St. Hildegard

Adenauers Klüngel-Kirche in Bad Godesberg

In der runden Kirche St. Hildegard sitzt sich die Gemeinde gegenüber. Details wie das Kapitell mit mit Eichhörnchen beschreiben Günter Wagner (links) und Bruno P. Kremer im neuen Kirchenführer.

In der runden Kirche St. Hildegard sitzt sich die Gemeinde gegenüber. Details wie das Kapitell mit mit Eichhörnchen beschreiben Günter Wagner (links) und Bruno P. Kremer im neuen Kirchenführer.

Rüngsdorf/Mehlem. Es gibt Orte, die man nur schwer beschreiben kann. Man muss einfach da gewesen sein. Die Kirche St. Hildegard in Bad Godesberg ist so ein Ort.

Ein schlichter Rundbau von 1963, versteckt hinter hohen Bäumen am Rande der katholischen Rheinviertel-Gemeinde, lange ungeliebt und fast schon aufgegeben. Doch die Kirche hat etwas Mystisches – ihre Sanierung hat es wieder ans Licht gebracht. Näher ist man dem Himmel voller goldener Sterne an kaum einem anderen Ort in Bad Godesberg. Eine neue Broschüre von Bruno P. Kremer und Günter Wagner, der auch die Kosten für den Druck der 1000 Exemplare übernommen hat, gibt jetzt einen ausführlichen Überblick zu Architektur, Baugeschichte und zur Patronin Hildegard von Bingen.

Als Pfarrer Wolfgang Picken 2004 nach Bad Godesberg kam, stand die Kirche vor dem Aus. Das Erzbistum Köln hatte entschieden, sie zu verkaufen. Feuchtigkeit hatte dem Bau des Godesberger Architekten Emil Steffann zugesetzt, er wirkte düster und vernachlässigt. „Es ist ein so schönes Areal und eine so wertvolle Kirche, dass hier ziviler Ungehorsam angebracht war“, sagt Picken rückblickend. Er holte 2005 indische Franziskaner-Klarissinnen ins renovierte Pfarrhaus und fand einen Weg, doch Mittel vom Erzbistum für die Sanierung der ungeliebten Kirche oberhalb der Deichmanns Aue zu bekommen.

Der Sandstrahl förderte interessante Details zutage: einen lebhaft gemusterten Natursteinboden und Konsolen mit Blumen, einem Eichhörnchen und einem Affen, die vorher unter dem weißen Anstrich kaum auffielen. Einfache Steinquadrate mit eingemeißeltem Kreuz an den Wänden stehen für die zwölf Apostel.

Nach dem Vorbild der römischen Basilika

Dass diese besondere Kirche nach dem Vorbild der römischen Basilika San Stefano Rotondo in Bad Godesberg gebaut wurde, ist der Fürsprache Konrad Adenauers zu verdanken. Ein Spross der rheinischen Industriellenfamilie Werhahn, mit der Adenauer verwandt war, hatte wegen der großen Zahl von Priestern damals als Kaplan keine Aussicht auf eine eigene Pfarrstelle.

Auch die Nachfrage der einflussreichen Werhahns beim Kölner Erzbischof Joseph Kardinal Frings brachte zunächst nichts. Schließlich kaufte die Familie das Grundstück an der Straße Im Meisengarten aus dem Besitz des Bundes und baute dort für 790.000 D-Mark eine Kirche, in der Cornelius Werhahn bis zu seinem Ruhestand 1985 als Pfarrer wirkte – Adenauer hatte Frings letztlich überzeugt. „Es ist eine Kölscher-Klüngel-Kirche“, sagt Picken.

Architekt Steffann hat Elemente historischer Kirchenbauten aufgegriffen. Anhand der Fenster und der steinernen Mauer rund um den Pfarrhof mit dem schieferverkleideten Pfarrhaus käme man kaum darauf, dass es sich um ein Ensemble der 1960er Jahre handelt. „Einen solchen Bau hätte ich hier nie erwartet“, sagt auch Mitautor Kremer, der mit der Broschüre auch anderen die Faszination der Architektur nahe bringen möchte. Das Oktogon mit irdischen Ecken und Kanten löst sich in der kreisförmigen Kuppel als Symbol der Unendlichkeit auf. 88 goldene Punkte an den weißen Wänden wirken wie Sterne – sie sind ein Werk des 2010 früh verstorbenen Godesberger Künstlers Martin Noël.

St. Hildegard ist heute eine Filialkirche von St. Andreas in Rüngsdorf. Sie wird von den Nonnen des benachbarten Klosters ebenso genutzt wie von der Bürgerstiftung Rheinviertel, die hier stimmungsvolle Konzerte veranstaltet. Auch die Gottesdienste sind laut Picken wieder gut besucht.

Jahrzehntelang bliebt unbemerkt, dass der Kirche die feierliche Konsekration durch die Kirchenleitung fehlte. Erst bei der Sanierung fiel auf, dass das „Grab“ im Altar leer war. Wegen des Zweiten Vatikanischen Konzils waren bei der Fertigstellung 1963 alle Kölner Bischöfe in Rom. Erst 2009 wurde in den Altartisch feierlich eine Reliquie der heiligen Hildegard eingefügt – ebenfalls nachzulesen im neuen Kirchenführer.