Das letzte mal Erzähl-Café

Geschichten über das pralle Leben

Abschied von 15 Jahren Erzähl-Café: Organisatoren und Gäste erinnern sich an interessante Gäste und spannende Lebensgeschichten.

Abschied von 15 Jahren Erzähl-Café: Organisatoren und Gäste erinnern sich an interessante Gäste und spannende Lebensgeschichten.

Friesdorf. Im Nachbarschaftszentrum der Arbeiterwohlfahrt hieß es gestern Nachmittag Abschied nehmen von einer wohl vertrauten Veranstaltungsreihe, die Ingrid Behrens vor 15 Jahren initiiert hatte - dem Erzähl-Café.

Insgesamt 165 Gäste, darunter lokale und nationale Größen, Vertreter von Institutionen und Vereinen, und die Nachbarn quasi von nebenan berichteten aus ihrem Leben. Zu Letzteren gehörte auch der ehemalige Vorsitzende des Godesberger Heimatvereins, Karl Josef Schwalb, der im Mai 2000 der erste Gast war, und dies auch nicht zum letzten Mal.

Ob Annemarie Renger aus dem Bundestag plauderte, Walter Ullrich von den Anfängen im Kleinen Theater oder Til Macke von seinem Großvater August Macke - immer gingen die Teilnehmer mit persönlich geschilderten Erlebnissen nach Hause, die so in keinem Geschichtsbuch standen. "Ich sehe sie noch hier im Flur bei uns stehen, eine wirklich sehr charmante Frau", erinnerte sich zum Beispiel Anni Merzbach, die Leiterin des Nachbarschaftszentrums, an den Besuch von Annemarie Renger.

"Besonders bewegt hat mich die Lebensgeschichte von Gunhild Klöckner", sagte Ingrid Behrens, die als so genanntes Täterkind über die Nazi-Geschichte der eigenen Eltern erzählte. Oder die Geschichte des Kriegsheimkehrers Walter Tiedemann aus Kessenich: "Eine rührende Geschichte und ein wunderbarer Nachmittag", so Behrens. Und überhaupt: Krieg, Vertreibung und Nazi-Zeit waren immer wieder wichtige Themen.

"Das galt auch für das jüdische Leben in Godesberg", ergänzte Kornelia Ebert, die das Erzähl-Café 2005 zusammen mit Janne Kerner und Gisela Anders weitergeführt hatte. "Das jüdische Leben in der Region war immer irgendwie ein roter Faden bei uns", so Ebert. Und nicht zu vergessen der Auftritt der Godesberger Journalistin des General-Anzeigers, Irmgard Wolf, die von journalistischer Arbeit in Zeiten der Nazi-Diktatur erzählte.

"Eigentlich habe ich fast immer Zusagen bekommen, wenn ich Leute eingeladen habe", berichtete Ingrid Behrens. Bis auf ein Mal, als ihr Horst Ehmke, ehemaliger Kanzleramtsminister zu sozial-liberalen Bonner Zeiten, eine Abfuhr erteilte: "Ich habe Besseres zu tun, als in einem Erzähl-Café irgendwelche Märchen zu erzählen, hat er zu mir gesagt", so Behrens. "Und dies, obwohl ich für ihn Wahlkampf gemacht habe. Immerhin war dann später seine Ehefrau bei uns zu Gast."

Aber es war nicht nur die Prominenz, die in Erinnerung blieb. Vertreter von Vereinen wie beispielsweise Unicef, der Bonner Tafel, AsA (Ausbildung statt Abschiebung) oder dem Technischen Hilfswerk hinterließen bleibende Eindrücke: "Die haben aus dem prallen Leben erzählt", so Ebert.

"Es ist schon traurig, dass diese Reihe nun nach 15 Jahren endet", meinte Christine Schmarsow, die das Erzähl-Café in den letzten fünf Jahren fortgeführt hatte. "Ein Grund der Einstellung war sicher, dass die öffentliche Resonanz nicht mehr so da war", so Schmarsow. "Oft waren wir nur noch unter uns."

"Wir dürfen aber auch nicht allzu traurig sein", entgegnete Behrens, "schließlich startet am 19. Januar im Nachbarschaftszentrum eine neue Reihe mit Geschichten aus Friesdorf". Die Protagonisten der "Friesdorfer Verzällche", Inke Kuster und Roland Rudolf, stellten sich bei der Gelegenheit gleich vor. "Wir wissen, dass wir in große Fußstapfen treten", sagte Inke Kuster, die künftig mit Rudolf anhand von alten und neuen Bildern den Ortsteil Friesdorf in den Mittelpunkt stellen wird. "Wir machen dann sozusagen Provinz", meinte Rudolf mit einem Lächeln. Das Kapitel "Erzähl-Café" fand übrigens witzigerweise auch im Gästebuch sein Ende.

So wurde die gestrige Veranstaltung auf der letzten Seite des zweiten Gästebuchs dokumentiert, das die Veranstalter in 15 Jahren neben diversen Fotoalben gehegt und gepflegt hatten.