Kunst

Bad Godesberger Glasmalerin residiert hoch über den Dächern Mehlems

BAD GODESBERG. Godesbergerin Irene Hugot-Rothweiler hat schon vielen Kirchen "ein schönes Kleid angezogen". Die Künstlerin ist immer mit Stift und Radiergummi bewaffnet.

Mit kräftigem Schwung zeichnet Irene Hugot-Rothweiler die Linien auf den riesigen, im Kirchdach von St. Severin aufgespannten Planen nach. Die meterlangen Kartons sind die originalgroßen Skizzen ihrer neusten Auftragsarbeit. Die Godesberger Glasmalerin soll sämtliche Kunstfenster von Schloss Rhede bei Wesel neu schaffen.

"Konturzeichnungen müssen hoch hängen, dürfen nicht liegen, um Versprünge zu vermeiden", erklärt die immer mit Stift und Radiergummi bewaffnete Künstlerin. Hier, hinter der großen Rosette der katholischen Kirche Mehlems, hoch über den Dächern von Bonns südlichstem Ortsteil, findet Hugot-Rothweiler die nötige XXL-Fläche, das beste Tageslicht und die unabdingbare Ruhe. Nur brütende Falken begleiten sie im Jahr hier oben. Und das Glockenläuten des uralten Severin-Turms direkt nebenan.

Auch jetzt im Winter arbeitet die 53-Jährige, deren Kunstfenster im Rheinland, aber auch in Norddeutschland, Belgien und Israel hängen und die schon anlässlich der Expo ausstellte, weiter an den Kartons. Sie prüft die Qualität des gewählten Glases an Probegüssen und sinniert über den Farbschattierungen, die das Licht wirft.

Hier entstehen für jede Auftragsarbeit mehrere Entwürfe, die bei öffentlichen oder kirchlichen Gebäuden gestrengen Kommissionen standhalten müssen. Hier wird die Struktur der oft riesigen Fenster durch das Blei festgelegt, das die Mosaikstücke halten muss. Hier werden dann die genauen Arbeitsaufträge an die Glasbläser und die Glasschneider ausgetüftelt. "Aber bei der Ausführung bin ich dann auch dabei. Das haben mich meine 30 Jahre Erfahrung gelehrt", berichtet die vierfache Mutter, die neben ihrer Kunst das Familienmanagement "schmeißt". Aktuell steht ein Auftrag in einem Privathaus in Berlin-Grunewald an, erzählt Hugot-Rothweiler.

Aber auch vor Ort hat sie in Gründerzeitvillen schon Spuren hinterlassen, etwa mit den dekorativen farbigen Bleiglasfenstern der Villa Godesberg. Und im sakralen Raum direkt hier unterhalb ihres luftigen Ateliers. Vorsichtig führt die mehrfache Preisträgerin wieder die 76 Stufen hinunter in St. Severin und zeigt ihre vier Mehlemer Auftragsarbeiten. Und da leuchten ihre Augen, denn im geweihten Raum will Hugot-Rothweiler auch ihren persönlich gelebten Glauben zum Ausdruck bringen. "Durch die Schönheit der sakralen Kunst habe ich zum Glauben gefunden", sagt die Glasmalerin.

Strahlend leuchtet die Sonne durch das beidseitig farbige Marien-Rosenkranzfenster, das Hugot-Rothweiler zum Papstjubiläum 2003 anfertigte. "Ich habe dem damaligen Pfarrer Alexander Wimmershoff viel zu verdanken, denn oft gilt der Prophet ja im eigenen Land wenig", lächelt die Glasmalerin.

Als Tochter des langjährigen Aachener Dombaumeisters und Stadtkonservators Leo Hugot war sie in die sakrale Kunstszene hineingeboren worden, war nach einem Studium der Kunstgeschichte und ersten Glasmalereien von Kapazitäten wie Wilhelm Buschulte und Georg Meistermann befeuert worden: "Mädchen, mach weiter." Bald regnete es erste Preise und Aufträge, ganzen Kirchen "ein schönes Kleid anzuziehen".

Sie habe ihrem Vater viel zu verdanken, sei aber ihren eigenen Weg gegangen, sagt Hugot-Rothweiler in St. Severin. Ihre Glaskunst und auch ihre Wandmalerei und Textilkunst etwa in Form von Primizgewändern reproduziere nicht, sondern schaffe eine eigene Welt von innen.

Glasmalerei: Das "Malen mit Glas" ist die Kunst der Herstellung farbiger Fenster mit bildlichen Darstellungen. Farbige Glasstücke werden dabei durch Bleistege miteinander verbunden, damit Festigkeit entsteht. Die Wirkung erwächst aus dem durchscheinenden Tageslicht. Die Glasmalerei steht im Dienste der Architektur. Vorstufen gab es in der römischen Antike und in Byzanz. Zu hoher Blüte gelangte die Kunst in den mittelalterlichen Kirchenbauten. Noch heute bauen Glaskünstler auf den Erfahrungen der damaligen Klosterhütten auf.