Workshop für Inklusion

Bad Godesberger üben Kommunizieren

Gehörlose und Hörende nahmen am Wochenende an einem Theaterworkshop rund um das Thema Inklusion teil.

Gehörlose und Hörende nahmen am Wochenende an einem Theaterworkshop rund um das Thema Inklusion teil.

Bad Godesberg. Kommunizieren ohne Sprache? Wie das geht, haben Gehörlose und Hörende am Wochenende in einem Workshop ausprobiert.

Die Aufgabe lautete, ohne Sprache zu beschreiben, wie man zum Theaterworkshop gekommen ist – also auch ohne Gebärdensprache und ohne Buchstaben, die mit den Lippen tonlos gebildet werden. Der dreitägige Theaterworkshop für gehörlose, hörende und schwerhörige Menschen im Hansa Haus stellte die Teilnehmer immer wieder vor Aufgaben, die zeigten, wie einfach die Kommunikation auch ohne Sprache sein kann.

Geprobt wurde nicht etwa für ein Theaterstück, vielmehr ging es um Beispiele, die zeigen, wie Inklusion im Alltag aussehen kann. Geleitet wurde der Workshop von der Schauspielerin Pia Katharina Jendreizik (gehörlos) und der Regisseurin Wera Mahne (hörend). Die beiden Frauen arbeiten seit mehreren Jahren zusammen. Sie machen Theaterstücke und Workshops, bei denen Gebärdensprache und Lautsprache als künstlerisches Mittel verwendet werden und gehen so über das reine Verstehen des Gesagten immer wieder hinaus.

„Wir stellen den Teilnehmern Aufgaben, die sowohl ihre hörenden als auch gehörlose Menschen erfüllen können“, erklärte Mahne. So bauten sie ein Lebkuchenschloss oder erzählten sich ohne Worte von ihrem Tag. Vier Gehörlose und fünf Hörende nahmen am Theaterworkshop teil. „Ich interessiere mich für die Kommunikation zwischen Hörenden und Gehörlosen“, erklärte Lena Keller. Während sie sprach, übersetzte sie ihre Worte sofort in Gebärdensprache. Das konnte nicht jeder in der Gruppe. Damit sich trotzdem wirklich alle verstehen, unterstützte sie ein Dolmetscher, der je nach Bedarf in Gebärdensprache oder in Lautsprache übersetzte.

Kommunikation zwischen Teilnehmern funktioniert

Stephanie Terbrüggen gehört zu den Hörenden der Gruppe: „Ich arbeite an einem Tanztheater und würde gerne Gebärdensprache einbinden“, erzählte die Teilnehmerin von ihrer Motivation zur Teilnahme am Workshop. Auch Andreas Kossmann nahm aus beruflichem Interesse teil: „Ich habe eine Ausbildung zum Schriftdolmetscher begonnen, habe aber zuvor noch nicht so viel Kontakt zu Gehörlosen gehabt.“ Am ersten Workshoptag habe er mit der Gebärdensprache erst wenig anfangen können, aber durch die Aufgaben, die die Gruppe gemeinsam erfüllt hat, habe er sich sofort mit allen verbunden gefühlt. „Gehörlose nehmen die Welt eher visuell wahr, das muss aber kein Problem sein“, erklärte Niklas Kraus. Er selbst kann nicht hören, auch deshalb ist das Thema Inklusion für ihn von großer Bedeutung. „Im Workshop kann man testen, wie Inklusion tatsächlich aussehen kann“, so Kraus. Für ihn sei die Aufklärung ein wichtiger Teil einer gelungenen Inklusion.

Wie gut die Kommunikation zwischen den Teilnehmern funktioniert, zeigte das erste Spiel: Jeder Teilnehmer beschrieb problemlos seinen Weg zum Workshop und was er davor erlebt hat. Stephanie Terbrüggen erzählte, dass sie morgens mit ihren vier Kindern gefrühstückt habe. Niklas Kraus ließ alle an seiner abenteuerlichen Autofahrt nach Bonn teilhaben. „Gebärdensprache ist der Versuch, Sprache gleichberechtigt zu verstehen“, erklärte Mahne. Trotzdem stecke hinter der Sprache oft etwas ganz anderes: Man sage häufig Dinge, die man so gar nicht meine. Auch deshalb sei es wichtig, Theaterstücke zu zeigen, die sowohl Gehörlose als auch Hörende verstehen können.

Jendreizik berichtete, dass sie häufiger versehentlich jemanden in der Fußgängerzone berühre, weil sie nicht hören könne, ob jemand hinter ihr sei. „Zuerst ist es dann ein riesen Missverständnis, aber auch ohne Sprache kann man die Situation aufklären, und dann ist man mitten drin im Flirten“, so Jendreizik. Wenn die Performerin vom Flirten spricht, ist damit nicht unbedingt eine erotische Annäherung zwischen zwei Menschen gemeint. Für Jendreizik ist Flirten eine zweideutige Kommunikation, die überall und mit jedem entstehen kann. Zusammen mit Mahne stellte Jendreizik deshalb das Theaterstück „Flirt“ auf die Beine, das genau das aufzeigen soll.