Godesberg auf Augenhöhe mit Bonn

Für 34 Jahre eigenständige Stadt

Heimat Bad Godesberg: Die überschaubaren Dimensionen der 30 000-Einwohner-Stadt zur Zeit der Verleihung der Stadtrechte veranschaulicht diese Aufnahme aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Zu sehen ist im Vordergrund die Pfarrkirche Sankt Marien.

Heimat Bad Godesberg: Die überschaubaren Dimensionen der 30 000-Einwohner-Stadt zur Zeit der Verleihung der Stadtrechte veranschaulicht diese Aufnahme aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Zu sehen ist im Vordergrund die Pfarrkirche Sankt Marien.

05.01.2016 Bad Godesberg. Vor acht Jahrzehnten startete Godesberg auf Augenhöhe mit Bonn in ein neues Jahr. GA-Redakteur Rüdiger Franz blickt zurück.

Dass Adolf Hitler einen Narren an Bad Godesberg gefressen hatte, ist angesichts seiner häufigen Besuche im Rheinhotel Dreesen hinlänglich bekannt. Und so verwundert es eigentlich kaum, dass es sich der "Führer und Reichskanzler" vor inzwischen mehr als 80 Jahren nicht nehmen ließ, den Godesbergern ein persönliches Grußwort zukommen zu lassen. Der Anlass für das Sonderheft, in dem es erschien, war durchaus von historischer Bedeutung: Erstmals in der Geschichte hatte die idyllische Gemeinde zu den Füßen der Godesburg Stadtrechte erhalten.

"Meine Eltern betrieben zu dieser Zeit eine kleine Schlosserei an der Augusta-Viktoria-Straße", erinnert sich der heute 70-jährige Günter Gratzfeld: "Gerade in Bad Godesberg war der Glaube an die Zukunft in jenen Jahren stark und von Optimismus geprägt. An eine nahe Katastrophe glaubten nur wenige", sagt Gratzfeld mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg, der nur fünf Jahre später über Europa hereinbrechen sollte, über die vermeintlich unbeschwerte Zeit.

Zum "Stadtbezirk" degradiert

Ebenso ahnte im beschaulichen Godesberg seinerzeit wohl niemand, dass die Augenhöhe, auf der man sich plötzlich mit dem benachbarten Bonn befand, nur 34 Jahre währen sollte. Bekanntlich war es 1969 mit der selbstständigen Bad Godesberger Herrlichkeit vorbei, als die kommunale Neuordnung den Ort zum "Stadtbezirk" Bonns degradierte.

Dabei hatte der Bonner OB Ludwig Rickert noch zu den ersten Gratulanten gehört. Seinem Amtskollegen Heinrich Alef - der wie Rickert von den Nationalsozialisten eingesetzt worden war - schrieb er anlässlich der Stadtrechte-Verleihung, beide Städte mögen "auch in Zukunft in gutem Wettbewerb wie bisher gut zusammenarbeiten".

Gefühlt hatte sich Bad Godesberg indessen schon viel länger als Stadt: 1899 beispielsweise gab es einen Vorstoß von Bürgern der damals schon vereinigten Orte Godesberg, Plittersdorf und Rüngsdorf, über den der General-Anzeiger - journalistisch etwas vorschnell - mit der Überschrift berichtete: "Bad Godesberg wird Stadt". Und auch in Zeitungsanzeigen von 1904 bezeichnete die Kurdirektion ihren Wirkungskreis nassforsch als "Gartenstadt" - und nahm dabei auch gleich die Bezeichnung "Bad Godesberg" vorweg, obwohl dieser Titel erst 1926 offiziell erlangt wurde.

30.000 "teils sehr wohlhabende" Einwohner

Einige Jahre später wurde der Ruf nach Stadtrechten konkreter: Nach der Eingemeindung von Lannesdorf und Mehlem 1934 - Muffendorf hatte diesen Schritt schon 1915 vollzogen - beschloss der Gemeinderat am 7. Mai 1935, die Stadtrechte zu beantragen. Am 17. Juli vermeldete die Mittelrheinische Landeszeitung: "Godesberg ist nunmehr Stadt."

In der Bewerbung um die Stadtrechte hatte man sein Licht nicht gerade unter den Scheffel gestellt: Das Gemeindegebiet sei mit 3206 Hektar größer als das der Stadt Bonn, habe nahezu 30.000 "teils sehr wohlhabende" Einwohner und sei ein "klimatisch bevorzugter Kurort", besitze eine "ausgezeichnete Infrastruktur, beste Verkehrsanbindungen und eine hervorragende Lage für den Fremdenverkehr". Als kulturelle Ausstattung wurden etwa die Rheinische Schauspielbühne, die Godesburg und die Redoute als Stätte "erwählter Kammermusikveranstaltungen" genannt, dazu ein "reichhaltiges Heimatmuseum".

Gefeiert wurde der "Aufstieg" zur Stadt seinerzeit mit einem aufsehenerregenden Umzug "im Stile der NS-Zeit", so beschreibt ihn der Historiker Hans Kleinpass in einem Beitrag in den "Godesberger Heimatblättern". Und bis heute erinnert an die Stadtwerdung vor mehr als 80 Jahren eine Basaltsäule, die der Heimatverein im Jahr 2000 im Godesberger Kurpark aufstellen ließ. Zur Einweihung wurde von den Anwesenden das Lied intoniert "Ons Heimat es Bad Jodesberch". Seine Strophen sind bei vielen Gelegenheiten bis heute zu hören, auch ohne Stadtrechte. (Rüdiger Franz)