GmbH, in der Hans Riegel ausgebildet wurde. Dort wurden Rheila-Perlen produziert, bei Imperia weit über Bad Godesberg hinaus bekannte Motorräder gebaut und bei Brenig patentierte Wendepflüge hergestellt.

Trotz ihrer Bedeutung für Bad Godesberg (und darüber hinaus) gerät die Industrie samt ihrer Geschichte aber oft in Vergessenheit. Vielfach erscheinen Aspekte wie "Rheinpromenade", "Botschaften" oder "Medizinstandort" wichtiger als das Gebiet rund um die Friesdorfer Straße. Nach Wunsch von Horst Heidermann und dem Heimat- und Geschichtsverein soll sich das ändern. Der Godesberger hat zwei Aufsätze über die Industriegeschichte des Stadtbezirks für die Heimatblätter des Vereins geschrieben, will ein Buch über diesen (gewichtigen) Teil der Historie veröffentlichen - und zeigt bei einem Spaziergang entlang der Friesdorfer Straße einen kleinen Auszug der Facetten des nördlichen Industriegebiets auf.

  • Industrie: 1899 wurde das Industriegebiet Nord rund um die Friesdorfer Straße als Gewerbegebiet ausgewiesen. Bis zur Eingemeindung von Mehlem und Lannesdorf 1935 war das rund 40 Hektar große Areal das einzige offizielle Gewerbegebiet in der Gemeinde Godesberg. Die Verkehrsanbindung war gut: Es lag in der Nachbarschaft des 1913 eröffneten Güterbahnhofs. "In den 50er, 60er, 70er Jahren endete die große Zeit der Godesberger Industrie", so Heidermann. Die Gründe: zu kleine Grundstücke, die Lage und eine für die heutige Zeit zu schlechte verkehrliche Anbindung.
     
  • Konsumgenossenschaft: Schräg hinter dem Aennchen befand sich früher eine Konsumgenossenschaft, sagt Heidermann. "Dort konnte man preiswerte Lebensmittel kaufen." Der Laden war offen für jedermann, Mitglieder aber bekamen am Ende des Jahres eine Rückvergütung.
     
  • Handwerkerviertel: Der erste Teil der Friesdorfer Straße bis zur Ecke Weißenburgstraße war früher eine Art Handwerkerviertel. Laut Heidermann gab es dort hauptsächlich Schreiner. "Das Viertel entstand ungefähr zur gleichen Zeit wie das Villenviertel", sagt der Bad Godesberger. "Hier wohnten die Arbeiter, die das Villenviertel errichtet haben."
     
  • Kurz vor dem Industriegebiet: Das eigentliche Industriegebiet fängt am heutigen Haribo-Laden an der Ecke Weißenburgstraße an, berichtet Heidermann. Doch auch im ersten Abschnitt gibt es einiges zu entdecken. So befand sich im Haus mit der Nummer 23, in der heute die Kunsthandlung Kessel untergebracht ist, früher eine Art "Fitness-Center", sagt Heidermann und lächelt. Dort wurden Kneipp-Anwendungen durchgeführt und Pillen verkauft. In der Nummer 42 war "bis ungefähr 1929/1930" ein jüdisches Hotel samt Restaurant untergebracht. Danach befand sich dort Karosseriebau Köster, der mittlerweile innerhalb des Industriegebietes umgezogen ist. Besonders ins Auge sticht das rote Backsteinhaus an der Friesdorfer Straße 54. 1895 erbaut, war es ein Heim für die Handwerksgesellen. "Damals stand es ganz allein, rechts und links waren keine Gebäude", so Heidermann.
     
  • Godesia: Dort, wo heute Goldbären verkauft werden, befand sich früher das Unternehmen Godesia, bei Bad Godesbergern auch besser bekannt als "Et Badeöfje", erzählt Heidermann. 1905 gegründet, wurden dort Badeöfen sowie Wannen aller Art hergestellt. Im Zweiten Weltkrieg befand sich dort ein Rüstungsbetrieb. 1966 dann wurde die Firma stillgelegt - die Konkurrenz war wohl zu groß geworden. Übrigens: Laut Heidermann wurde Godesia damals von dem Godesberger Bernhard Becker gegründet. Eine Seltenheit. Denn: "Die meisten kamen nicht von hier, das waren Immis."
     
  • Schillerwerke: Von den ehemaligen Schillerwerken ist heute nichts mehr übrig. In den roten Backsteingebäuden, die die Firma Haribo kürzlich abgerissen hat, wurden ab Ende des 19. Jahrhunderts Konservendosen, Kronkorken "und solche Blechsachen" hergestellt. 1925 wurde das Werk geschlossen, das Gebäude verkauft.
     
  • Kleutgen & Meier: 1898 wurde die Firma von Emil Meier und Ernst Kleutgen gegründet. Neben den Schillerwerken, ebenfalls in den roten Backsteingebäuden, wurden Bonbons, vor allem Lakritz, hergestellt, erzählt Heidermann. 1958 wurde die Firma an Hans Riegel, der dort seine Ausbildung absolviert hat, verkauft. Der Grund: Die Nachkommen wollten die Produktion nicht weiterführen, die Erbengemeinschaft aus acht Parteien das Unternehmen verkaufen, erzählt Heidermann. Bis 1975 produzierte Haribo an der Friesdorfer Straße, dann wurde die Fabrik stillgelegt.
     
