Consul Hans-Hermann Weyer Graf von Yorck

Der Makler der Eitelkeiten

Warum sich Consul Hans-Hermann Weyer Graf von Yorck und seine Frau Christina ein Grab auf dem Bad Godesberger Burgfriedhof gekauft haben. Eine Audienz im Königshof.

Während die Kölner Staatsanwaltschaft derzeit gegen rund 100 deutsche Professoren wegen des Verdachts des illegalen Handels mit Doktortiteln ermittelt, sitzt im benachbarten Bonn der weltweit bekannteste Makler der Eitelkeiten bei einem Glas Mineralwasser und schüttelt belustigt den Kopf: "Das sind doch Stümper. Ich bin übrigens froh über jeden unseriösen Vermittler, der auffliegt." Auch für die aktuellen Plagiat-Affären hat Consul Hans-Hermann Weyer Graf von Yorck nur ein Kopfschütteln übrig: "Hätte der Herr Guttenberg seinen Doktortitel bei mir bestellt, wäre er heute noch Minister."

Audienz im Königshof. Vor dem Hoteleingang parkt der himmelblaue Bentley im Wendehammer, während der Consul und seine Frau Christina in der Lobby Händchen halten und sich tief in die Augen schauen. Wie ein frisch verliebtes Paar. Dabei sind sie seit 22 Jahren verheiratet. "Wenn wir uns berühren, ist das immer noch so aufregend wie beim ersten Mal."

Der Mann mit den vielen Titeln legt großen Wert auf die Feststellung, dass er (im Gegensatz zu "diesen Stümpern") noch nie Ärger mit den deutschen Ermittlungsbehörden hatte - abgesehen von einer "leidigen Steuergeschichte" vor gefühlten 100 Jahren. Zum Beleg zückt er ein frisch erstelltes Führungszeugnis des Bundesamtes für Justiz: "Sehen Sie? Hier steht's: Kein Eintrag."

Nur das Geburtsjahr rechts neben dem Geburtstag 22. April hat er auf dem Dokument überklebt. Ebenso in seinen drei Diplomatenpässen. Mit Unicef-Stickern. Wie alt ist er denn nun? "Wissen Sie, mit 57 habe ich aufgehört zu zählen. Da bin ich eine männliche Greta Garbo."

Für einen Mann jenseits der 57 schaut er blendend aus, der 1,90 Meter große, schlanke Herr in der eigenwillig fantasievollen Kombination aus Anzug und Uniform. Die Sonnenbrille mit dem schneeweißen Gestell hat er ins zurückgekämmte, nackenlange Haar geschoben, das offene Hemd gibt den Blick auf die gebräunte Brust frei, die Augen blitzen wach wie die eines kleinen Jungen.

"Sehen Sie? Alles tipptopp"

Der Consul zückt ein zweites Dokument, ausgestellt von seinem Bonner Hausarzt, das Ergebnis des jüngsten Blutbildes. "Sehen Sie? Alles tipptopp." Und wie hält man sich jenseits der 57 so erstaunlich fit? Der Blick wandert erneut zu der Frau an seiner Seite. Ein Lächeln, ein Augenzwinkern. Alles klar. Verstanden.

"Zweitens: viel Bewegung und gesunde Ernährung. Drittens: Seit dem Abitur habe ich nie wieder einen Wecker gestellt, um zur Unzeit aufzuwachen. Ich lebe konsequent nach meinem Biorhythmus. Und viertens: Ich habe während meines gesamten Berufslebens nie mehr als zwei Stunden pro Tag gearbeitet. Alles andere würde nur meinem Wohlbefinden schaden. Und vom Arbeiten ist noch nie jemand reich geworden."

Consul Weyer ist reich. Er besitzt einen Lear Jet, einen Hubschrauber für die kürzeren Strecken (sowie alle Pilotenscheine), eine Yacht an der Côte d'Azur sowie ein halbes Dutzend Wohnsitze rund um den Globus, darunter ein luxuriöses Penthouse an der Copacabana am Hauptwohnsitz Rio de Janeiro. "Mit Blick auf den Zuckerhut. Pelé ist unser Nachbar."

Mit dem ehrlichen Stolz eines Kindes zählt er die Attribute seines Wohlstandes auf, denn er hat sein Vermögen weder geerbt noch gestohlen. Er ist reich, weil er eines Tages, als junger Mann, beschloss, nie wieder arm sein zu wollen. "Ich bin zehn Jahre meines Lebens jede Nacht hungrig zu Bett gegangen."

Aufgewachsen im zerbombten Berlin. Der Vater, ein hoher Offizier, im Krieg und anschließend in russischer Gefangenschaft. In dieser Zeit lernt seine Mutter Sir Clifford Davis kennen, den britischen Stadtkommandanten Berlins, lässt ihren verschollenen Mann mit Hilfe der britischen Besatzungsbehörden für tot erklären und heiratet den Briten. Hans-Hermann und sein Bruder werden ins Internat abgeschoben.

Doch der Vater kehrt 1955 mit einem Pappkarton unter dem Arm aus Russland zurück, zehn Jahre nach Kriegsende, als einer der letzten Überlebenden des Grauens. Als er sieht, dass seine Frau längst wieder verheiratet ist, gibt er sich geschlagen und räumt das Feld.

