Serie "100 Köpfe: Wir sind Bonn"

Udo Di Fabio: Ein eigenwilliger Erfolgsmensch

In seinem Büro an der Adenauerallee arbeitet Udo Di Fabio an seinem neuen Buch.

BONN. Egal, wo eine Unterhaltung beginnt: Udo Di Fabio schafft es innerhalb von drei Sätzen, bei den großen gesellschaftlichen Fragen zu sein. Vom Kaffee kommt er auf den Klimawandel, von seinen Kindern auf die Überindividualisierung unserer Zeit.

Flink und eloquent spricht der Bonner Professor für öffentliches Recht und ehemalige Richter des Bundesverfassungsgerichts. Aber lieber über das Abstrakte als das Private. Und über rein rechtliche Fragestellungen geht sein Interesse weit hinaus.

Di Fabio sitzt im vierten Stock des Instituts für öffentliches Recht an der Uni Bonn. Ein schmuckloser, eierlikörfarbener Bau an der Adenauerallee. Teppichboden, ein schlichter Holzschreibtisch, im Regal ein paar Fachbücher: Das Büro sieht nicht nach der steilen Karriere aus, die der inzwischen 60-Jährige gemacht hat. Auf dem Schreibtisch ein sauberer Stapel Bücher und ein Manuskript in Folie. Gerade schreibe er an einer Fortführung seines Buches "Die Kultur der Freiheit", ein Plädoyer für bürgerliche Werte, die Familie im Besonderen, mit dem er 2005 für Diskussionen sorgte, erzählt Di Fabio.

Seitdem habe sich die Welt verändert. Nun stelle sich die Frage, ob unsere westlichen Demokratien überhaupt die Kraft hätten, sich nachhaltig zu behaupten. "Es herrscht ein schiefes Bild von freiheitlicher Gesellschaft." Es fehle häufig der Impuls, nach der eigenen Verantwortung zu fragen. Das gelte auch für die Weltfinanzkrise: "Natürlich gab es in der Finanzwirtschaft Hallodris, die sich mit Boni die Taschen vollgestopft haben." Aber die Staaten hätten schließlich den Banken nahegelegt, Staatsanleihen zu kaufen, ohne sie mit Eigenkapital unterlegen zu müssen, und die Aufsichtsgremien hätten daran keinen Anstoß genommen. Mit seiner sportlichen Statur, dem dunkelblauen Anzug, der schwarz umrandeten Brille, dem kahlen Kopf und angegrauten Drei-Tage-Bart könnte er selbst klischeegetreu den Manager mimen.

Auch die Wissenschaft habe ihren Anteil, weil sie allzu sehr dem Mainstream folge. Sein Doktorvater, der Soziologe Niklas Luhmann, habe einst sinngemäß gesagt, bewusst anders zu denken als alle anderen, sei ein Kennzeichen von Wissenschaft. Di Fabio sieht sich gerne in der Rolle desjenigen, der gegen den Strom schwimmt. An der Wand vier Schwarz-Weiß-Porträts: der Soziologe Luhmann und der Hitler-Attentäter Georg Elser, Friedrich Ebert und Ludwig Erhard. Ein Geschenk von Mitarbeitern. Erstere stehen für Eigensinn und Mut, letztere für Selbstbehauptung des demokratischen Rechtsstaats und soziale Marktwirtschaft.

Di Fabio wurde 1954 nahe Duisburg geboren. Seine Laufbahn begann als Kommunalbeamter in Dinslaken. Parallel machte er Abitur auf dem zweiten Bildungsweg und studierte anschließend Jura und Sozialwissenschaften. 1986 kam er als wissenschaftlicher Mitarbeiter ans Bonner Institut für öffentliches Recht. Sein Eindruck von der Stadt: "Man sieht die ersten Bodenerhebungen; der Rhein ist nicht mehr nur ein Fluss, die Stimmung ändert sich ins Liebliche." Ob er damals die Treppen in den vierten Stock hinaufgestiegen sei, mit dem klaren Ziel, eines Tages selbst in diesem Büro zu sitzen, womöglich mit dem Ziel, Verfassungsrichter zu werden? Di Fabio winkt ab. "Mein Ehrgeiz war immer unbestimmter."

