Vom „wilden Richy“ zum Ballettprofi

Die ungewöhnliche Tanzkarriere des Richard Oberscheven

Dem Körper eine Stimme geben: Tänzer Richard Oberscheven beherrscht die Kunst des Balletts.

Dem Körper eine Stimme geben: Tänzer Richard Oberscheven beherrscht die Kunst des Balletts.

Bad Godesberg. Richard Oberscheven hat den Bachelor für Tanz an der Frankfurter Hochschule geschafft. Damit setzt er eine ungewöhnliche Karriere fort, die in Bad Godesberg begonnen hat.

Der einstmals „wilde Richy“ ist nicht nur zum Profitballetttänzer, sondern nun auch zum Tanzforscher geworden. Kürzlich trat Richard Oberscheven, der auf dem Heiderhof aufwuchs, im Frankfurter Gallus Theater auf. „As I would like“ hieß seine Choreographie für die Reihe „Collective Space II“, die er auch selbst tanzte: eindrucksvoll, körperorientiert intensiv, eigenwillig, „wie ich es selbst möchte“, so der Titel. Parallel dazu hat Oberscheven gerade seinen Bachelor an der Frankfurter Hochschule für Darstellende Künste gemacht. Vier Jahre habe er über berühmte Tanzkünstler und Choreographen wie William Forsythe geforscht und daraus seine Bachelorarbeit gebaut, berichtet der 24-Jährige. „Es geht mir darum, sozusagen mein Vokabular, also die Bewegung meines Körpers, neu zu finden und alte Muster zu hinterfragen.“ Der Tanz könne ausdrücken, wie der Mensch den Umgang mit seiner Umwelt sozial gestalten könne. „Ich versuche auszudrücken, wie ich die Welt sehe“, erläutert Oberscheven. Und seine Begeisterung ist deutlich spürbar.

Früher als schwieriger Schüler bekannt

Dabei war Oberscheven einst im Stadtteil als schwieriger Schüler bekannt, der es nach mehreren Wechseln zum Hauptschulabschluss brachte – und dann plötzlich sein Aha-Erlebnis hatte: „Richy“ hatte den Balletttanz für sich entdeckt. Die nötige Technik, die Disziplin und die Ausdruckskraft erlernte er eisern bei der Bonner Ballettschule International. Der in der Schulbank hibbelige Richard avancierte zum Jungstar und erkämpfte sich Titel sowohl bei den Deutschen Jugendballett-Meisterschaften als auch beim Dance World Cup, den Weltmeisterschaften für jugendliche Tänzer.

Doch um im Ballett weiterzukommen, reichte sein Schulabschluss nicht aus: So büffelte er an der Godesberger Hebo-Privatschule und erlangte die fürs Studium nötige Mittlere Reife mit Bravour. 2010 schaffte er den Sprung auf die renommierte Frankfurter Hochschule, eine Tänzerschmiede. Dass ihm der Tanz neben der Freude an Bewegung auch ein Ventil biete, hatte Oberscheven dem GA damals erzählt. „Damit kann ich die Wut, die ich manchmal habe, 'rauslassen.“

Gute Kritiken für seine Auftritte

Nach einem erfolgreichen Vortanzen beim bekannten Tanzcoach Daniel Renner hatten sich plötzlich weitere Türen geöffnet. „Ich bin stolz, dass er das alles als ehemaliger Hauptschüler geschafft hat“, sagt seine Mutter Barbara Kallage. Finanziell ist es für die vierfache Mutter ein Gewaltakt gewesen, ihrem Richard die Ausbildung zu ermöglichen. Immerhin hatte die Hebo-Schule dem Ausnahmetalent einen Spezialtarif gewährt. „Ich hoffe nun, dass Richard für sich alles verwirklichen kann, denn in der heutigen Zeit ist es ja schwer, als Künstler zu überleben“, meint Kallage.

Die Kritiken, die der Sohn für seine Auftritte bekommt, sind jedenfalls prima. Bei der Frankfurter „Movie Art'n Eat“-Reihe im Februar wurde er als „sehr talentierter junger Tänzer und Choreograph“ gefeiert, der „durch sein präzises Gefühl für den Raum“ eines Kinosaals langanhaltenden Applaus erhielt. Beim Auftritt der Künstlergruppe „Moving Rhizomes“ bestach Oberscheven im November 2017 im Stadthaus Ulm in einem kampfartigen Pas-des-deux mit Giulia Insinna. Oberscheven habe brillant „fließend sanft und zu immer schneller werdendem Klavierspiel zunehmend unterlegen leidend“ getanzt. Ihr Sohn möge doch auch anderen jungen Leuten Ansporn geben, hofft seine Mutter. „Dass man im Leben fast alles schaffen kann, auch wenn die schulische Perspektive erst schlecht aussah.“