Ein Trauma für den Jungen. Hans-Hermann lernt die vergeblichen Liebesbriefe, die sein Vater an seine Mutter schrieb, allesamt auswendig und beschließt, niemals zu heiraten. Durch den Stiefvater findet der Abiturient ersten Kontakt zu Diplomatenkreisen. Und entwickelt eine Geschäftsidee. Er leiht sich Geld von seiner Mutter, kauft ein Spanisch-Wörterbuch und ein Flugticket nach Bolivien, schafft es mit Charme und Chuzpe bis in den Präsidentenpalast von La Paz - und kehrt wenig später mit einem Doktortitel zurück; für den Vater eines Schulfreundes, dem die gesellschaftliche Stellung als Zahnpasta-Fabrikant nicht genügt.

Hans-Hermann Weyer zahlt von der Provision den Kredit an die Mutter zurück und bestreitet seinen Lebensunterhalt fortan als Vermittler zwischen der geltungssüchtigen deutschen Nachkriegs-Elite und verschuldeten Bananenrepubliken, devisenklammen Universitäten oder verarmten Adelshäusern dieser Welt.

Consul Weyer kann seiner Kundschaft, seien es nun Ministerialdirektoren, Industrielle oder gelegentlich auch halbseidene Saunaclubbesitzer, so ziemlich alles beschaffen, sofern die Provision stimmt: Orden, Ritterschläge, akademische Titel, Adelstitel, Honorarkonsulate. "Das meiste Geld verdiene ich aber mit der Ausflaggung von Hochseeschiffen." Inzwischen hält er nur noch zwei Mal pro Jahr Sprechstunde in Rio. "Das ist dann immer wie im Wartezimmer des Zahnarztes."

Täglich beten der Konsul und seine Frau zum lieben Gott

Gelegentlich wurde ihm vorgeworfen, dass er mit Diktatoren paktiere. "Ja, ich habe zu Beginn auch Fehler gemacht", räumt er heute ein. "Aber gelten für mich strengere moralische Maßstäbe als für gewählte Bundesregierungen, die vor dem arabischen Frühling mit den dortigen Despoten paktierten? Und ist China, das jetzt von der gesamten westlichen Welt umworben wird, ein demokratischer Staat, der die Menschenrechte achtet?"

Consul Weyer, der sich von einer Countess of Yorck adoptieren ließ und seither mit dem englischen Königshaus verwandt ist, pflegt Kontakt zu 32 Staatsoberhäuptern dieser Welt - auch zum Vatikan. Dort sind attraktive Orden gegen mildtätige Gaben zu haben. Weyers erster Kontaktmann zur Kurie war lange Zeit Kardinal Alfredo Ottaviani. "Der konnte Geldscheine am Rascheln unterscheiden."

Zwar hat der leidenschaftliche Hobby-Flieger vom Bodenpersonal des Himmels nicht die allerbeste Meinung, aber zum lieben Gott betet er mit seiner Frau täglich, um ihm für das gesundheitlich und materiell sorgenfreie Leben in Harmonie zu danken. "Das ist nämlich nichts Selbstverständliches. Wir genießen jeden Tag, den wir gemeinsam verbringen dürfen."

Dr. med. Christina Weyer ("den Titel habe ich mir selbst erarbeitet"), Tochter des langjährigen deutschen Botschafters Dr. Karl-Heinz Scholtyssek, wurde 1963 in Madrid geboren, lebte als Diplomatenkind in Sydney, Hongkong, Athen, Rio, Kathmandu, Melbourne und in Bad Godesberg, ging dort mit Kanzler-Sohn Matthias Brandt zur Schule, studierte in Bonn Medizin, promovierte in München und praktiziert heute in Rio in der Klinik des Brasilianers Professor Ivo Pitanguy, einer der Pioniere der plastischen Chirurgie, dem Formel-1-Weltmeister Niki Lauda nach dem Unfall auf dem Nürburgring ein neues Gesicht verdankt.

Über die unfallfrei angehübschte Hollywood-Prominenz unter den Kunden hüllt Frau Doktor sich in Schweigen, so wie ihrem Mann keine prominenten Titelträger aus seiner Kundenkartei zu entlocken sind. Hingegen erinnert sich Consul Weyer noch sehr genau, wann und wo und wie er seiner Frau zum ersten Mal begegnet ist. Bei einem Empfang, den der französische Präsident Mitterrand in Rio gab. "Da fegte plötzlich eine bildhübsche 16-Jährige auf Rollschuhen übers Parkett, mitten durch die steife Gästeschar."

Wenig später nahm ein deutscher Diplomat den Jet-Set-König in der schneeweißen Uniform zur Seite: "Finger weg von meiner Tochter! Die ist viel zu jung für Sie!" Doch die Rollschuhfahrerin ging ihm nicht mehr aus dem Kopf, und zehn Jahre später begegnete er ihr zufällig auf der Düsseldorfer Kö wieder. "Von diesem Tag an waren wir bis heute keinen Tag mehr getrennt." Damals brach Consul Weyer sogar sein Gelübde, niemals in seinem Leben zu heiraten. "Das habe ich bis heute nicht bereut. Sie ist schön wie Sharon Stone, klug wie Albert Einstein und hat ein Herz wie Mutter Theresa."

Weil Christina Weyer als Kind eines Diplomaten ein Nomadenleben führte, sehnt sie sich heute nach Wurzeln und Sesshaftigkeit: "Ich hänge sehr an Bad Godesberg. Das ist meine emotionale Heimat." Deshalb haben die Weyers auch schon vor Jahren ein Doppelgrab auf dem Godesberger Burgfriedhof gekauft. Der schneeweiße Grabstein steht schon, die Namen sind bereits eingemeißelt. "Möge es noch lange dauern. Aber wir wollen nichts dem Zufall überlassen."