Es folgten Promotionen in Jura und Sozialwissenschaften, Habilitation, Professuren in Münster, Trier und München und parallel ab 1999 eine zwölfjährige Amtszeit als Richter des Bundesverfassungsgerichts. Als eigenwillig bezeichnet er seine Entscheidung, 2003 nach Bonn zurückgekehrt zu sein. Ein wenig habe wohl die Nostalgie eine Rolle gespielt, den Lehrstuhl seines akademischen Lehrers zu übernehmen. Außerdem lasse es sich mit einer Familie in Bonn gut leben. "Manch einer hat gefragt: Was willst du in dieser Stadt, die gerade ihren Glanz als Hauptstadt verloren hat und schrumpfen wird?" Doch diese Befürchtungen hätten sich nicht bewahrheitet. "Heute bietet Bonn eine interessante Kombination aus Universität, Behörden, Kultur und Wirtschaft, gerade auch rund um die Postnachfolgeunternehmen."

Der Professor wohnt mit seiner Frau und den vier Kindern in Godesberg. Darf man sich die Di Fabios als Familie mit klassischer Rollenverteilung vorstellen? "Ja und nein", antwortet er nach einem für ihn ungewöhnlichen Zögern und blickt auf seine Hände. Eigentlich geht ihm schon die Frage zu sehr mit dem Mainstream. Bei vier Kindern und einem Vater, der lange Zeit zwei Berufe hatte, sei es gut, wenn jemand für die Kinder ganz da sei. "Aber unsere Rollenverteilung ist trotzdem nicht altväterlich. Eine selbstbewusste Frau mit Richtlinienkompetenz und ein Mann, der jede freie Minute in der Familie genießt. Das schafft ein Gleichgewicht."

Kinder, noch so ein Thema, mit dem sich Di Fabio gerne auf der abstrakten Ebene des Intellektuellen befasst. Heute seien die Sinnprioritäten andere als beispielsweise in den 50er- und 60er-Jahren. Selbstverwirklichung stehe an erster Stelle, und der Versuch, sich von sozialen Bindungen zu befreien. "Das soll kein moralischer Vorwurf sein: Aber jeder junge Mensch sollte darüber nachdenken, was er gewinnt, wenn Kinder zur Welt kommen." Die Überindividualisierung unserer Gesellschaft, die abnehmende Bedeutung von Religion, Institutionen, vielleicht auch ein Mangel an aufgeklärtem Patriotismus machten es für Einwanderer aus anderen Kulturkreisen schwer, in der westlichen Welt heimisch zu werden.

In jeder noch so kurzen Biografie wird Di Fabio als "Nachkomme italienischer Einwanderer" vorgestellt. Sein Großvater kam vor 1914 nach Deutschland, heiratete eine deutsche Frau. Die Fixierung auf die Herkunft in diesem Sinne sei "eine Marotte unserer Zeit", sagt er. "In den ersten 30 Jahren meines Lebens hat mich nie einer danach gefragt. Das Ruhrgebiet war ein Schmelztiegel, ausländisch klingende Nachnamen waren völlig normal." Anders in den USA. Als Di Fabio 2010 eine Rede im Supreme Court hielt, habe man ihn als Enkel eines Stahlarbeiters und Sohn eines Bergmanns vorgestellt. "Der soziale Aufstieg ist für Amerikaner die Story." Man kann sich Udo Di Fabio in den USA als einen glücklichen Menschen vorstellen, jenem Land, liberal und religiös zugleich, in dem man sich gemeinhin nicht für Leistung und Erfolg schämt.

In ein Loch sei er nicht gefallen, als seine Zeit am Verfassungsgericht 2011 zu Ende ging. "Die große Verantwortung, die ein exponiertes öffentliches Amt mit sich bringt, habe ich weniger als Lust, sondern doch mehr als Belastung empfunden." Zumal nicht die Pensionierung sich anschloss, sondern die Rückkehr ins Professorendasein. Der schönste Beruf überhaupt, wie Di Fabio findet.

Typisch bönnsch

Das sagt Udo Di Fabio über Bonn:

An Bonn gefällt mir die rheinische Mentalität: liberal und dem anderen zugewandt.

An Bonn vermisse ich die Korrektur vergangener Planungssünden.

Typisch bönnsch sind für mich Fröhlichkeit und rheinische Lösungen, die nicht das Recht brechen, aber den Amtsschimmel ärgern.

Mein Lieblingsplatz ist die Hofgartenwiese und das Rheinufer.

Die Serie (Folge 73)

Eine Stadt ist so vielfältig wie die Gesichter der Menschen, die hier wohnen und arbeiten, lernen und kreativ sind. Es gibt Erfolgsgeschichten, Liebesgeschichten, Lebensgeschichten oder Alltagsgeschichten.

In der Serie "100 Köpfe: Wir sind Bonn" porträtieren wir jeweils einen Bonner Kopf.