Islam und Integration in Bad Godesberg

Das Unbehagen angesichts des Schleiers

Bad Godesberg. Bad Godesberg ist voll mit Vollverschleierten. Diesen Satz hört man immer häufiger. Die Frauen mit Gesichtsschleier, dem Niqab, sind sicher das auffälligste, wenn nicht gar das anstößigste Anzeichen dafür, dass sich der Stadtbezirk wandelt, gar islamisiert, wie Leser dem GA immer wieder schreiben. Droht die Parallelgesellschaft, hat sich gar eine Parallelwelt etabliert?

Arabische Schriftzeichen auf den Fensterscheiben von Geschäften, Reisebüros und Friseursalons findet man an vielen Stellen in der Godesberger Innenstadt. Und eben voll verschleierte Frauen. Als der General-Anzeiger an einem sonnigen Werktagvormittag in der Fußgängerzone unterwegs ist, hält sich die Zahl der Frauen mit Niqab eher in Grenzen. Es sind einige wenige, die meisten von ihnen unterhalten sich in einer fremden Sprache. Am späten Nachmittag des gleichen Tages dann ein gänzlich anderes Bild: Fast fühlt man sich in eine saudi-arabische Stadt versetzt, so viele Frauen mit Schleier schlendern nun durch die Innenstadt.

Wir sprechen eine ganze Reihe von ihnen an: "Kommen Sie aus Bad Godesberg?" Die Mehrzahl der Frauen - mal einen Kinderwagen oder einen Rollstuhl vor sich herschiebend, mal bepackt mit Einkaufstüten - sagt nur "no, no", "nein" oder gar nichts. Eine Frau macht eine Handbewegung, als wolle sie eine lästige Fliege verscheuchen. Ob es sich immer um ausländische Medizintouristen handelt oder um Einheimische? Allein der Blick auf und in die Augen lässt derlei Schlüsse nicht zu.

Dann gelingt die erste Kontaktaufnahme mit einer Frau. Sie dürfte eher jünger sein, darauf deuten ihre Stimme und ein, wenn auch leerer, Kinderwagen hin. Sie komme aus Saudi-Arabien und wohne seit anderthalb Jahren in Bad Godesberg, erzählt sie geduldig auf Englisch. Ob sie mit ihrem Schleier hierzulande negative Reaktionen ernte? "Bei den jungen Leuten nicht, aber oft bei den alten." Ob sie das Unbehagen der Anderen nachvollziehen könne? "Ich bin Muslima, ich muss den Niqab tragen."

Und dann treffen wir ein "kölsches Mädchen". So jedenfalls bezeichnet sich eine Frau, die ebenfalls nur ihre - geschminkten - Augen zeigt. Sie erzählt ganz offen und mit rheinischem Unterton, dass sie 45 Jahre alt und in Hennef geboren sei und nun in Friesdorf wohne. "Ich arbeite im öffentlichen Dienst." Nein, ihr Vorgesetzter habe keine Probleme mit ihrer streng islamischen Kleidung. "Wenn ich ins Büro komme, nehme ich den Schleier ab." Überhaupt habe sie fast nur gute Erfahrungen bei anderen Leuten gemacht. "Ich trage den Niqab aus religiöser Überzeugung", sagt die zum Islam Konvertierte. "Aber ich bin voll integriert." Und es klingt zumindest so, als lächle sie dazu.

"»Gesicht zeigen« gehört zu unserer Gesellschaft", sagt hingegen die Integrationsbeauftragte der Stadt, Coletta Manemann, mit Blick auf die dauerhaft in Bonn lebenden Muslime. "Auch viele Godesberger Muslime sehen das so. Sie halten die Vollverschleierung für religiös nicht begründet."

Diese Meinung vertritt auch Bernd Ridwan Bauknecht, Lehrer für islamische Religionslehre und 1993 zum Islam konvertiert. Lange vor den Anschlägen vom 11. September 2001. Als das Bild vom Islam noch ein anderes war, als er als exotisch, aber noch nicht bedrohlich empfunden wurde. "Der Niqab erschreckt auch mich", sagt Bauknecht zu dem bei vielen Godesbergern empfundenen Reizthema. Dennoch glaubt der 49-jährige Muslim, der an der katholischen Domhofschule und in der Unterstufe der Elisabeth-Selbert-Gesamtschule unterrichtet, dass die meisten voll verschleierten Frauen in Godesberg Touristinnen sind.

"Zwar sehe ich seit etwa vier Jahren auch bei Schülermüttern mehr Niqabs. Aber das ist nicht die Masse", ergänzt er. Die zunehmende Zahl verschleierter Frauen will Bauknecht deshalb auch nicht als Ausdruck einer Parallelgesellschaft in Bad Godesberg werten. Dennoch: "Es gibt Probleme. Vor allem bei Jugendlichen, die mit salafistischem Gedankengut liebäugeln. Oft ist das aber eher ein Problem jugendlicher Identitätssuche. Auch die Eltern sind besorgt über den Wandel ihrer Kinder." Bauknecht sieht die Abschottung daher auch eher innerhalb muslimischer Familien: "Nicht selten sind sie in Deutschland angekommen, sprich integriert, und nur das Kind radikalisiert sich."

