WCCB: Mysteriöse Millionen-Mission für Arazim

Nur wenn die israelische Investment-Firma das Grundbuch verlässt, gibt es für das WCCB eine verlässliche Zukunft.

Bonn. Die Liste der Verlierer in Sachen World Conference Center Bonn (WCCB) ist lang: vorne weg die Stadt Bonn, dann Honua Investment aus Hawaii, eines Tages vielleicht auch Personen vor Gericht. Gewinner, legale und mutmaßliche Betrüger, gibt es auch.

Zu den rechtmäßigen Profiteuren gehören die Berater-Kanzleien mit rund sieben Millionen Euro, die nach dem WCCB-Zusammenbruch den Durchblick fördern sollten, aber auch die israelische Investmentfirma Arazim. Drei Millionen Euro sind es bislang. Vielleicht werden es bald noch drei Millionen mehr: Lässt sich die "Heuschrecke" ihren juristisch umstrittenen Grundbuch-Eintrag abkaufen?

Es muss nach dem 7. August 2007 gewesen sein. Man-Ki Kim, Präsident von SMI Hyundai Corporation, fährt mit Ehefrau Worl-Mi Park im Frankfurter Hochhausviertel vor. Das Gefährt auf vier Rädern versprüht, was sein Fahrer beabsichtigt: Status und die richtigen Assoziationen bei den Betrachtern.

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Auch vor der Hamburger Allee 4 wirkt die Karosse im sechsstelligen Wertbereich. Allerdings anders, als Kim glaubt: Die Rechtsanwälte Arazims erblicken in dem rollenden Statussymbol vor allem ein werthaltiges Pfandobjekt. Sechs Monate zuvor, im Februar 2007, hat Mister Kim sich von Arazim 10,3 Millionen Euro für das WCCB geliehen, weil er dort dringend "Eigenkapital" vorweisen muss, damit ihm Steuergelder von mehr als 100 Millionen zufließen.

Am 7. August 2007 war der letzte Rückzahlungstag. Kim hat ihn verstreichen lassen. 13,3 Millionen wären fällig gewesen. Fast 60 Prozent Jahreszins - atemberaubend, aber üblich für Menschen wie den smarten Südkoreaner, denen Banken nichts leihen. Kim erklärt den Arazim-Juristen, warum es nicht geklappt hat mit der Rückzahlung. Lächelnd, wortreich, weltmännisch, Kim. Es nützt nichts. Die Anwälte zeigen auf das Auto: Gepfändet! Und das vor der Ehefrau. Kim ist schockiert. Aber die Luxuskarosse lässt sich nicht pfänden. Sie ist nur geliehen. Wie die 10,3 Millionen.

Aber was ist schon ein Auto? Arazim wird, weil Kim nicht zurückzahlte, seine Sicherungsrechte in die Tat umsetzen. Bald gehören der Firma 94 Prozent von Kims UN Center Congress GmbH (UNCC), die Bauherr und Besitzer des WCCB ist (siehe Grafik unten links).

Noch ein paar Tage später nickt Kim vor dem Notar sogar ab, Arazim mit 13,3 Millionen Euro ins UNCC-Grundbuch hineinzuschreiben. Das ist ein amtliches, quasi heiliges Dokument: Wer einmal drin ist, der lässt sich kaum noch daraus vertreiben. Jedenfalls nicht ohne handfeste Gründe.

Anfang 2008 kehrt Kim erfolgreich aus Hawaii zurück. Das WCCB hat schon wieder einen neuen Investor: Nach SMI Hyundai Ltd. und Arazim Ltd. nun Honua Investment Management Inc., und Kim hat Honua 94 Prozent der UNCC-Anteile versprochen - allerdings, ohne Arazims Rechte zu erwähnen. Die Leute aus Hawaii sind blauäugig: Ohne notarielle Absicherung überweisen sie 30 Millionen Dollar nach Deutschland. 20 Millionen landen bei der Deutschen Bank in Frankfurt, zehn Millionen auf einem Konto bei der Sparkasse KölnBonn.

Sparkasse und Stadt bekommen Wind von Kims Treiben, für den das WCCB nicht mehr als ein Handelsgut ist. Am 7. Mai 2008 tagt eine Feuerwehrrunde, darunter Kim und städtische Projektbeauftragte. Aus dem Protokoll: "Geldgeber Honua hat Klage erhoben. Deutsche Bank prüft, wem Geld zusteht. 10 Mio. US-Dollar liegen bei der Sparkasse, kommen erst frei, wenn Arazim Anteile zurückgegeben hat." Klingt nach Gefahrenabwehr.

