Drachen mit grüner Patina

Heiderhofer Betonkunstwerke sollen erhalten bleiben

Betonarchitektur

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HEIDERHOF. Der Kunsthistoriker Martin Bredenbeck bricht eine Lanze für die ungewöhnlichen Betonfiguren in der Bad Godesberger Siedlung. „Brutalistisch“ wird der Stil dieser für die 1960er und 1970er Jahre charakteristischen Kleinarchitektur genannt.

Rund um eine der Grünflächen am Kastanienweg schlängelt sich ein großer steinerner Lindwurm, den der Betrachter in der Ruhe- und Spielzone zwischen den Mehrfamilienhäusern erst auf den zweiten Blick erkennt. Das Gesamtensemble geometrischer Formen und ineinander geschachtelter Kuben strukturiert den ehemaligen Spielplatz. Er ist wie eine ganze Reihe anderer Einfassungen im Ortsteil Heiderhof sichtlich in die Jahre gekommen. Die Platten sind teilweise gesprungen, der Beton ist von Regen und Schmutz gezeichnet und hat Moos angesetzt. So züngelt auch der steinerne Drache mit dem großen Auge und den eckigen Zähnen nunmehr mit dunkelgrüner Patina.

„Brutalistisch“ wird der Stil dieser für die 1960er und 1970er Jahre charakteristischen Kleinarchitektur genannt, die die Satellitensiedlung des Bundes auf dem Heiderhof mit prägt. Sie zeigt offen ihr Material. „Brutalistisches“ sei erhaltenswert, sagen heute Experten für Nachkriegsarchitektur. Was offensichtlich auch die Bonner Stadtverwaltung so sieht.

Leser hatten sich mit der Sorge an den GA gewandt, die Stadt wolle die Betonensembles demnächst abtragen. Dabei sei man selbst nicht sicher, ob sie einen Wert hätten, gemäß dem Motto: Ist das Kunst, oder kann das weg? „Die Gerüchte stimmen nicht. Auch wenn Spielplätze in Grünflächen umgewandelt werden, ist nicht grundsätzlich geplant, die Kunstwerke zu entfernen“, antwortete David Baier, Abteilungsleiter im Amt für Stadtgrün, auf GA-Anfrage. Sie seien im Zuge der Besiedlung im Auftrag der Wohnungsentwicklungsgesellschaft von Landschaftsarchitekten aufgestellt worden. Die Untere Denkmalbehörde werde sie sich demnächst anschauen, versprach Stefanie Zießnitz vom Presseamt.

Geschmähte Nachkriegskunst

Das dürfte im Sinne von Martin Bredenbeck, Geschäftsführer des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Landschaftsschutz in Köln und Sprecher der Werkstatt Baukultur Bonn, sein. „Ich bin unbedingt für eine Erhaltung und vorsichtige Reparatur und Reinigung dieser brutalistischen Kleinarchitektur“, sagte er dem GA. Sie gehöre zum Gesamtensemble der Siedlung dazu, habe individuelle gestalterische Qualitäten, sei Zeitzeugnis. Womöglich handele es sich beim Drachen und den anderen Ensembles sogar um Einzelstücke für diesen Ort. „Es gibt überhaupt keine Not, sie zu entfernen, allenfalls Unkenntnis – und dagegen kann man ja zum Glück durch Bildung etwas tun“, sagte Bredenbeck. Auch Barbara Hopmann vom Bürgerverein meinte: „Die Kunstwerke sind aus unserer Sicht untrennbar mit der Entwicklungsgeschichte des Heiderhofs verbunden.“

2017 hatte Kunsthistoriker Bredenbeck in einem Fachartikel dargelegt, dass für die sorgsam komponierten Freiflächen zwischen den so unterschiedlichen Heiderhofer Bauwerken auch der bekannte Landschaftsarchitekt Heinrich Raderschall verantwortlich gewesen sei. Bredenbeck zog Vergleiche zum architekturgeschichtlich wichtigen Berliner Hansaviertel. 2015 hatte er auf Einladung des Heiderhofer Bürgervereins bei einem Rundgang zum Thema „Kunst am Bau“ auch die markanten Spielplatzeinfassungen vorgestellt. Autor Eckhard Heck hatte diese Begehung so beeindruckt, dass er den Heiderhof 2017 in sein Buch „111 Orte in Bonn, die man gesehen haben muss“ aufgenommen hat.

Martin Bredenbeck bricht auch in diesem Fall eine Lanze für die oft so geschmähte Nachkriegskunst. „Die gestalterischen Alternativen der Gegenwart überzeugen mich in den seltensten Fällen“, sagte er und führte als Beispiel die Neubeschilderung der U-Bahn an, die typographisch der Beschilderung der 1970er Jahre nicht das Wasser reichen könne. „Damals waren das eben noch Schriftsetzer und nicht Leute, die bei Word mit Schriftarten herumgespielt haben“, so Bredenbeck.