Ako in Bonn

Betroffener schildert Missbrauch am Aloisiuskolleg

Seelsorger Patrick Bauer vor dem Aloisiuskolleg in Bad Godesberg. Lange kann er dort nicht verweilen. Zu sehr schmerzt die Erinnerung.

Seelsorger Patrick Bauer vor dem Aloisiuskolleg in Bad Godesberg. Lange kann er dort nicht verweilen. Zu sehr schmerzt die Erinnerung.

Bonn. Patrick Bauer ist Seelsorger des Erzbistums Köln und Sprecher des dortigen Beirats für Missbrauchsbetroffene. Vor seiner eigenen Schule, dem Aloisiuskolleg in Bonn, versagt ihm jedoch die Stimme.

In der Morgensonne steht Patrick Bauer an der Elisabethstraße und blickt hinüber zu seiner ehemaligen Schule, dem Ako, dem Aloisiuskolleg. Ein Mann wie ein Baum, selbstbewusst, sich selbst bewusst. Nur der Händedruck fällt weicher aus als erwartet. Nach unserem Gespräch wird Bauer zu seiner Arbeit als katholischer Gefängnisseelsorger des Erzbistums Köln eilen. Gestern habe er in einer Haftanstalt einem Gewaltverbrecher zur Seite gestanden, erzählt er.

„Selbstverständlich stehe ich auch Mördern bei, wenn sie religiöse Bedürfnisse haben. Ich sehe immer den Menschen“, sagt Bauer. Im Amt rede er folglich auch mit Missbrauchstätern. „Aber wenn sie Verständnis für ihre Taten erwarten, breche ich sofort ab. Bei mir nicht.“ Bauer verstummt. Er stemmt die Hände in die Seiten – und wirkt plötzlich regelrecht verloren.

Patrick Bauer ist 49. Das Abitur liegt 30 Jahre zurück. „Hier vor der Schule geht es mir nicht gut“, meint er mit belegter Stimme. „Es ist, als ob mir ein Stein schwer im Magen liegt.“ Irgendwie fühle er sich wieder wie der Elfjährige, der sich genau an diesem Ort nicht habe wehren können.

Bauer engagiert sich seit dem Frühjahr im Rahmen der Interventionsarbeit des Erzbistums Köln. Er fungiert als Sprecher des Beirats für Betroffene von sexuellem Missbrauch, einer in Bistümern einmaligen Einrichtung. Er habe zu diesem Thema mit Rainer Maria Kardinal Woelki „auf Augenhöhe“ reden können, betont Bauer. Doch hier, vor seiner ehemaligen Schule, versagt ihm die Stimme.

„Du musst es unbedingt die Treppe hoch schaffen“

Er will das Pressegespräch, das er als Privatperson führt, lieber im Redoutenpark fortsetzen. „Ich zeige Ihnen mal den Ort, an dem wir Jungen gerne zusammen saßen.“ Aber an der Ako-Treppe bleibt Bauer kurz stehen. Als er vor drei Jahren wieder das Kolleg betreten habe, seien ihm hier die Knie weich geworden. So viele Erinnerungen seien in ihm hochgespült. „Du musst es unbedingt die Treppe hoch schaffen, sonst bleibst du ewig der kleine Junge, der unter der Bettdecke zittert“, habe er sich damals geschworen.

Er sei 2016 auf dem Weg zur damals noch bestehenden Dialogrunde des Kollegs mit dem Eckigen Tisch Bonn gewesen, dem Verein von Gewalt Betroffener. Hier rangen bis 2017 Vertreter der Kollegsgemeinschaft mit Opfern wie Bauer um Aufarbeitungsschritte nach dem vielfachen Machtmissbrauch, den unabhängige Kommissionen für einen Zeitraum von über fünf Jahrzehnten ermittelt hatten. „Ich wollte in der Runde den Opfern eine Stimme geben, die nicht reden können“, sagt Bauer nun. „Denn auch ich habe Lebenslänglich.“

Er schreitet rasch in den Park. Seine seelischen Verletzungen, die gingen nie mehr weg, sagt er. „Da bleibt immer eine offene Wunde.“

Auf einer Bank oberhalb des Ententeichs lässt sich Bauer nieder. Aus dem Springbrunnen fließt glucksend Wasser. Vögel zwitschern in den Wipfeln der mächtigen Buchen. Was ist ihm denn in seiner Internatszeit von 1980 bis 1989 am Ako widerfahren? Ein leichtes Stöhnen.