Die Fälle, in denen Eltern ihre Kinder nicht zum Sport- oder Schwimmunterricht gehen lassen wollten, hätten nicht zugenommen und lägen auf sehr geringem Niveau, sagt Bauknecht. Er hält dagegen mit dem Bild eines aufgeklärten Islam, besucht mit seinen Schülern die Synagoge, Kirchen oder auch Menschen, die mit Religion nichts am Hut haben. Er feiert mit christlichen und muslimischen Kindern gemeinsame religiöse Feste - "was die toll finden. Ein, zwei Eltern lassen ihr Kind dann nicht teilnehmen oder melden es Kind gar vom Religionsunterricht ab. Aber deswegen von Parallelgesellschaft zu reden, hilft uns nicht weiter."

Mustafa Cadi gibt sich gelassen. Als Vorstandsmitglied der Al-Ansar-Moschee an der Bonner Straße sagt er, die Schar der Gläubigen sei heterogen, aber Abschottungstendenzen beobachte er bei keiner Gruppe in seiner Gemeinde. "Die voll verschleierten Frauen sind zu 90 bis 95 Prozent Medizintouristinnen. Das erkenne ich schon am Stoff der Gewänder", behauptet der Godesberger, der ein Bekleidungsgeschäft hat. Immerhin hält auch Mohamed Benhsain in der Al-Ansar-Moschee regelmäßig Vorträge. Der Mann gilt als einer der ersten Missionare eines ultrakonservativen Islam in Deutschland (siehe auch Text unten rechts). Gleichwohl ist Benhsain seit zehn Jahren im interreligiösen Dialogkreis von Bad Godesberg.

Dialog ist für Cadi genau das, was Godesberg noch viel mehr braucht. Und Brückenbauer zwischen den Religionen. Der interreligiöse Dialogkreis ist es auch, dem Dechant Wolfgang Picken die stetig besser werdende Verbindung zwischen christlichen und muslimischen Gemeinden zuschreibt. "In Bad Godesberg gibt es keinen Konfrontationskurs. Auf menschlicher Ebene läuft es ganz gut", sagt der katholische Pfarrer. Und verweist auf gemeinsame Aktionen wie die Menschenkette nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo".

Schwierigkeiten sieht Picken eher in der "institutionalisierten Zusammenarbeit". Die muslimischen Gemeinden seien strukturell nicht so aufgestellt wie die christlichen, die seit Jahrhunderten in Deutschland etabliert seien. Aber: "Die Vertreter der Moscheengemeinden sind extrem höflich und um Kontakt bemüht." Das gelte vor allem für die marokkanischen und türkischen Gemeinden. Die saudi-arabische König-Fahad-Akademie sei separierter. "Ungewöhnlich ist, dass die Muslime untereinander nicht in einem richtigen Dialog stehen", so die Beobachtung des Pfarrers. Gemeinsame soziale Verantwortung, gemeinsame Aktionen könnten helfen. Und wären wünschenswert.

Eine Parallelgesellschaft sieht Picken nicht. Wenn überhaupt spricht er von "Nischengesellschaft". Diese gebe es aber nicht innerhalb der muslimischen Gemeinden, sondern bei außenstehenden Muslimen - sofern sie existiert. "Ich bin nicht sicher, ob die Moscheegemeinden die muslimische Bevölkerung abdecken." Kümmern sich die Gemeinden um diejenigen, die nicht zu ihnen kommen? Haben sie sie auf dem Schirm? Das seien Fragen, die er sich stelle. Fragen, die aber auch die christlichen Gemeinden beschäftigen. "Vielleicht haben auch wir manchmal den Binnenblick und kümmern uns nur um die Gläubigen." Dennoch seien die christlichen Kirchen in Godesberg gut aufgestellt - und "überproportional groß". Die soziale Infrastruktur sei seit langem in katholischer und evangelischer Hand. Eine katholische Akademie, ein Förderdienst für Kinder und, und, und: "Generell gibt es viel Bereitschaft, gesamtgesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen."

Doch was ist mit denjenigen, die nicht kirchlich organisiert sind? Was geschieht, wenn die kirchliche Gesellschaft schrumpft? Das hätte "verheerende Auswirkungen für Bad Godesberg", glaubt Picken. "Kirche darf keine Nische werden. Sie ist das Rückgrat einer guten sozialen und geistlichen Infrastruktur", ist er überzeugt. Wenn das schwinde - "wer übernimmt dann die Aufgaben?" Die muslimischen Gemeinden sind es seiner Meinung nach nicht. Noch nicht. Denn: "Sie sind nicht so gut aufgestellt."

Noch gebe es keinen Ansatz für einen islamischen Kindergarten, eine Schule, ein Hilfswerk. Aber: "Wenn diese Angebote kommen und die islamischen Gemeinden auch für Nichtmuslime soziale Verantwortung übernehmen - warum denn nicht?"