Wanderung durchs Villenviertel

Die Pracht und Macht der Protestanten

Das "Päda" am Otto-Kühne Platz inspirierte die ehemalige Schülerin Juli Zeh in ihrem Roman "Spieltrieb", in dem sie ein fiktives Gymnasium als einen Albatros beschreibt, der sich vor dem Abheben zusammengeduckt hat.

BAD GODESBERG. Hilfe - die Protestanten kommen! So ähnlich könnten die Einwohner in Bad Godesberg gedacht haben, schon lange bevor die ostdeutsche Pfarrerstochter Angela Merkel Bundeskanzlerin und der ehemals evangelische Pastor Joachim Gauck aus Rostock Bundespräsident wurden - eine historische Wanderung durch das Villenviertel in Bad Godesberg:

Schon am Anfang des 19. Jahrhunderts prallten hier zwei Welten aufeinander: Strebsame und hochdeutsch sprechende Preußen sowie rheinische Arbeitsmoral und Mundart. So beschreibt Inke Kuster die Ausgangslage, die durch den Zuzug von Preußen und vielen reichen Protestanten - darunter Industrielle und Kaufleute - nach Godesberg entstanden war. Kuster bietet im Auftrag des Evangelischen Kirchenkreises und Forums Bonn Führungen durch Bad Godesberg an - mit speziellem Blick auf die Blütezeit der protestantischen Gemeinde zwischen 1880 und 1920.

Startpunkt der zweistündigen Führung durch das Villenviertel ist die Erlöserkirche an der Rüngsdorfer Straße. Was bei der Kirche im neugotischen Stil noch immer schlicht und karg anmutet, ließ schon in der Gründerzeit viel Geld und Einfluss erahnen. Und die Durchsetzungskraft eines protestantischen Pfarrers: Julius Axenfeld prägte die Gemeinde Godesberg über ein Vierteljahrhundert - bis heute.

In seiner Hoch-Zeit war er nicht nur für den Bau der 1880 eingeweihten Kirche verantwortlich, sondern auch für viele Bildungs- und Betreuungseinrichtungen. Darunter das Pädagogium, das Waisenhaus Godesheim, den ersten evangelischen Kindergarten und ein Erholungsheim für Männer.

Seit dem Jahr 1861, in dem die Genehmigung zur Bildung einer eigenen Godesberger Gemeinde erteilt wurde, war die Zahl der Protestanten rasch und beständig gewachsen. Laut Statistik der Bürgermeisterei betrug sie im Jahr 1895 - dem letzten aktiven Amtsjahr von Pfarrer Axenfeld - schon 2000.

Der rastlose Pfarrer ärgerte manche ortsansässige Katholiken, die mit den preußischen "Blauköpp" und der protestantischen Minderheit nicht viel anfangen konnten. Dass sich anfangs nur wenig mehr als hundert Protestanten eine eigene Kirche leisten konnten, empörte viele. "Do lück wedde de Speckmöll", soll es geheißen haben, wenn die Reichen im Villenviertel die Glocken ihrer Speckmühle läuteten, berichtet Kuster.

"Bist Du reich oder katholisch?", war eine Frage, die gut sichtbare Klassen- und Konfessionsunterschiede auf den Punkt brachte. Oder die Selbstaufforderung der Katholiken, untereinander hochdeutsch zu reden, um als reich zu gelten. Noch heute zeugen prachtvolle Bauten rund um Mirbach- und Jean-Paul-Straße von der Blütezeit der Protestanten, die erst im Zuge des Ersten Weltkrieges einen schweren Einbruch erlebte.

Die vier evangelischen Gemeinden von Bad Godesberg haben heute noch 16 000 Mitglieder, das ist etwa ein Viertel der Gesamtbevölkerung, sagt Manfred Wadehn, Presbyter in der evangelischen Erlösergemeinde.

Die Zusammenarbeit zwischen Protestanten und Katholiken hatte auch versöhnliche Aspekte, betont Ilse Kuster. Zuweilen belustigten die kulturellen Differenzen in Bad Godesberg aber das ganze Land. Großer Stein des Anstoßes war die Bachnymphe des Künstlers Georg Kolbe, die ein reicher protestantischer Mäzen um 1910 für eine neue Promenade am Rheinufer gestiftet hatte.

Die nackte Nymphe verstoße gegen die guten Sitten und verdrehe harmlosen Fischern den Kopf - soll die katholische Geistlichkeit beklagt haben. Den Kopf büßte die Nymphe schließlich selbst ein, nachdem sie zeitweilig mit einem Nachthemd behängt, mit Holz verkleidet und von Polizisten bewacht worden war. Vergeblich: 1948 wurde ihr der Kopf abgeschlagen. Nun steht sie unbehelligt an der Redoute - mit wiedergefundenem Kopf. Über Geschmack lässt sich gut streiten? Die Zeitzeugen des Nymphenskandals würden das bestätigen.

Gruppenführungen durch das Villenviertel sind auf Anfrage buchbar. Kontakt: Rufnummer 0228/639070, www.bonn-evangelisch.de.

Stationen der evangelischen Geschichte:

  • Beethovenallee: Im Jahre 1887 wird der Neubau eines Hospital-Gebäudes in Andenken an die im Feldzuge 1870/71 gefallenen Mitbürger eingeweiht. Der Komplex wird zu Ehren der deutschen Kronprinzessin dann Viktoria-Hospital getauft. Auf dem Gelände wird rund 100 Jahre später das Johanniterhaus eingeweiht, ein evangelisches Alten- und Pflegeheim.
     
  • Habsburgerstraße: Das Jugendheim der Erlöser-Kirchengemeinde an der Habsburgerstraße im heutigen Villenviertel und die diakonische Julius Axenfeld Stiftung werden nach dem berühmten Pfarrer benannt.
     
  • Kronzprinzenstraße: Im 1905 gebauten Haus der evangelischen Vereine finden so viele Veranstaltungen und Konzerte statt, dass eine Lustbarkeitssteuer erhoben werden soll. Auf Drängen des Bürgermeisters Anton Dengler werden 1899 durch königlichen Erlass die Orte Rüngsdorf und Plittersdorf in das seit 1890 gewachsene Godesberger Villenviertel rund um die Kronprinzenstraße eingemeindet.
     
  • Mirbach-/Wielandstraße: Auf Initiative von Pfarrer Axenfeld entsteht dort 1899 ein evangelisches Lyzeum für Mädchen, in dem "preußische Tugenden und Sauberkeit" herrschen.
     
  • Otto-Kühne-Platz: 1872 gründet Pfarrer Axenfeld eine paritätische Schule, die aufgrund des Kulturkampfes zwischen Katholiken und Protestanten (Mischehenstreit) 1883 in ein evangelisches Jungen-Gymnasium überführt wird. Der innovative Professor Otto Kühne übernimmt die Leitung des evangelischen Pädagogiums, das im Volksmund "Päda" genannt wird.
     
  • Rheinallee: Um 1886 entsteht die Villa Erholung für Männer, in die 1910 die Keplergesellschaft zur Förderung der Naturwissenschaften einzieht. Sie wird von den Nationalsozialisten später verboten.
     
  • Rüngsdorfer Straße: Auf der grünen Wiese wird die Rüngsdorfer Kirche gebaut, die 1880 eingeweiht und später Erlöserkirche genannt wird. Verantwortlich ist Pfarrer Axenfeld, der die Gemeinde bis 1895 prägt.