Bezirksbürgermeisterin im Interview

„Bad Godesberg ist weltoffen, fröhlich und bunt“

„Ich bin gerne Bürgermeisterin in Bad Godesberg“: Bezirksbürgermeisterin Simone Stein-Lücke spricht im Interview über Veränderungen im Stadtbezirk.

„Ich bin gerne Bürgermeisterin in Bad Godesberg“: Bezirksbürgermeisterin Simone Stein-Lücke spricht im Interview über Veränderungen im Stadtbezirk.

Bad Godesberg. Bad Godesbergs Bezirksbürgermeisterin Simone Stein-Lücke spricht im GA-Interview über ein neues Schwimmbad, den Medizintourismus und Chancen für den Stadtbezirk.

Bad Godesberg befindet sich derzeit im Umbruch: Nicht nur in der Schwimmbadfrage, sondern auch bei Kurfürstlicher Zeile, Kleinem Theater, der Stadthalle und vielem mehr stehen Änderungen ins Haus. Darüber sprachen Ayla Jacob und Richard Bongartz mit Bezirksbürgermeisterin Simone Stein-Lücke.

Was macht Bad Godesberg aus?

Simone Stein-Lücke: Es hat eine wahnsinnig hohe Lebensqualität. Das ist eine ganz große Stärke. Außerdem ist es weltoffen, fröhlich und bunt.

Das Bunte ist an vielen Stellen aber auch mit Vorurteilen behaftet...

Stein-Lücke: Mit bunt meine ich nicht unbedingt Migranten und Ausländer. Wir haben ja auch Deutsche, die aus allen Ecken des Landes hierher kommen, Tendenz steigend. Wir sind ein äußerst attraktiver Standort. Wir haben alleine 16 Behörden in Bad Godesberg. Hier sind mehr als 10.000 Menschen im öffentlichen Dienst tätig, und diese Behörden sind expansiv.

Aber wie sieht es nun mit den Vorurteilen aus?

Stein-Lücke: Ich glaube, Vorurteile sind die größte Schwäche der Menschen. Sie entstehen aus einem Schutzmechanismus heraus. Weil man Angst vor dem Unbekannten hat und auf Distanz geht. Ich verstehe, wenn man sich nicht unvoreingenommen auf eine neue Situation einlassen kann. Aber es sollte jeder daran arbeiten, dass er Vorurteile abbaut. Interkulturelle Begegnungen sind wichtig. Denken Sie an das Sommerfest in Bad Godesberg, da macht jeder Verein mit.

Wie können sich Ausländer einbringen, die an einigen Orten vielleicht unter sich sind?

Stein-Lücke: Ich glaube, das ist auch ein Vorurteil. In den Kindergärten und Grundschulen beispielsweise sind die Klassen bunt besetzt. Da separiert sich keiner.

Viel diskutiert wird auch ein neues Schwimmbad. Denken Sie, dass das zentrumsnah eröffnen wird?

Stein-Lücke: Als alter DLRG-ler und Schwimmfan würde ich mich sehr drüber freuen. Bis wir eine Lösung haben, wird es aber noch etwas dauern. Wichtig ist, dass wir Bürger noch stärker beteiligen als durch unsere repräsentative Demokratie. Das ist der Wunsch der Bürger.

Was wäre Ihr bevorzugter Standort für ein neues Schwimmbad?

Stein-Lücke: Ob das Bad besser zwei Kilometer nach links oder rechts kommt, kann ich nicht beurteilen. Ich bin kein Bauingenieur. Ich glaube aber, Politik ist gut beraten, wenn sie ab und zu auf Fachleute hört.

Sie sprechen von Fachleuten, aber nun steht erst einmal die Bürgerbeteiligung an.

Stein-Lücke: Beim letzten Mal haben wir viel Geld investiert – unter anderem in Planungsverfahren und Genehmigungen. Da kam die Bürgerbeteiligung zum Schluss und hat alles kaputtgemacht. Katastrophe! Es ist gut, wenn wir daraus gelernt haben und nun mit ihr beginnen. Wichtig ist, dass die Bürger ihr Schwimmbad bekommen. Und das am besten noch zu Lebzeiten der aktuellen Generationen.

Ob das klappt?

Stein-Lücke: Zeitachsen sind unser großes Problem in der Kommunalpolitik. Wenn wir eins in den vergangenen Jahren gelernt haben aus der Zuwanderung durch Geflüchtete, dann ist es, dass man mit einer „Fast Lane“, wie am Flughafen, zum Ziel kommt. Das wäre in einigen anderen Prozessen auch nötig.

Wie schnell etwas über die Überholspur kommen kann, sieht man an den Überlegungen zur Kurfürstlichen Zeile. Wie bewerten Sie den Wunsch der Hochschule Bonn/Rhein-Sieg, sich dort anzusiedeln?

Stein-Lücke: Großartig, eine tolle Lösung. Wenn ich mir für Godesberg etwas wünschen könnte, wäre es, dass es ein echter, großer Bildungsstandort wird. Bildung ist unsere Schlüsselkompetenz.

