Stadtplanung

Und in der Mitte liegt ein Fluss

Alles läuft nach Plan: Die Architektin Laura Schommer-Wolstein in ihrem Büro in der Bonner Südstadt.

Bonn. Bonn versteckt manche Schätze hinter Hecken und nutzt den Rhein zu wenig. Die Architektin Laura Schommer-Wolstein (30) hat Auswege gesucht – und gefunden.

Bonn am vergangenen Wochenende. Das Regierungsviertel erlebt eine Wiedergeburt. UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon reist zur Eröffnung des UN-Kongresszentrums an, 5000 Experten aus aller Welt treffen sich zur Klimakonferenz. So soll es sein. Und jetzt? Sind alle Hausaufgaben erledigt?

Die Bonner Architektin Laura Schommer-Wolstein hat die Struktur und Entwicklung des Regierungsviertels im Rahmen ihrer Masterarbeit 2011 analysiert und einige Problemzonen ausgemacht.

Auf dieser Basis folgte der Entwurf eines zusätzlichen Besucher- und Kommunikationszentrums für die UN: ein neuer Knotenpunkt direkt am Rheinufer.

Die Tochter des bekannten Architekten Karl-Heinz Schommer arbeitet im gemeinsamen Büro in der Südstadt. Dort entstanden unter anderem die Entwürfe zum Bonner Bogen und ein Wettbewerbsbeitrag für das Festspielhaus. Mit Laura Schommer-Wolstein sprachen Thomas Kliemann und Heinz Dietl.

GA: Frau Schommer-Wolstein, was entwerfen Sie zurzeit?

Laura Schommer-Wolstein: In erster Linie Wohnungsbau, Ein- und Mehrfamilienhäuser, Erweiterungsbauten. Auch Denkmalschutz ist ein großes Thema.

GA: Was sind die Herausforderungen beim Wohnungsbau?

Schommer-Wolstein: Flexibilität. Es geht um die Frage: Wie wohne ich jetzt – und wie in 30 Jahren? Wir wollen Wohnformen so entwickeln, dass diese geändert werden können, wenn sich die Anforderungen ändern, oder sie drei Jahrzehnte später altersgerecht angepasst werden müssen.

GA: Wie baut man so was?

Schommer-Wolstein: Es geht um das intelligente Grundgerüst einer Wohnung oder eines Hauses, etwa um minimiert angelegte Schächte und tragende Wänden. So lässt sich später, wenn die Kinder aus dem Haus sind, mit wenig Aufwand das Kinderzimmer ins Wohnzimmer integrieren oder umstrukturieren für ein Gäste- oder Pflegekraftapartment.

GA: In welchen Vierteln entstehen solche Wohnformen?

Schommer-Wolstein: Das ist nicht an Stadtviertel gebunden, aber im Kommen ist sicherlich die komplette Beueler Seite, auch in der zweiten und dritten Rheinlage. Beuel ist nicht mehr Schääl Sick, Beuel ist die Sonnenseite.

GA: Der Bonner Bogen nähert sich seiner Vollendung. War es absehbar, dass dieses neue Eingangstor zum romantischen Rhein auch als solches angenommen werden würde?

Schommer-Wolstein: Ja, die Planungen aus dem Städtebauwettbewerb wurden fast eins zu eins umgesetzt. Mit genau diesen Zielen: Verknüpfung von Natur und Architektur, Schneisen zum Rhein; es gibt keine zweite Rheinlage, sondern Plätze mit Blickbeziehungen.

GA: Wie ist die Resonanz in der Branche?

Schommer-Wolstein: Durchweg positiv, auch wegen der heterogenen Nutzung des Areals, die der Bauherr vorgegeben hat. Der Bonner Bogen ist kein totes Büroviertel, er wird ergänzt durch Gastronomie. Spaziergänger und Radfahrer nutzen die Plätze.

GA: Hinzu kommt die neue Anlegestelle. Fehlt nur noch die Fährverbindung zum Kongresszentrum, oder?

Schommer-Wolstein: Definitiv! Der Vorschlag eines Wassertaxis existiert ja schon seit langem. Wichtig ist die bessere Vernetzung beider Rheinseiten. Ein Wassertaxi würde auch den Straßenverkehr entlasten.

GA: Sie haben über dieses Thema Ihre Masterarbeit an der Hochschule Karlsruhe geschrieben. Wie kam es dazu?

Schommer-Wolstein: Als Bonnerin mit Herzblut habe ich überlegt, wo in dieser Stadt ein besonders großes Potenzial liegt. Ich wählte das Thema, ein zusätzliches Besucher- und Kommunikationszentrum für die UN zu entwerfen und Bonn als die deutsche UN-Stadt architektonisch und städtebaulich weiterzuentwickeln. Und das war unglaublich spannend.

GA: Wie sind Sie vorgegangen?

Schommer-Wolstein: Zugegeben, der Charme einer studentischen Arbeit besteht auch darin, dass finanzielle Aspekte oder Eigentumsverhältnisse von Grundstücken erst mal nicht berücksichtigt werden müssen. Ich habe die Entwicklung des Viertels analysiert und einige Kernthesen entwickelt. Daraus sind Bausteine entstanden, die ich in Piktogrammen abgebildet habe.

GA: Wie lautet Ihre Kernthese?

Schommer-Wolstein: Beim Bundesviertel handelt es sich nach wie vor um eine Insellage. Einige Säulen sind zwar während des Strukturwandels gestärkt worden, doch es bleibt unausweichlich, weitere Entwicklungen voranzutreiben, um das Gebiet für die UN, die angesiedelten Wirtschaftsunternehmen und für Bonner und Touristen erlebbar zu machen. Auch weil das Bonn/Berlin-Gesetz immer wieder auf der Kippe steht.

