Krankheit aus Tabuzone holen

170 Teilnehmer bei Palliativ- und Hospiztag in Bonn

Über die Versorgung in der letzten Lebensphase sprechen (v.l.) Klaus Fließbach, Wolfgang Picken, Gerda Graf und Andreas Kruse. FOTO: WESTHOFF

Über die Versorgung in der letzten Lebensphase sprechen (v.l.) Klaus Fließbach, Wolfgang Picken, Gerda Graf und Andreas Kruse. FOTO: WESTHOFF

Bad Godesberg. 170 Teilnehmer des Palliativ- und Hospiztages haben sich mit einem würdevollen Leben beschäftigt. Dabei ging es auch um Spannungsfelder, die Pflegern in ihrem Alltag begegnen: zum Beispiel fehlende Zeit.

Angst, Sorge, Mitleid: Wenn eine schwere Krankheit ausbricht, wissen Betroffene oft nicht, wie sie sich verhalten sollen. Mit Tabuthemen der Gesellschaft hat sich am Donnerstag der dritte Palliativ- und Hospiztag in der Redoute unter dem Motto „Würdevoll leben bis zuletzt“ beschäftigt. Dabei ging es auch um Spannungsfelder, die Pflegern in ihrem Alltag begegnen: zum Beispiel fehlende Zeit.

Die Bürgerstiftung Rheinviertel hieß 170 Teilnehmer zu Vorträgen, Gesprächsrunden und einer Podiumsdiskussion willkommen. Dabei handelte es sich um Pflegeschüler, Pfleger im ambulanten und stationären Bereich, Ehrenamtliche, Ärzte und Wohlfahrtsverbände. Viele ziehen positive Resonanz. Besonders gut kam laut Pfarrer Wolfgang Picken, dem Stiftungsvorsitzenden, die lebende Bibliothek an, bei der sich etwa ein Bestatter, Juristen und Fachärzte vorstellten.

Medizinische Erkenntnisse zu Demenz stellte Klaus Fließbach, Oberarzt am Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen der Universitätskliniken Bonn, vor. Die Volkskrankheit sei ein Thema, mit dem man sich nicht gern auseinandersetzen möchte. „Sie ist auch von Angst besetzt, weil Demenz mit einem Kontrollverlust einhergeht“, so Gerda Graf, Ehrenvorsitzende des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands. Sie blickt auf eine 25-jährige Verbandsarbeit zurück, heute gebe es bundesweit 100 000 Ehrenamtliche im Hospizbereich.

Professor Andreas Kruse, Direktor am Institut für Gerontologie der Uni Heidelberg, machte sich Gedanken darüber, wie eine anspruchsvolle Arbeit mit älteren Menschen vorstellbar ist: Dabei gehe es um psychisches Wachstum, der Mensch reife in der Krankheit. „Das ist wissenschaftlich belegt“, sagte Kruse. Zudem müsse man sich bewusst sein, dass nicht nur der Kranke versorgt wird, sondern auch der Sorgende vom Gegenüber lernt. So gelangt Kruse zur Würde des Menschen, deren Erhalt wichtig sei. Eine qualitativ hochwertige Beziehung sei nötig. Professor Oliver Tiemann vom Vorstand der Bürgerstiftung sagte, dass es einen Perspektivwechsel des Beobachters geben müsse.

Dass die Theorie auch in der Praxis gelinge, betonte Birgit Ratz vom Caritasverband Bonn. Sie erwähnte die von der Bürgerstiftung bezahlten beiden Palliativschwestern, die sich für die Patienten Zeit nehmen. „Würde braucht auch Zeit“, sagte Ratz und wünschte jedem ambulanten Dienst solche Helfer. Derzeit überlegt die Bürgerstiftung, ob sie nicht auch noch eine Vollzeitschwester für Demenzerkrankte zur Verfügung stellt. Wenn jemand zu Hause plötzlich schwer erkrankt, rät Ratz, sich Hilfe zu suchen, etwa bei den Pflegediensten oder dem Hausarzt.