Doch Sparkasse und Stadt schauen in die falsche Richtung. Weiter südlich in Frankfurt hat Arazim alles im Blick und erwirkt einen Pfändungsbeschluss, denn Kims Schulden bei Arazim bestehen rechtlich weiter. Trotz Überschreibung der 94 Prozent, trotz Grundbucheintrag. Arazim zwangsvollstreckt bei der Deutschen Bank Kims Schulden samt Zinsen - 13,3 Millionen Euro. Der globale Kreislauf des WCCB-Geldes: Honua-Dollar-Millionen aus Hawaii landen in Frankfurt und enden in Euro auf Zypern.

Nun hat Arazim kein Geld mehr im Projekt, besitzt es aber. Doch die UNCC-Anteile werden ein Jahr später durch die Insolvenz wertlos. Nicht aber der Grundbucheintrag. Es scheint, als habe Trickser Kim in Arazim seinen Meister gefunden.

Das Protokoll dokumentiert überdies: Die Stadt war von dem Arazim-Problem schon 100 Tage vor dem WCCB-Richtfest am 19. September 2008 informiert. Eigentlich hätte der muntere UNCC-Anteilshandel Kims sofortigen Rauswurf gerechtfertigt, ganz davon abgesehen, dass er kein Eigenkapital hatte. Doch die Stadt setzt auf das Prinzip Hoffnung, ignoriert die Kündigungsoptionen im Projektvertrag. Erst im September 2009 wird das WCCB-Kartenhaus auch öffentlich zusammenbrechen.

Das lange Dulden der Missstände verhindert heute auch den "Heimfall", die Rückübertragung des Grundstücks samt seiner Aufbauten an die Stadt, gemäß Projektvertrag. Wahrscheinlich juristisch verwirkt. Man könnte das vor Gericht klären lassen.

Das will aber keiner: Es brächte früher als jedes Gerichtsverfahren ans Licht, wer von der Stadt welche WCCB-Fehler gemacht hat. Auch UNCC-Insolvenzverwalter Christopher Seagon lehnt den "Heimfall nach Projektvertrag" ab: Das brächte für ihn und die Gläubiger null Euro. So verschweißt die Macht des Faktischen Stadt und Seagon zur unerwarteten Interessengemeinschaft, zum "einvernehmlichen Heimfall". Problem dabei: Arazim. Die "Heuschrecke" sitzt nach wie vor im Grundbuch.

Kröten muss man schlucken, so lange sie klein sind, lehrt eine Kalender-Weisheit. Doch eine Mischung aus gefühltem Recht und moralischer Empörung über das clevere Arazim führen monatelang in die Irre. Im WCCB-Umfeld spricht man von "modernen Wegelagerern", Boulevard-Blätter fragen: "Das WCCB in Geiselhaft der Heuschrecken?" Dabei kannte jeder von Anfang an die Arznei, die "Heuschrecken" befriedet: weitere Millionen.

Doch das widersprach zutiefst dem Gerechtigkeitsempfinden: Soll man dem einzigen WCCB-Gewinner, der in Bonns Prestigeobjekt sein Geld vermehrt hatte, noch mehr zubilligen? So ließ Bonn für rund sieben Millionen die Berater tanzen. Keine zielführende Aufführung, denn das Kernproblem, der Grundbucheintrag, blieb. Schon Jura-Studenten wissen: Gerechtigkeit, Gerechtigkeitsempfinden und Recht sind verschiedene Dinge.

Der Spruch "Hinterher ist man immer klüger" verklärt heute mehr, als er erklärt, denn die Ultima Ratio stand von Anfang fest: Abfindung für Arazim. Hätte man sich gleich den nüchternen Fakten gebeugt und mit einem Teil der Berater-Millionen Arazims Grundbucheintrag "erledigt", wäre die Hängepartie um mindestens ein Jahr verkürzt worden.

