Gemeindedialog in St. Marien

Gläubige in Bonn wünschen sich mehr Offenheit der Kirche

Blick in den Kirchturm von Sankt Marien.

Blick in den Kirchturm von Sankt Marien.

Bad Godesberg. Nach dem Sonntagsgottesdienst in St. Marien waren die Gottesdienstbesucher eingeladen, ihre Meinung zu sagen. Statt Zölibat, Homosexualität und Missbrauchsfällen ging es jedoch eher um Liturgie und Gemeindeleben.

Umfragen zufolge stehen viele Katholiken angesichts der Missbrauchsfälle und anderer schlechter Nachrichten vor dem Kirchenaustritt. Der katholische Seelsorgebereich Bad Godesberg hatte sich deshalb entschlossen, auf die Gläubigen zuzugehen und zu erfahren, was sie beschäftigt. Bei einer Veranstaltung im Pfarrsaal St. Marien konnte man sich am Sonntag offen seine Anliegen von der Seele reden. Nachher war Pfarrverweser Wolfgang Biedaßek überrascht, worüber die Leute reden wollten. „Die harten Themen habe ich eigentlich vermisst.“

Statt Zölibat und Umgang mit Homosexualität seien es „gestaltbare Themen“ gewesen, meinte Joachim Keppler, der die Veranstaltung im Anschluss an den Sonntagsgottesdienst in der Marienkirche moderierte. „Wie erleben Sie Kirche?“, wurde da gefragt. „Wichtig ist: Wir wollen keine Antworten geben, sondern zuhören“, erklärte Gabriele Marx, die die Veranstaltung mit angestoßen hatte. „Wir können nicht so tun, als gehe es einfach weiter“, sagte sie mit Blick auf die Umfrage.

Ein Teilnehmer erläuterte, wie er den vorangegangenen Gottesdienst erlebt hatte: „Vorne waren vier Kleriker, es gab eine inszenierte Predigt, ich konnte nur zuhören.“ Gemeint war der Predigtdialog zwischen den altgedienten Prälaten Roman Mensing und der Mittzwanzigerin Charlotte Raab über den Sinn und Zweck, weiterhin an der katholischen Kirche festzuhalten. „Das war eine interne hermetische Sprache. Die Sprache, die draußen gesprochen wird, findet man in der Kirche nicht mehr“, beklagte der Mann.

Eine Frau will mehr intellektuelle Predigten

Eine Frau verglich die Situation in Bad Godesberg mit der in der Diaspora in Leipzig, wo sie bis vor fünf Jahren Mitglied einer lebendigen Gemeinde war. „Dort war die Kirche wirklich eine Heimat, eine Familie.“ Persönliche Ansprache der Kirchenvertreter, Pfarrer, die vor und nach dem Gottesdienst vor der Kirche standen, niedrigschwellige Angebote für Skeptiker, das alles vermisse sie in Bad Godesberg. Nicht nur die Missbrauchsfälle, sondern auch die Verschlossenheit der Kirche schrecke die Menschen ab, war sie überzeugt. Sie bat außerdem um mehr intellektuelle Predigten.

Kirche solle eine gesellschaftliche Rolle übernehmen, sagte sie. „Wie soll man den Leuten vermitteln, wofür wir die Kirche noch brauchen?“ Es brauche mehr Dialog zwischen Kirche und Menschen. Auch eine andere Teilnehmerin vermisste Gemeinschaft: „In der Kirche ist man oft allein. Vielleicht sollte man mal enger zusammenrücken.“ Es wurde mehr Transparenz gefordert, und dass das Kirchenpersonal – Geistliche wie Gremienvertreter – sich besser vorstellt. Die Predigten sollten mehr Christenlehre sein, meinte eine weitere Teilnehmerin. Für sie ist heutzutage die Predigt auch in der katholischen Kirche das wichtigste Gottesdienstelement, wie bei den Protestanten.

Das Konzept soll weiterverfolgt werden

Das Konzept werde weiterverfolgt, sagte Keppler. Marx sammelte außerdem Mailadressen von interessierten Teilnehmern, die sich engagieren wollen. Man wolle mehr ins Gespräch kommen, mehr zuhören und mehr gestalten, meinte Pfarrer Biedaßek. Die Willkommenskultur werde schon in den Gremien besprochen. Daneben gebe es auch in der Gemeinde Möglichkeiten, etwa das Gemeindecafé, um mit anderen ins Gespräch zu kommen.