Nehmen wir an, die Hochschule kommt. Wo sind dann die Bürgerdienste?

Stein-Lücke: Dafür werden wir eine gute Location finden, das hängt nicht an einer Adresse. Godesberg hat es geschafft, 73 000 Menschen zu beherbergen. Da schaffen wir es auch, 20 Menschen in einem Amt unterzubringen.

Was wird mit der Musikschule?

Stein-Lücke: Im Moment bleibt der Standort. Das Gebäude ist nicht für die Hochschule im Gespräch.

Wie sehen Sie die Diskussion ums Kleine Theater? Laut OB könnte dies ja auch der Hochschule zugeschlagen werden, falls sich keine kulturelle Nachnutzung ergibt.

Stein-Lücke: Ich bin eine Kämpferin für das Theater. Am Mittwoch haben wir eine Sondersitzung zu dem Thema. Ich hoffe, dass wir da eine gute Lösung finden. Ich bin auch durchaus offen für Interimslösungen.

Glauben Sie, dass in dem Leitbildprozess etwas Konkretes herauskommt und wenn ja, was?

Stein-Lücke: Das wüsste ich auch gern, ich bin schon sehr gespannt auf die Ergebnisse. Das Zusammenzutragen liegt in den Händen einer teuer bezahlten, professionellen Firma. Von daher sind meine Erwartungen sehr hoch. Von Anfang an waren Bürger und Organisationen beteiligt. Jetzt sind auch Wirtschaft und Behörden dabei.

Stichwort Walid S.: Was bedeutet es für die Bad Godesberger, dass er derzeit in U-Haft sitzt?

Stein-Lücke: Das gute Zeichen ist, dass Leute in Deutschland nicht machen können, was sie wollen – egal, ob ich Egon P. oder Walid S. heiße. Ich bin auf jeden Fall froh, dass unser Rechtssystem und unsere Polizei in Deutschland hervorragend funktionieren und Täter zur Rechenschaft ziehen.

Welchen Einfluss hat es denn auf das Sicherheitsgefühl der Menschen?

Stein-Lücke: Gefühlte Sicherheit ist nicht die faktische Sicherheit. Das hat die Vergangenheit in Bad Godesberg gezeigt. Die faktische Sicherheit ist seit mehr als drei Jahren jeden Tag besser geworden. Ich bin froh, dass unsere Polizeipräsidentin reagiert hat – mit Streifen und Kooperationen. Deshalb denke ich, dass auch die gefühlte Sicherheit zugenommen hat.

Also kann man sich nachts in den Kurpark trauen?

Stein-Lücke: Ja, da treffen Sie höchstens auf mich. Wenn Sie sich dann nicht erschrecken...

Wie groß ist die Rolle, die der Medizintourismus in Bad Godesberg noch spielt?

Stein-Lücke: Der Medizintourismus ist drastisch zurückgegangen. Wie Sie wissen, ist er seit Jahren eine Herzensangelegenheit von mir. Und das nicht nur, weil es zu Beginn meiner Amtszeit in dieser Hinsicht viele Klagen gab. Es gab keinerlei Informationen von Vermietern in Mehrparteienhäusern, die Mitbewohner wurden mit immer neuen Gesichtern und auch Verschleierungen konfrontiert. Das hat zu Unwohlsein geführt. Dennoch ist Medizintourismus auch etwas Großartiges. Wir haben nach München die zweithöchste Medizinerrate pro Kopf. Wir haben Spezialisten wie Sand am Meer.

Was ist der Grund für den Rückgang?

Stein-Lücke: Es liegt vor allem am geänderten Reiseverhalten der Gäste. Die arabischen Länder schicken ihre Bürger wegen innenpolitischer Probleme nicht mehr so freigiebig durch die Welt. Und wenn doch, dann deutlich kürzer. Außerdem sitzt das Geld nicht mehr so locker. Wir haben die dritte schlechte Saison hintereinander. Deshalb machen die ersten Unternehmen hier bei uns dicht. Godesberg lebt nicht nur von der medizinischen Versorgung der Gäste, sondern auch von deren Unterbringung. Auch die Gastronomie und der Einzelhandel haben massiv profitiert. Ich bedauere sehr, dass uns nicht gelungen ist, daraus einen stabilen Wirtschaftszweig zu bauen.

Nicht nur wegen Ihres Einsatzes für den Medizintourismus werden Sie kritisiert, einige denken, dass sie zu wenig Präsenz und Einsatz zeigen.

Stein-Lücke: Jeder, der sich in der Öffentlichkeit bewegt, wird kritisiert. Man muss mit den Leuten reden. Für mich zählt Qualität, nicht Quantität. Viel Politik findet hinter verschlossenen Türen statt.

Wollen Sie 2020 wieder Bezirksbürgermeisterin werden?

Stein-Lücke: Ich bin gerne Bürgermeisterin in Bad Godesberg! Die Vorbereitungen für die nächsten Kommunalwahlen laufen langsam an, erste Gespräche werden geführt.