Missbrauchsfälle am Kolleg

Ako-Rektor diskutiert mit Betroffenen über die Aufarbeitung

Johannes Siebner (mit Mikro) traf erstmals öffentlich auf einen Betroffenen: Heiko Schnitzler (rechts). In der Mitte: Ebba Hagenberg-Miliu. FOTO: MÜLLER

Johannes Siebner (mit Mikro) traf erstmals öffentlich auf einen Betroffenen: Heiko Schnitzler (rechts). In der Mitte: Ebba Hagenberg-Miliu.

BAD GODESBERG. Es brodelt in ihm. Mit versteinerter Miene sitzt Gernot Lucas (76) in der Godesberger Parkbuchhandlung im Publikum. Der weißhaarige Kölner sieht mit Vollbart und Pferdeschwanz nicht wie der emeritierte Architekturprofessor aus, der er ist.

Gemeinsam mit 60 weiteren Gästen verfolgt Lucas, wie Ebba Hagenberg-Miliu aus dem Buch "Unheiliger Berg" liest, das die Journalistin über Missbrauchsfälle am Aloisiuskolleg (Ako) herausgegeben hat. Ein Buch über Nacktfotos von Jungen im Park, über sexuelle Grenzverletzungen und körperliche Übergriffe. Vor fünf Jahren kam der Skandal ans Licht.

"Ich kann ihn heute noch riechen", zitiert die Journalistin einen Opferbericht. "Zwischen 1950 und 1953 will mich der große schwarze Mann in seinem Zimmer haben. Mal heute, mal nächste Woche. Genau weiß ich es nie. Das macht es am schlimmsten." Erst ein halbes Jahrhundert nach dem Missbrauch durch einen Jesuitenpater offenbarte der Mann seiner Frau, woher sein Trauma kommt.

"Das bin ich", sagt Gernot Lucas vernehmlich in die Runde. Später, als Ako-Rektor Pater Johannes Siebner spricht, knurrt er: "Der quatscht nur drum herum."

An diesem Freitagabend tritt Siebner erstmals öffentlich mit einem Ako-Opfer auf: Es ist ein Zusammentreffen mit Heiko Schnitzler, einem Mitglied des Betroffenenvereins "Eckiger Tisch". Es solle ausloten, wie weit man bei Aufarbeitung, Dialog und Prävention gekommen sei, sagt Hagenberg-Miliu, die auch für den General-Anzeiger immer wieder über die Ako-Fälle berichtet hat.

Das Interesse ist groß. Unter den Gästen der Parkbuchhandlung sind junge Ako-Schüler, Lehrer aus dem Kolleg, Jugendamtsleiter Udo Stein, zwei Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt und Arnfried Bintig, der einen Aufklärungsbericht über das Ako-Pro-Seminar verfasst hat.

Der Betroffene Heiko Schnitzler, der in Berlin lebt, macht klar, dass er den Jesuiten noch lange nicht vergeben kann. "Am Ako hat es einen breiten Machtmissbrauch gegeben, und es hat jegliches Korrektiv gefehlt", sagt er. Ein Dialog, der Aufarbeitung ermöglichen könnte, sei mit dem Orden derzeit nicht möglich. Mit dem Kolleg selbst dagegen finden seit einigen Monaten Gesprächsrunden statt. "Da sind wir auf dem Weg, wissen aber nicht, ob er zum Ziel führt."

Das Aloisiuskolleg sei dabei, sich zu verändern, entgegnet Pater Siebner. Es gebe heute einen Präventionsleitfaden und ein Interventionskonzept, man kooperiere mit der Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt. "Die Geschichten der Betroffenen und die Geschichte einer versagenden Institution müssen wir als Teil der Kollegsgeschichte anerkennen", sagt der seit 2011 amtierende Rektor. Das Ako müsse der Versuchung widerstehen, einen Schlussstrich ziehen zu wollen.

Schon einmal habe die "Angst vor dem Skandal" zu einem "skandalösen" Nichtwahrnehmen der Verantwortung geführt. Er meint die Ordensleitung, die von Missbrauch am Ako wusste und lange nicht reagierte. "Das Wohl und Wehe der Schule wurde höher gewertet als das der anvertrauten Kinder", konstatiert Siebner. "Das ist furchtbar." Deshalb müsse das Bemühen um Aufarbeitung und Anerkennung weitergehen.

Kontrovers wird es, als Heiko Schnitzler fragt, warum der frühere Ako-Rektor Pater Theo Schneider heute die Jesuiten-Kommunität in Göttingen leiten dürfe. "Er wusste von Mitarbeitern und Mitbrüdern, die sich an Kindern vergangen hatten", stellt der Berliner fest. "Warum muss er sich nicht verantworten?" Ein Mann aus dem Publikum äußert Zweifel an der Fähigkeit der Kirche, Täter in den eigenen Reihen zu sanktionieren.

Norbert Lüdecke, Kirchenrechtler an der Bonner Universität, ergänzt: "Man muss sich mit den Tätern hinter den Tätern befassen und dabei auch Namen nennen. Rücktrittskultur ist aber nicht einmal als kirchlicher Begriff etabliert." Und aus dem Architekten Gernot Lucas bricht es heraus: "Alle Institutionen, die katholisch betrieben werden, muss man schließen. Die kommen mit ihrer Sexualität nicht klar. Kinder, die Opfer werden, leiden bis an ihr Lebensende."

Bei der Frage nach der Rolle seines Amtsvorgängers Schneider muss Ako-Rektor Siebner lange nachdenken. Er könne den Zorn verstehen, betont er dann. Die Meinungen im Orden dazu gingen auseinander, aber Jesuiten-Provinzial Kiechle vertraue dem Pater. Und dann sagt er den schlichten Satz: "Es tut mir sehr leid."

Info

Das Buch: Ebba Hagenberg-Miliu (Herausgeberin), "Unheiliger Berg. Das Bonner Aloisiuskolleg der Jesuiten und die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals", Kohlhammer-Verlag, 29,90 Euro