Mehlemer Verzällcher in St. Severin

Als der Altar nach Norden wanderte

Hat viel zu erzählen: Toni Ließem in der Pfarrkirche St. Severin. FOTO: MICHAEL WENZEL

Hat viel zu erzählen: Toni Ließem in der Pfarrkirche St. Severin.

MEHLEM. "Im Spätsommer 1968 ist St. Severin von der Stadt Bonn von heute auf morgen geschlossen worden, weil die Kirche einzustürzen drohte", berichtet Toni Ließem. Der 73-jährige ehemalige Berufsfeuerwehrmann ist zwar seit 13 Jahren in Rente, aber weiterhin sehr aktiv für die Gemeinde tätig.

Seit Jahrzehnten unterstützt er als Hausmeister die katholische Gemeinde und kann sich gut an die Zeit Ende der 60er-Jahre erinnern. "Alles, was wertvoll war - Seitenaltäre, Kommunionbank, Kanzel -, wurde rausgeschmissen und verschwand irgendwann, nachdem es zuvor in einer Scheune in Gimmersdorf gelagert war", so Ließem. "Der Altar wurde nach Norden versetzt, und es wurde mehr Platz geschaffen für die Kirchenbesucher."

Diese und weitere Geschichten erzählte Ließem interessierten Besuchern in St. Severin - anschaulich, in rheinischer Mundart und gespickt mit Anekdoten - an einem Nachmittag im Rahmen der "Mehlemer Verzällcher". Gemeindemitglieder hatten Ließem gebeten, noch einmal über diese Zeit zu berichten. Es war die zweite Veranstaltung dieser Art: Vor einem Jahr berichtete er über das Aufstellen des Weihnachtsbaums und der Krippe in "seiner" Kirche.

Im Rahmen der Neugestaltung Ende der 60er-Jahre wurden Altar, Tabernakel und Madonna ins Seitenschiff gegenüber dem neu eingerichteten Südportal verlegt und statt der alten Kuppeln "eine Holzdecke eingezogen, die den Himmel darstellen sollte", so Ließem. Die Apsis wurde zum Nebenraum gemacht. Platz wurde durch Anbauten neben dem Südportal geschaffen. Das Problem: "Den Leuten hat's nicht gefallen", erzählte Ließem. "Erst unter Pfarrer Alexander Wimmershof wurde der Altar wieder »geostet«. Dafür habe ich damals mitgekämpft."

Im Rahmen einer weiteren Renovierung 1998 wurde der Boden der Apsis samt Altar angehoben. Tabernakel und Madonna fanden nun ihren Platz in den Seitenschiffen. Der Eingang zur Sakristei wurde verlegt. Wiederum wurde eine neue Gewölbedecke aus Holz, das aber durch Gipskarton und Verputz kaschiert wurde, eingebaut. Jochbögen, Gewölberippen, Schlusssteine und Kapitelle wurden in den Farben der Apsis bemalt. Die Kirche erhielt auch eine neue Beleuchtung. Der Turmraum erhielt einen unmittelbaren Zugang zur alten Empore und zum Turmaufgang. Im Turmraum wurde auch das Taufbecken aufgestellt.

Die erste schriftliche Erwähnung eines Vorgängerbaus in Mehlem stammt aus dem Jahr 1181. Dieses Kirchengebäude wurde während des Dreißigjährigen Krieges zerstört. Ein zweites Gebäude brannte nach einem Blitzeinschlag am 19. Februar 1860 ab. Nur der Turm blieb stehen.

Kreisbaumeister Paul Richard Thomann errichtete bis 1863 ein neues Gotteshaus und erhöhte den alten Turm, so dass St. Severin den höchsten Kirchturm zwischen Godesberger und Koblenz besitzt. Apropos Turm. Auf halber Turmhöhe findet am Donnerstag, 20. Dezember, ab 19.30 Uhr das traditionelle Turmblasen statt. Auch für das Podest, auf dem die Turmbläser stehen, hat Toni Ließem vor vielen Jahren mit gesorgt.