Vergangenen Donnerstag WCCB-Ratssondersitzung ( der GA berichtete). Allgemeines Aufatmen. Die Volksvertreter sprechen unisono von einem "Schritt in die richtige Richtung". Alles scheint jetzt möglich: die Zwangsversteigerung ebenso wie der "einvernehmliche Heimfall". Die Stadt zahlt als Ausgleichsbetrag 8,5 Millionen Euro in Seagons Insolvenzmasse und wird Eigentümer; im Gegenzug liefert Seagon nun ein lastenfreies Grundbuch. Arazim ist jetzt Seagons Problem - heißt es. Aber wie soll er Arazim aus dem Grundbuch entfernen? Mit Klagen? Mit Millionen? Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch (SPD) erklärt die Sitzung bald für nicht öffentlich.

Mithörende Bürger müssen den Ratssaal verlassen. Sie sind empört: "Das sind unsere Steuergelder." Was sie nicht ahnen: Sie verpassen nichts. Denn auch in den nicht-öffentlichen Beschlussvorlagen, die dem GA vorliegen, findet sich keine Therapie gegen Heuschrecken. Arazim wird gar nicht erst erwähnt. Man liest etwas von einem "nachrangigen Grundschuldgläubiger". Es scheint stille Übereinkunft zu sein, nach dem WCCB-Crash nicht nur "Man-Ki Kim", sondern auch "Arazim" nicht mehr auszusprechen oder auszuschreiben.

Wenn es richtig ernst wird, spielt die Musik auch nicht im nicht-öffentlichen Ratsteil, sondern - zum Beispiel - in einem Séparée der Bundeskunsthalle. Dort liegt am Abend vor der Ratssitzung die Stätte "hinter-hinter-den-Kulissen". Nach GA-Informationen wird den Spitzen der Ratsfraktionen erläutert, dass eine Art Arazim-Kollekte bei allen Betroffenen und Beteiligten drei Millionen zusammengebracht hat und ein Weg gefunden wurde, dass keine direkte Zahlung von der Stadt an Arazim erfolgt.

Man muss sich das so vorstellen, dass auf einem Geld-Rangierbahnhof die Millionen-Waggons so lange hin- und hergeschoben werden, bis einer wie von Geisterhand verlassen auf einem Abstellgleis steht - abholbereit für den "nachrangigen Grundschuldgläubiger". Also siegt doch die Ultima ratio, das Unvermeidliche: weitere Millionen für Arazim. Die Grundbuchentfernung ist also keineswegs nur "Seagons Problem". Ob bereits die Ausgleichzahlung für Seagon einen Arazim-Anteil enthält? Und was ist, wenn die Anti-Heuschrecken-Arznei zu gering dosiert ist? Wenn Arazim, deren Kurswert abgestürzt ist (siehe Grafik unten), mehr fordert?

Die Fragen ums WCCB sind nicht weniger geworden. Eines Tages werden einige Beteiligte Kims hinterlassenes Chaos fadenscheinig mit einer "Verkettung unglücklicher Umstände" erklären. Doch die Chaostheorie erklärt die verheerende und plausible Kettenreaktion genauer. Sie sagt: Geringste Abweichungen in den Anfangsbedingungen können bei dynamischen Prozessen ein völlig anderes Endergebnis liefern.

Auf den groben WCCB-Handlungsstrang übertragen: Ohne die städtische Duldung eines kapitallosen "Investors" kein Kim. Ohne Kim kein Arazim. Und ohne Arazim keine jahrelange Blockade. Richtig ist aber auch: ohne Kim kein WCCB. Denn einen richtigen Investor gab es nie.

Wie kommt Arazim aus dem Grundbuch?
  • Grundbuch-Problem: Arazim Ltd. (Zypern) leiht dem "Investor" Man-Ki Kim Geld, doch im Grundbuch steht nicht der Darlehnsgeber, sondern Arazim B.V. (Holland). Deshalb ist die Vertreibung aus dem Grundbuch schwierig, obwohl Arazim Ltd. sein Geld zurück erhalten hat.
  • Zwangsversteigerung: Würde sie von einem Gericht durchgeführt, würden alle Grundschulden gelöscht, auch die von Arazim B.V.
  • Einvernehmlicher Heimfall: Erfolgt eine einvernehmliche Rückübertragung des WCCB vom Insolvenzverwalter an die Stadt (Heimfall), bleibt Arazim im Grundbuch. Folge: Es wird schwer, einen WCCB-Investor zu finden. Deshalb will die Stadt versuchen, Arazim B.V. aus dem Grundbuch zu klagen. Die sicherste Methode zur Grundbuchentfernung wäre: Mit einer Millionen-Abfindung Arazims Einverständnis zu erkaufen.