Tod am Hindukusch

Nach der Ermordung zweier deutscher Journalisten im Norden des Landes bleiben viele Fragen offen - Das Eigentum der Opfer rührten die Täter nicht an - Trauer und Betroffenheit bei der Deutschen Welle (DW) in Bonn

Kabul/Bonn. (ga/dpa ) Es ist Sonntag. Kleine Besetzung in den Redaktionsräumen der Deutschen Welle (DW) in der Kurt-Schumacher-Straße in Bonn, doch wer da ist, ist entsetzt, schockiert, betroffen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Mitarbeiter der DW im Ausland ums Leben kommen - 1994 etwa beim Völkermord in Ruanda wurden mehrere einheimische Mitarbeiter der Relais-Station bestialisch umgebracht. Aber es ist das erste Mal, dass Kollegen aus der Zentrale ermordet wurden, wenn auch nicht direkt im Einsatz.

Samstag Vormittag war im Haus die erste Nachricht eingegangen, zwei Journalisten seien in Afghanistan ermordet worden. Schnell war klar: Es handelte sich um die 30-jährige Karen Fischer, eine freie Mitarbeiterin aus Köln, die bei dem deutschen Auslandssender auch volontiert hatte, und um den Techniker Christian Struwe (38).

Beide hatten viel Afghanistan-Erfahrung und kannten das Land gut. Ihr Leben rettete das nicht. In der Nacht zu Samstag wurden sie im Norden des Landes kaltblütig ermordet, ihre Körper von Kugeln durchsiebt. Es sind die ersten deutschen Journalisten, die nach dem Sturz der islamistischen Taliban Ende 2001 in Afghanistan getötet wurden.

Unklar blieb auch am Sonntag, wer die beiden in der nordafghanischen Provinz Baghlan ermordet hat - und warum sie sterben mussten. Die Taliban weisen jede Verantwortung zurück - Sprecher Kari Jussuf Ahmadi sagte der dpa, die Rebellen würden keine Journalisten angreifen.

Ein Raubüberfall wurde aber ebenso ausgeschlossen. Der Polizeichef Baghlans, Mohammad Dschalal Hashimi, sagte, die Mörder hätten das Eigentum der Opfer nicht angerührt: Die Kameras und das restliche technische Equipment seien ebenso am Tatort gefunden worden wie das Allrad-Auto der beiden.

Kaum Zweifel gibt es daran, dass das Paar trotz aller Afghanistan-Erfahrung fahrlässig handelte und Sicherheitsbedenken in den Wind schlug. Die beiden freien Mitarbeiter der Deutschen Welle waren bei einer privaten Recherche-Reise auf dem Weg nach Bamyan, jener Provinz, wo die weltberühmten Buddha-Statuen standen, bevor die Taliban sie im März 2001 in die Luft sprengten.

Während Bamyan als verhältnismäßig ruhig gilt, raten Sicherheitsexperten in Baghlan - wo die beiden nahe dem Dorf Abi Tootak der Bluttat zum Opfer fielen - zur Vorsicht. Baghlan wird als "ziemlich problematisch" eingeschätzt.

Viele Fragen bleiben offen: Warum nahmen die erfahrenen Journalisten keine andere Route nach Bamyan, sondern wählten eine Strecke, die seit Jahren wegen krimineller Überfälle als unsicher gilt? Warum schliefen sie ausgerechnet im Zelt, der schutzlosesten aller Behausungen, und das nach Angaben der Polizei auch nur zwölf Meter von der Hauptstraße entfernt.

"Das ist völlig unerklärlich und viel zu riskant", sagen Afghanistan-Experten. Kein Afghane würde die Bitte Fremder um einen Schlafplatz in seinem Haus abschlagen, das ginge gegen den Ehrenkodex. Die in Afghanistan alles überragende Gastfreundschaft gebietet zudem, dass der Gast Schutz genießt. In einem Zelt freilich gilt das nicht.

Karen Fischer war nicht bekannt dafür, Angst zu haben - was nicht zuletzt ihre zahlreichen Reisen nach und in Afghanistan bewiesen. Die stets gut gelaunte Reporterin, die ihre blonden Haare auf den Straßen Afghanistans mit einem Kopftuch bedeckte, ging offen auf das Land und seine Menschen zu.

Karen Fischer und Christian Struwe mögen sich in falscher Sicherheit gewogen haben. Sie sollen zuvor schon einmal mit einem Zelt in Afghanistan unterwegs gewesen sein, entgegen allen Warnungen. Damals war nichts passiert.

Die grausige Tat beweist erneut, wie schlecht es um die Sicherheitslage in Afghanistan steht. Der Mord geschah auf den Tag genau fünf Jahre nach Beginn des Krieges in Afghanistan, der am 7. Oktober 2001 angefangen hat - und der kein Ende finden will.

Karen Fischer hatte mehrfach aus Afghanistan für die Deutsche Welle berichtet, Christian Struwe hatte beim Aufbau einer internationalen Nachrichtenredaktion beim staatlichen afghanischen Rundfunk mitgewirkt. Es sei tragisch, dass sie "in dem Land sterben mussten, das sie in den vergangenen Jahren mit hohem persönlichen Einsatz unterstützt haben", sagte Intendant Erik Bettermann. Betroffen äußerte sich auch Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann.