Volo will's wissen

Geschichten alter Mauern

BAD GODESBERG. Mir tut der Nacken weh - denn seit nunmehr einer Woche habe ich die unterschiedlichsten Leute getroffen, die mich ins Villenviertel eingeladen haben.

Mit in den Nacken gelegtem Kopf habe ich also bei Spaziergängen über die hübschen Jugendstil-Elemente und die prachtvolle Architektur gen Himmel gestaunt.

Daher also der steife Hals, der mich aber angesichts meiner Erlebnisse nicht weiter stört. Eingeladen hat mich unter anderem Klaus Stendebach, mit ihm durch das Villenviertel zu spazieren. Wie ein Tourist auf Wanderung fühle ich mich dabei - ständig muss Stendebach auf mich warten, weil ich stehen bleibe und Bilder mache. Stendebach hat unfassbar viel Interessantes zu erzählen. Er hatte hier 50 Jahre lang die Bäckerei, hat von Helmut Kohl ("Er kaufte immer eine Laugenbrezel für sich und ein Kaffeeteilchen für die Sekretärin") bis zu ausländischen Diplomaten viele Godesberger mit Gebäck versorgt.

Und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass er mindestens zu jeder zweiten Villa eine Geschichte erzählen kann: Wer dort wohnte, wer dort jetzt wohnt, welchen Beruf derjenige hatte, wer wen heiratete. "Ich wurde hier geboren, habe als Junge vor der Schule Brötchen in diese Häuser geliefert, wohnte hier und betrieb dann die Bäckerei - natürlich kenne ich jeden", sagt Stendebach.

Als wir in seiner ehemaligen Bäckerei einkehren, erzählt er, wie die Ehefrauen der Diplomaten weinend im Geschäft standen, als der Umzug der Hauptstadt beschlossen wurde. "Die haben geschluchzt, dass sie hier nicht wegwollen", erzählt Stendebach. Welches Brot die Diplomaten kauften? "Weißbrot stand hoch im Kurs. Die Amerikaner kauften aber weiterhin dieses weiche Toastbrot im Amerikanischen Supermarkt", sagt Stendebach lachend. Mit den Diplomaten hatte er nicht nur im Alltag zu tun. Die Botschaften beauftragten ihn, typische Landesspeisen zu backen. Dafür bestellte er zum Beispiel einmal die Originalrezepte aus Chile und lieferte an diesem Abend stetig frisch gebackene Fleischtaschen in die wenige Meter entfernte chilenische Botschaft.

Wie es der Zufall will, treffe ich mich genau in diesem Haus mit Burkhard Sträter, der dort nun seine Kanzlei hat. Er und seine Frau Friederike Sträter die das Hotel Villa Godesberg direkt gegenüber betreibt, sind antizyklisch hier ins Villenviertel gekommen. Als die Hauptstadt fortzog, kamen sie an. "Wir haben die ehrwürdige Substanz der Villen mit modernem Leben gefüllt", sagt Friederike Sträter. Ein hübscher Kontrast, finde ich. Sträters sind fast die ersten Nicht-Ur-Godesberger, die ich überhaupt treffe.

Bei einem Kaffee im Hotel gegenüber reden wir über die Seele der alten Gebäude, über die Geschichten, die in diesen Wänden stecken. "Es ist toll, dass so viele Villen wieder in einem Topzustand sind", sagt Sträter. Ich könne mir gar nicht vorstellen, wie das Haus ausgesehen habe, als sie es gekauft habe. Das kann ich zwar nicht, aber die Architektur von innen bewundern, kann ich schon. Das Treppenhaus, die Buntglasfenster, die hohen Decken, der Stuck... ich komme ins Schwärmen.

Sträter erzählt, dass manchmal Ur-Godesberger kommen und erzählen, wie sie in ihrem jetzigen Büro auf dem Boden spielten - denn es war das Wartezimmer einer Kinderarztpraxis. An die sich Klaus Stendebach im Übrigen noch sehr gut erinnert. Neues Leben in geschichtsträchtigen Gemäuern - beispielhaft erklärt.

Voller Elan, noch mehr Villen auch von innen zu sehen, und dankbar für die herzliche Offenheit der Bad Godesberger nehme ich die Einladung von Franziska Kelz-Blank in ihre Villa an der Beethovenallee an. Auch sie berichtet von ähnlichen Zuständen nach dem Kauf des Hauses. "Jede Wand hatte eine andere Tapete. Schrecklich sah das aus", sagt Kelz-Blank, als wir im hellen, großzügigen Wohnzimmer stehen, in dem sie auch ihren Schmuck verkauft. Das Haus ist nämlich nicht nur Haus, sondern auch Museum: "Schmuckmuseum". In den Vitrinen glitzert und funkelt es.

Kelz-Blank, ihres Zeichens Goldschmiedemeisterin, zeigt mir hier ihre Werke, die sie in der Werkstatt im ersten Stock fertigt: Gold, Platin, Edelsteine - so weit das Auge reicht. Sie lässt mich sogar einige Ohrringe und Ketten anprobieren. Ich frage, was ich im Villenviertel noch unbedingt machen muss.

"Abends mache ich manchmal einen Spaziergang durch die Straßen, und dann fällt das Licht von innen durch die Buntglasfenster. Das ist wunderschön", schwärmt Kelz-Blank und erinnert mich damit an Friederike Sträter, die sagte: "Wenn ich durch das Villenviertel fahre, denke ich oft: "Mein Gott, hast du ein Glück, dass du hier leben darfst".

Womit sie Recht hat: Die traumhaften Häuser dieser Gegend flüstern nicht nur Geschichten aus alten Zeiten, sondern sind auch mit kreativen neuen Ideen gefüllt.

Einzig ein Massagestudio für all die steifen Nacken fehlt noch.