Der nackte Pater wartete täglich im Duschraum

Dann deutet Bauer an, wie Kollegsleitung und Erzieher ihn und die anderen Unterstufenschüler zum morgendlichen Duschen in der Kollegsvilla Stella Rheni allein mit dem damaligen Internats- und nachmaligen Schulleiter Pater Ludger Stüper ließen, der dort stets schon selbst nackt mit geöffnetem Bademantel wartete. Bauer berichtet von entsetzlichen Kopfschlägen des Paters und von erzwungenem rektalen Fiebermessen nachts auf dem Flokati-Teppich im Privatzimmer des Mannes. „Ich kann nicht alles erzählen. Da geht es mir anders.“ Der 49-Jährige räuspert sich.

Der Zinsmeister-Untersuchungsbericht von 2011 verzeichnet für diesen im Juli 2010 verstorbenen Pater vielfachen sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen und Kindern, erzwungenen Oralverkehr, Freiheitsberaubung und Körperverletzung. Der Jesuit hatte noch bis 2006 mit jüngeren Schülern in der Stella Rheni wohnen und bis 2007 im Internat aushelfen dürfen. Gegen ihn wurde aufgrund einer Schüleranzeige bis zu seinem Tod ermittelt.

Kommentatoren entrüsteten sich 2013 im von Jesuiten publizierten Buch „Unheilige Macht“, der Pater habe, vom Orden ungehindert, auf dem „Heiligen Berg“ Godesbergs nach Gutsherrenart „ein pädophiles Himmelreich“ betreiben können.

Patrick Bauer schildert, dass er sich nach dem Ausbruch des bundesweiten Missbrauchsskandals 2010 anfangs vom Thema ferngehalten habe. „Ich hatte all das ganz tief in mir begraben.“ Er habe erst später verstanden, dass seine Depressionen, die Arbeitsausfälle, das Scheitern seiner Ehe, das Zerbrechen der Familie und sein Bedürfnis nach Therapie mit „all dem“ zu tun hatten. Und – ein weiterer Schock für ihn – dass auch seine Brüder betroffen waren.

2014 habe er das Buch „Unheiliger Berg“ über den Machtmissbrauch am Ako in die Hand bekommen. „Und darin habe ich plötzlich meine eigene Geschichte gleich fünfmal gelesen“, erinnert sich Bauer. Anfang 2016 habe er Kontakt mit dem Eckigen Tisch Bonn aufgenommen. Und plötzlich habe er zu denen gehört, die von anderen Ehemaligen zu Tätern abgestempelt wurden: „Weil wir denen ihre heile Welt zerstörten.“

Fünf Jahre lebe er also jetzt mit der Wahrheit über seine Internatszeit. „Und ich merke, dass ich seither generell mutiger geworden bin.“ Er könne inzwischen besser mit sich selbst und auch mit seiner Ex-Frau umgehen. Auch seine Kinder profitierten von der neuen Klarheit. „Ich glaube, ich bin für sie in den letzten fünf Jahren angenehmer als vorher“, meint Bauer leise.

Wer entschädigt Bauers Frau? Wer seine Kinder?

Im Betroffenenrat des Erzbistums erhalte er die Bestätigung, dass andere Opfer sich von ihm gut vertreten fühlten. „Der gibt uns gute Worte“, höre er. Und dann wird Bauer plötzlich wütend. Wer entschädige etwa seine damalige Frau dafür, wie er sie während seiner Depressionen behandelt habe? Wer seine Kinder, die über Jahre einen Vater hatten, „der teilweise ausgeknockt war“? Wer entschädige seinen Arbeitgeber für die ausgefallenen Dienstzeiten? „Wer gibt mir meine in den Therapien verlorene Lebenszeit wieder?“

Denn mit seiner Schule und dem Orden sei er bis auf eine symbolische Anerkennungszahlung von 5000 Euro noch nicht weitergekommen. Und zwar, weil schon mal der Dialog zwischen Kolleg und Eckigem Tisch seit 2017 ausgesetzt sei, bedauert Bauer. Die Opfergruppe dürfe sich nicht Bedingungen für die Fortführung stellen lassen.

Er empfinde es erstens als enttäuschend, dass das Ako die Betroffenen bis heute nicht als Zeugen zum Gespräch mit der aktuellen Schülerschaft einlade. „Es ist für mich zweitens unvorstellbar, dass der damalige Tatort Stella Rheni heute von einem Event-Veranstalter als Ort für Feste angeboten werden darf“, kritisiert Bauer.