GA: Woran genau machen Sie diese Insellage fest?

Schommer-Wolstein: Selbst Bonner, die am Rheinufer flanieren, wissen oft nicht, hinter welcher Hecke sich Kanzlerbungalow oder Villa Hammerschmidt verstecken. Touristen tun sich noch schwerer: Sie verirren sich an der Deutschen Welle, suchen einen Durchgang - und landen in der nächsten Sackgasse. Das Gebiet muss wie ein Gelenk zwischen Innenstadt und Bad Godesberg, sowie zwischen Rhein und Museumsmeile funktionieren.

GA: Was wäre zu tun?

Entwürfe aus dem Hause Schommer:Schommer-Wolstein: Das Gebiet muss mit Schneisen geöffnet werden. Zusätzlich zu diesen neuen Wegeverbindungen müssen neue Plätze das Gebiet intern vernetzen und beleben.

GA: Muss sich Bonn mehr zum Rhein öffnen?

Schommer-Wolstein: Ja, auf jeden Fall. Bonn liegt in vielen Bereichen mit dem Rücken zum Rhein, das ist das Problem. Der Rhein ist noch nicht der Mittelpunkt unserer Stadt.

GA: Fehlt in Politik und Verwaltung das nötige Bewusstsein?

Schommer-Wolstein: Nein. Ein Masterplan befasst sich bereits mit der Aufwertung der Rheinpromenade und der Wegeverbindungen zum Rhein. Das Bewusstsein existiert, aber die Umsetzung braucht Geld und Zeit. Allerdings umfasst der Masterplan eben nicht das Gebiet des Bundesviertels, das aus meiner Sicht integriert werden müsste.

GA: Sehen Sie den Rhein als Bühne?

Schommer-Wolstein: Als Erlebnisraum und Bühne, ja. Dabei kann man von anderen Städten lernen. Etwa von Basel mit seinen Rheinschwimmbädern. Darüber hinaus finden auf schwimmenden Pontons Konzerte statt, während das Publikum am Ufer sitzt und lauscht. Da kann Bonn noch einiges tun.

GA: Was fällt Ihnen konkret ein?

Schommer-Wolstein: Einiges. Man könnte Veranstaltungen organisieren, die um den Rhein herum wandern. So könnte der Rheinauenflohmarkt von Zeit zu Zeit zum Rheinuferflohmarkt werden und die Brückenrunde somit „bespielen“. Oder mehr Gastronomie ansiedeln - zwischen dem Alten Zoll und der Rheinaue ist da nicht viel.

GA: Ist der Rheinauhafen in Köln ein Vorbild?

Schommer-Wolstein: Das Freilichtkino an Sommerabenden wird dort jedenfalls sehr gut angenommen. Auch architektonisch ist das Areal gelungen.

GA: Wo würde sich ein solcher Mix in Bonn anbieten?

Schommer-Wolstein: Das können die kleinen Buchten am Fluss sein, in Beuel etwa der Platz mit den praktischen Sitzstufen – davor ein Ponton als Bühne. Und ein Wassertaxi vernetzt diesen Platz mit anderen.

GA: Ihr Büro beteiligt sich regelmäßig an Wettbewerben. Ist das für Sie ein sportlicher Wettkampf um lukrative Aufträge?

Schommer-Wolstein: Nein. Man steckt sein Herzblut in ein Projekt, macht von morgens bis abends nichts anderes. Besonders bei einem Projekt, das sich in der eigenen Stadt befindet.

GA: Wie beim Festspielhaus?

Schommer-Wolstein: Ja, man will das beste Ergebnis erzielen - als Architekt und als Bürger.

GA: Den Wettbewerb haben andere gewonnen. Wie groß ist die Enttäuschung?

Schommer-Wolstein: Die Enttäuschung ist immer da, alles andere wäre gelogen. Bemessen kann ich sie aber nicht.

GA: Beim Festspielhaus wollten Sie und Ihr Vater einige Kernthesen verwirklichen: den Platz am Rhein, die sichtbare Landmarke. Wurde das nicht honoriert?

Schommer-Wolstein: In der Beurteilung der Jury wurde bemängelt, dass wir das vorgesehene Terrain verlassen haben, indem wir das Festspielhaus den Rhein weit überragend geplant hatten. Dieses Risiko sind wir jedoch eingegangen. Für uns ist der Rhein der Genius Loci der Stadt, daher wollten wir das Festspielhaus und den Vorplatz mit dem Rhein verschmelzen.

GA: Wenn Sie die Augen schließen: Welcher Lieblingsplatz in der Region fällt Ihnen ein?

Schommer-Wolstein: Die Drachenburg. Dort gehe ich mit Gästen gerne hin, um ihnen Bonn zu zeigen. Die Stadt von oben, das offenbart die Entwicklung der vergangenen Jahre. Posttower, die wunderschöne Rheinaue, der Bonner Bogen.

GA: Der Bonner Bogen ist ein Vorzeigeobjekt aus dem Hause Schommer: Welches Detail trägt die Handschrift der Tochter?

Schommer-Wolstein: Viele Türen des Hotels Kameha Grand. Ich bin erst 2008 ins Team gekommen, als die Planungsphase abgeschlossen war. Für mich war es ein Sprung ins kalte Wasser, in die Detailplanung einzusteigen. Und so habe ich vier Monate lang Tür für Tür gezeichnet. Im Maßstab eins zu fünf.

GA: Wie ist es, mit dem eigenen Papa in einem Büro zu arbeiten?

Schommer-Wolstein: Wir sitzen uns sogar gegenüber. Tagtäglich. Seit eineinhalb Jahren. Wir planen gemeinsam - und diskutieren von morgens bis abends.

GA: Und?

Schommer-Wolstein: Es funktioniert und macht Spaß.