Interview mit einem Astronauten

Bad Godesberger Christuskirche lädt zu „Mission Orgel und Weltall“

Bonn. Gerhard Thiele kommt an diesem Sonntag in die Christuskirche. Auch dabei: Insa Thiele-Eich, die als Astronauten-Kandidatin im Gespräch ist. Am Morgen in zwei Themengottesdiensten und um 18 Uhr beim Benefizabend „Mission Orgel und Weltall“.

Die evangelische Christuskirche steht am Sonntag, 15. April, ganz im Zeichen der Raumfahrt. Am Morgen in zwei Themengottesdiensten und um 18 Uhr beim Benefizabend „Mission Orgel und Weltall“. Astronaut Gerhard Thiele und seine Tochter, die aktuelle deutsche Astronauten-Kandidatin Insa Thiele-Eich, beantworten Fragen von Jürgen Wiebicke.

Ein Astronaut in der Kirche: Wie passen Physik und Glauben zusammen?

Gerhard Thiele: Für mich gut. Sie beschäftigen sich mit ähnlich gelagerten Fragen, aber mit völlig eigenem Zugang. Unsere Lebenswirklichkeit ist komplexer, als dass man sie nur auf eine Art erfassen könnte. Das Fruchtfleisch einer Kirsche zum Beispiel kann man mit allen naturwissenschaftlichen Methoden wunderbar erkunden, aber den Kern noch lange nicht. Auf den kommt's aber an, weil aus ihm ein neuer Kirschbaum wächst.

Sie sind also im Jahr 2000 als gläubiger Christ ins All geflogen?

Thiele: Richtig. Ich habe mein Astronautensein nie im Konflikt mit meinem Glauben empfunden. Zu Versuchen, die Existenz Gottes wissenschaftlich zu beweisen, kann ich nur sagen: Glauben ist viel stärker als Wissen. Ich möchte an die Existenz Gottes glauben dürfen.

Es gibt Menschen, die behaupten, dass die Welt Gott nicht braucht.

Thiele: Für mich ebenfalls ein Irrweg. Der Weg der Physik, die Welt zu verstehen, kann nicht dazu führen, Gott zu ergründen.

Was war denn damals genau Ihre Aufgabe auf Mission im Weltall?

Thiele: Es ging uns darum, die Erdoberfläche neu zu vermessen. Das war ein riesiger Schritt. Unsere Daten finden auch heute noch Verwendung. Aber danach gab es selbstverständlich einen weiteren Qualitätssprung: Heute liegen weitaus präzisere Daten vor.

In Ihrem Bordtagebuch schrieben Sie: „Ich bin ganz einfach in einem neuen Raum.“ Wie haben Sie den empfunden?

Thiele: Es gibt im All einfach kein oben und unten mehr. Nichts bleibt, wo es ist. Stellen Sie sich vor, Sie könnten sich auf den Kopf stellen und schweben. Schwerelosigkeit im All kann man kaum beschreiben. Der entscheidende Punkt für mich war, wie schnell wir erlernen können, uns in diesem fremden Raum zu Hause zu fühlen.

Wenn Sie nicht vermessen haben – was ging Ihnen durch den Kopf?

Thiele: Nun ja, wir haben 15 Stunden am Tag gearbeitet. Da blieb keine Zeit zur Muße. Es gab natürlich Momente, wo der Gedanke mal woanders geweilt hat.

Und wo war der Gedanke dann bei Ihnen?

Thiele: Als wir bei Nacht über den Atlantischen Ozean auf Europa zuflogen, da war es ein Gedicht für die Augen: Über Frankreich noch schienen die Lichter der Städte wie Perlmutt durch die Wolken, und dann war plötzlich der ganze italienische Stiefel zu sehen. Dann zeigte sich über der Schwärze des Mittelmeers am Horizont ein riesiges Lichterband. Das waren die Lichter der Städte am Nil. Und da ging mir der Gedanke durch den Kopf: Warum bist du eigentlich hier oben und kannst genau das sehen?

Weil es ein Geschenk war?

Thiele: Entscheidend waren nicht meine Fähigkeiten und nicht die Ingenieurskunst, die Raketen entwickelt hatte. Sondern ich war da, weil es irgendwann mal einen Menschen vielleicht im alten Ägypten gegeben hatte, der oder die genügend zu essen und ein Dach über dem Kopf hatte und sich beim Anblick des Sternenhimmels über sich gefragt hat, wie es wohl wäre, dort oben zu sein. Und wie heißt es so schön bei Friedrich Dürrenmatt: Was einmal gedacht wurde, kann nicht zurückgenommen werden.

Jetzt kann Ihre Tochter Astronautin werden. Sie sind sicher stolz?

Thiele: Meine Frau und ich sind stolz auf alle vier Kinder. Ich freue mich für Insa, dass sie einen Traum hat und hart daran arbeitet und den Mut hat, dass er Wirklichkeit werden könnte. Auch auf die Gefahr hin, dass man scheitert.

Ihre Tochter sagt, es sei sehr unwahrscheinlich, dass wir die Einzigen im All sind?

Thiele: Ich sehe das ähnlich. Unsere Fantasie reicht sicher nicht aus, sich vorzustellen, welche Lebensformen es geben könnte. Bestimmt nicht solche, wie sie uns Science-Fiction-Filme menschenähnlich zeigen. Ob dieses Leben dann aber auch wirklich mit Bewusstsein ausgestattet ist, daran zu glauben, tue ich mich ehrlich gesagt schwerer.