  • Diedenhofen: In der ehemaligen Seifen- und Schraubenfabrik Goebel (gegründet 1915), wo heute Lidl steht, zog 1928 die Firma Diedenhofen ein. Dort wurden unter anderem die berühmten Rheila-Perlen produziert. 1971 dann wurde die Produktion von Dolorgiet übernommen. "Deren zweite Niederlassung befand sich in der Nähe der heutigen Tunneleinfahrt", sagt Heidermann. Auf Dauer sei die Zweiteilung keine Lösung gewesen. Kurzerhand wurden beide Niederlassungen dicht gemacht, das Unternehmen zog nach Sankt Augustin.
     
  • Gießerei Stolle: Die Gießerei Stolle ist das älteste Unternehmen im Industriegebiet, das noch heute an der Friesdorfer Straße 137-139 produziert. 1989 in Euskirchen gegründet, zog die Firma, deren Verwaltung aus Platzgründen in Beuel untergebracht ist, 1921 nach Godesberg. Bis heute werden dort unter anderem große Eisenplatten für Schiffbau, Flugzeug- und Autoindustrie hergestellt, mindestens 70 Prozent der Produktion gehe in den Export, sagt Heidermann. Wer an dem Unternehmen vorbeigeht, kann ab und an etwas Besonderes beobachten: Die Produktion befindet sich auf beiden Straßenseiten, so dass die Mitarbeiter kurzzeitig den Verkehr regeln, wenn ein Fahrzeug die Straße überqueren muss. Übrigens: Welche Gebäude zu Stolle gehören, ist leicht an der Farbe zu erkennen. Sie sind allesamt hellblau.
     
  • Am Schlachthof: Im Restaurant "Vesuvio" befand sich die einzige Kneipe "weit und breit". Zum Schlachthof hieß die Gaststätte, "in der sich alles traf, was hier arbeitet", erzählt Heidermann. Wie es zu dem Namen kam, liegt auf der Hand: An der Südstraße befand sich von 1912 bis 1974 der Schlachthof.
     
  • Alaunwerk: Männer, die sich noch mit einem scharfen Messer rasiert haben, werden ihn kennen: den Alaunstein. Schnitt man sich beim Rasieren, stoppte er die Blutung. Zwar sei das nicht die primäre Aufgabe der Alaunsteine gewesen, die im Alaunwerk Boedeker & Co. an der Pionierstraße von 1856 bis 1883 produziert wurden, sagt Heidermann. Ein Teil der Geschichte ist es aber schon.
     
  • Imperia: Motorsportfans sind sie weit über die Bad Godesberger Grenzen hinaus ein Begriff: die Imperia-Motorräder. Zwei Brüder, ein Techniker und ein Kaufmann, hoben die Firma 1926 aus der Taufe. "Dort wurden Motorräder konfektioniert", erzählt Heidermann. "Sie haben verschiedene Rennen gewonnen, der Name war berühmt." Es sei wohl einer der bekanntesten Godesberger Betriebe gewesen, einzig der Umsatz stimmte nicht, so dass das Unternehmen 1935 Konkurs anmeldete. Eine tragische Geschichte ist mit Imperia verbunden: Die Brüder nutzten die Friesdorfer Straße als Teststrecke, um ihre Motorräder auszuprobieren. Bei einer dieser Fahrten erfassten sie ein Mädchen der Familie Kühlwetter, die am Ende der Friesdorfer Straße einen Bauernhof betrieb. Das Mädchen starb im Krankenhaus. Heute befindet sich in dem Gebäude übrigens die Firma Rema Lipprandt, gegenüber liegen das ehemalige Godesberger Gas- und das Elektrizitätswerk.
     
  • Ziegelei Brenig/Boge: Ab dem Haus mit der Nummer 151 wurden ab 1899 Ziegel hergestellt. Mit diesen wurde zum Beispiel die Villa Wendelstadt auf der Viktorshöhe in Schweinheim gebaut. "Um die Ziegel hinaufzubekommen, wurde eine Seilbahn gebaut", sagt Heidermann. Dabei kam es zu einem Zwischenfall, das Seil riss. "Danach wurde ein besseres Seil verwendet und es hat funktioniert." 1941 wurde die Ziegelei stillgelegt. Nach und nach gingen die Gebäude in den Eigentum der Firma Boge über, die seit 1930 an der Friesdorfer Straße sitzt, heute unter dem Namen ZF Friedrichshafen AG. Sie produzierten ursprünglich Stoßdämpfer, so Heidermann. Die Firma gibt es heute noch. Die Produktpalette hat sich über die Jahre geändert.
     
  • Dr. Debus Lackfabrik: Margarete Debus ist in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes: Als eine der ersten Unternehmerinnen gründete sie 1949 ihre Lackfabrik, die heute von ihrem Sohn geführt wird. Außerdem nahm die begeisterte Leichtathletin 1936 an den Olympischen Spielen in Berlin teil und holte im Staffellauf eine Medaille, sagt Heidermann.
     
  • Druckerei/Miesen: Entlang der Südstraße befanden sich zwei Druckereien: die Druckerei Schmitz, gegründet 1943, die 1999 nach Villip zog, 2006 Konkurs angemeldet hat und in der sich heute Obi befindet, sowie die Bundesdruckerei, in der seit 2011 Karosseriewerk das C. Miesen untergebracht ist. Die Firma Miesen, die früher in Dottendorf ansässig war, stellt laut Heidermann Spezialkarosserien für Sanitätswagen her.