Die Ordensleitung soll den Mitwisser „endlich zur Verantwortung ziehen“

Es sei für ihn drittens unverständlich, dass auf dem Gelände immer noch kein Erinnerungsort an die Opfer geschaffen sei. Bauer kann sich da eine Art Stolperstein-Modell vorstellen, wie es Gunter Demnig für Nazi-Opfer praktiziert. Und es sei für ihn viertens nicht tragbar, dass der Orden den Pater Theo Schneider, ehemals Ako-Internatsleiter (1984-2006) und Rektor (2007-2010), der 2010 zurücktrat, auch heute noch als Superior der Göttinger Jesuiten in Leitungsfunktion belasse, zählt Bauer auf. „Die Ordensleitung muss ihn als Mitwisser und Nicht-Verhinderer endlich zur Verantwortung ziehen. Er hat sich bis heute nicht öffentlich entschuldigt.“ Die Jesuiten seien bislang nicht bereit, dahin zu gehen, wo es wirklich wehtue.

Der General-Anzeiger hat die Verantwortlichen des Ordens und des Ako um Stellungnahmen dazu gebeten. Provinzial Pater Johannes Siebner, von 2011 bis 2017 selbst Ako-Rektor, antwortet aus München: „Es ist bekannt, dass wir innerhalb des Ordens um die Aufarbeitung von Missbrauch am Ako ringen, ausdrücklich auch mit Pater Schneider.“ Es sei ihm nicht nur persönlich, sondern auch als Provinzial ein großes Anliegen, in dieser Frage wirklich voran zu kommen, erklärt Deutschlands oberster Jesuit. Zudem wünsche er sich sehr, dass der Gesprächsfaden von Betroffenen, Kollegsgemeinschaft und Orden wieder aufgenommen werde.

Pater Martin Löwenstein, seit 2017 Ako-Rektor, antwortet, er bedaure, dass der Eckige Tisch die Gespräche mit dem Orden abgebrochen habe. „Ich bin deswegen Herrn Bauer sehr dankbar, dass wir beide uns getroffen und miteinander gesprochen haben.“ Das Treffen war nach einer Anfrage des General-Anzeigers an beide zustande gekommen.

„Von unserer Seite gibt es auch weiterhin keine Vorbedingungen für ein Gespräch mit Betroffenen“, widerspricht nun der Rektor Bauers Aussage. Er erlebe „eine ermutigende Bereitschaft aus der ganzen Schulgemeinschaft, unsere intensive Auseinandersetzung mit den Themen Gewalt gegen Kinder und Kultur der Achtsamkeit mitzutragen.“

Diese Achtsamkeit müsse auch gegenüber allen gelten, die damals hier Gewalt erlebt hätten, so Pater Löwenstein. „Deswegen bin ich sehr dafür, mit den Betroffenen gemeinsam eine Form des Erinnerns zu finden, die zum bleibenden Nachfragen und zum Gespräch darüber führt.“

Er überlegte, ob er auf das Grab des Täters pinkeln solle

Das öffentliche Gespräch zwischen Betroffenen und Angehörigen des Kollegs, gerade auch interessierten Schülern, habe es gegeben, widerspricht auch hier der Rektor, und sollte es unbedingt weiterhin geben. „Die Bereitschaft des Eckigen Tischs und anderer Betroffener ist da, unsere auch, denn das Zuhören und das Sprechen miteinander ist bleibend wichtig.“

Offenbar hakt es also derzeit grundsätzlich bei der Kommunikation.

Patrick Bauer war übrigens anlässlich eines Termins mal allein auf dem kollegeigenen Patresfriedhof, auf dem drei von den Kommissionen ermittelte Haupttäter begraben liegen. „Ich bin tief in meinem Glauben verwurzelt“, sagt er. Ohne ihn hätte er das Geschehene nicht überstanden. „Ich bin eben nicht von der Kirche missbraucht worden, sondern von einem Mann, der das System Kirche ausgenutzt hat“, betont er. Am Grab „seines Täters“, der ihm seine schlimmsten Jahre bereitete, habe er kurz überlegt, „ob ich da jetzt draufpinkele“. Zum ersten Mal blitzt beinahe ein Lächeln in Bauers Gesicht auf. „Dann habe ich aber am Grab gebetet, dass Gott diesem Mann die entsprechende Strafe zukommen lässt.“

Er könne dem Pater nicht vergeben, nein. Er glaube fest daran, dass es am Ende durch Gott Gerechtigkeit gebe, wie sie das Glaubensbekenntnis beschreibe: „Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“