Villa Genienau in Mehlem

Auf der Spur der produzierten "Edi-Puppen"

MEHLEM. Dieses putzige Blondchen ist der Traum vom wohlgenährten Kind der Nachkriegsjahre. Unter den drallen Beinchen leuchten die aufgemalten Lackschuhe. Über dem Kleidchen ist eine Schürze gespannt.

Dem Betrachter blickt ein rotbäckiges Rundgesicht entgegen. Die pummelige 16 Zentimeter hohe Laufpuppe aus Hartplastik mit dem im Nacken eingeprägten "Edi-Germany" ist dabei ein echtes Mehlemer Mädchen: made in den fünfziger Jahren in der Villa Genienau, wo der aus Schlesien stammende Kaufmann Erich Dittmann von 1948 bis 1960 eine Puppenmanufaktur betrieb und eben die heute noch bei Sammlern beliebten "Edi-Puppen" herstellen ließ.

Heimatforscher Horst Heidermann hat sich auf seine Fährte begeben. "Und da ist es so spannend geworden, dass ich mich richtig verbissen habe", gibt der studierte Diplom-Volkswirt zu.

Denn war Dittmann, der 1947 in Bonn einen Großhandel in Papier-, Spiel- und Korbwaren eröffnete, über den sich aber keinerlei Erfahrungen in der Puppenproduktion erschließen lassen, wirklich fähig, direkt nach Kriegsende diese Westdeutsche Kleinpuppen- und Steingutfabrik fachgerecht aufzubauen, wie die Heimatforschung bislang behauptete? Horst Heidermann wendet sich an den GA, will Kontakt zu Zeitzeugen aufbauen.

Und der GA bringt Friedrich Schlieter ins Spiel, den heutigen Besitzer der 1904 erbauten Villa am Rhein. Bereitwillig öffnet Schlieter seine Tore - und entpuppt sich alsbald selbst als eifrig in der Hausgeschichte forschender Zeitgenosse.

Mit Sinn fürs Detail hat Schlieter die durch den Fabrikbetrieb architektonisch verschandelte Villa wieder in den Originalzustand gebracht, hat Zwischendecken herausgerissen, die herrschaftliche Freitreppe zur Rheinseite hin wieder herstellen lassen. "Ich habe mich halt in diese wunderschöne Villa verliebt", gibt der Hausherr zu.

Und holt dann plötzlich eine Holzlade mit lauter kleinen Teilen hervor: "Edi"-Püppchen-Köpfe, Beinchen, Ärmchen, Leiber, wie bereit, wieder in Filigranarbeit mit Innenschnüren zu den Mehlemer Puppen zusammengesetzt zu werden. Dazu kleine Kannen, Tassen und Töpfe aus dem Puppenstubensortiment der Fabrik. "Die habe ich alle in der Gartenerde gefunden", berichtet Schlieter über seinen Schatz. Und gibt dem GA den entscheidenden Tipp, der zur wahren Historie führt.

Auftritt Christel Meißner. Die Bornheimer Dame outet sich am Telefon als Tochter des eigentlichen Edi-Puppen-Schöpfers Oskar Oelzner. "Dittmann war nur der Strohmann für die Zweitfabrik von August Riedeler aus dem thüringischen Königssee", erklärt Meißner.

Der bekannte Puppenhersteller aus der damaligen Ostzone habe aus Sorge vor Enteignung eine Zweitfabrik im Westen hochziehen wollen und Oelzner, seinen kreativen Kopf, 1946 zu Dittmann an den Rhein geschickt.

Wo der Fachmann in der von Riedeler bezahlten Villa Genienau Maschinen anschaffte und erst Steingut-, dann Kunststoffpüppchen herstellte. Die sahen nun fast genauso aus, wie die dann in der DDR produzierten "Ari-Puppen" August Riedelers. "Klar, alles die Handschrift meines Vaters", lacht Christel Meißner, die damals als Kind selbst unter dem Dach der Villa lebte. Allein 82 Festangestellte habe Oelzner etwa 1953 beschäftigt.

Dazu kamen viele Mehlemer Heimwerkerinnen. "Ein Millionengeschäft", so Meißner. "Edi"-Puppen wurden massenweise auch ins Ausland verschickt. Der Renner war Oelzners Laufpuppe mit der Kugel am Band, die auf glatter Fläche nachgezogen wurde. Nur leider sei ihr Vater alles andere als Geschäftsmann gewesen, habe sich wie Riedeler von Dittmann übers Ohr hauen lassen. Als die Grenze schloss, habe sich Dittmann die gesamte Fabrik unter den Nagel gerissen - aber sie dann 1960 durch Konkurs zweier anderer Firmen wieder verloren.

Oder waren die putzigen "Edi-Puppen" inzwischen aus der Mode gekommen, weil die superschlanken Nachfolgerinnen der Marke "Barbie" ab 1959 punkteten? Denn "Edi"-Pummel im figurbetonten Badeanzug mit lässiger Sonnenbrille vor den geschminkten Augen wären wohl schlecht vorstellbar.

"Nein", sagt Christel Meißner, als sie überraschend noch einmal zurückruft. Sie habe jetzt aus Neugier im Nachlass ihres Vaters gekramt. Und da sei sie über ein von ihm Ende der fünfziger Jahre gefertigtes langbeiniges Puppenmädchen mit übergroßen Augen gestolpert. Der "Edi"-Schöpfer hatte also wieder den richtigen Riecher gehabt. Nur leider hatte Chef Dittmann die Mehlemer Puppenfabrik da schon in den Ruin getrieben.