Erinnerungen

Alte Bonner Straßenbahn: Auf den Spuren der Linie 3

BAD GODESBERG. Noch heute erinnern Relikte an die Zeit der Straßenbahn Bonn - Bad Godesberg - Mehlem, die vor 125 Jahren verlängert wurde. Volkhard Stern war bei der letzten Fahrt 1976 mit dabei.

Erstaunlich, welche Dinge und Geschichten im Kopf eines 15-Jährigen haften bleiben. Bei Volkhard Stern, Jahrgang 1961, ist es die Erinnerung an die letzte Fahrt der Linie 3 im Dezember 1976. „Ich war traurig, weil ich spürte, dass eine Epoche zu Ende ging.“ Schon damals interessierte sich Stern, Autor des Buches Verkehrsknotenpunkt Bonn, für alles rund um den Nahverkehr. Die Linie 3, auch bekannt unter dem Namen Straßenbahn „Bonn – Godesberg – Mehlem“ (kurz: BGM) nutzte der Lannesdorfer als Schüler in schöner Regelmäßigkeit. Alte Tickets hat er aufbewahrt.

Vor genau 125 Jahren war die BGM entscheidend verlängert worden. 1892 als Verbindung zwischen Godesberg und der Endstation der Bonner Pferdebahn gegründet, erfuhr sie ein Jahr später einen wichtigen Ausbau in südlicher Richtung bis Mehlem und in nördlicher Richtung bis zur Königstraße nahe dem Bonner Stadtkern. Zunächst rollte sie dampfbetrieben über Schmalspuren. Diese Zeit hat Stern natürlich nicht miterlebt. „1911 kam die Elektrifizierung und mit ihr die Umspurung von einem Meter Breite auf 1,435 Meter“, erklärt Stern, der über die BGM auch publiziert hat.

Er kann viel erzählen über den Glanz, den die „Diplomatenbahn“ ausstrahlte. Die Sitzbezüge rot, die Schaffner in Anzügen und mit einer Mütze bekleidet, passend dazu die Herren Botschafter als Fahrgäste mit ihren Krawatten. Sie fuhren zum Bundeskanzlerplatz, um zu arbeiten. „Das alles ließ dann deutlich nach, als die Betreiber statt der Schaffner Studenten in den Bahnen kontrollieren ließen.“ In den 1970er Jahren trugen letztere langes Haar und Jeans mit weitem Schlag.

Die Linie 3, sie ist auch ein Beispiel für ein interkommunales Projekt. Schließlich fuhr sie vor der Kommunalreform im Jahr 1969 zwischen den eigenständigen Städten Bonn und Bad Godesberg hin und her. Nachdem die Städte die zunächst private Bahnstrecke gekauft hatten, teilten sie sich auch die Energiekosten für den Betrieb untereinander. Nach 1969 waren die Bonner Stadtwerke alleine verantwortlich für die letzten sieben Jahre Unterhalt, bevor auf der Strecke Omnibusse zum Einsatz kamen.

Die Bönnsche Bimmel

Im Volksmund wurden die Niederflurbahnen „Badewannen“ genannt. Millionen von Fahrgästen transportierten sie zu Hochzeiten jährlich zwischen Bonn und Mehlem, gerade nach dem Zweiten Weltkrieg, als die wenigsten Bürger eigene Autos in der Garage stehen hatten. Als in den 60er Jahren mit dem Bau der U-Bahn begonnen wurde und sich diese neue Strecke im Folgejahrzehnt großer Beliebtheit erfreute, gingen auch die Fahrgastzahlen der Linie 3 zurück.

Alte Relikte erinnern allerdings immer noch an die BGM. Die Bönnsche Bimmel, bis vor Kurzem von den Bonner Stadtwerken beispielsweise für Hochzeitsfahrten im Einsatz, verband Bonn und Bad Godesberg. Und wer mit aufmerksamem Blick die Kaiserstraße an einigen Stellen betrachtet, wird die Details sehen können, die an die Nahverkehrsgeschichte erinnert, die vor 126 Jahren ihren Anfang nahm. An der Ecke Kaiserstraße/Nassestraße steht ein verrosteter alter Fahrleitungsmast aus dieser Zeit. Kleine Stahlkonstruktionen an Häuserfassaden hielten die Leitungen auf der gegenüber liegenden Seite fest. Beim Kreiselbau auf dem Römerplatz brachen die Bauarbeiter die Straße auf und legten verrostete Schienenstränge frei, die beim Asphaltieren einfach zugeschüttet wurden. Und in ein saniertes Wartehäuschen an der Rheinallee ist mittlerweile ein Kiosk eingezogen.