Thomas Schläpfer: "Muss eine Null-Toleranz-Straftat sein"

Gegen interne Ausschüsse zur Aufklärung; Thomas E. Schläpfer plädiert für Offenheit.

Gegen interne Ausschüsse zur Aufklärung; Thomas E. Schläpfer plädiert für Offenheit.

Null Toleranz gegenüber sexuellem Missbrauch fordert der Bonner Psychiater Thomas E. Schläpfer. An den Folgen litten die Opfer oft ein Leben lang.

Bonn. Null Toleranz gegenüber sexuellem Missbrauch fordert der Bonner Psychiater Thomas E. Schläpfer. An den Folgen litten die Opfer oft ein Leben lang. Mit dem Professor an der Uni-Klinik sprachen Annette Claus und Ulrich Lüke.

General-Anzeiger: In jüngster Zeit häufen sich Meldungen über sexuellen Missbrauch.

Thomas Schläpfer: Genau. Es häufen sich nicht die Fälle, sondern die Meldungen darüber, das ist ein Riesenunterschied. Ich glaube, dass die Häufigkeit von sexuellem Missbrauch immer gleich ist. Allerdings ist sexueller Missbrauch zum Glück heute viel mehr mit einem Tabu belegt als früher. Früher hat man noch Sprüche gehört wie "Kinder haben auch ein Recht auf Sexualität" zur Rechtfertigung von Übergriffen. Entsetzlich.

GA: Im Moment steht das Thema insbesondere im Zusammenhang mit Klöstern und Internaten. Begünstigen Kasernierungen sexuelle Übergriffe?

Schläpfer: Jede Situation, die abweicht von normalen Familiensituationen mit der gegenseitigen gesellschaftlichen Kontrolle, erhöht die Möglichkeit zum Missbrauch. In Internaten sind viele Kinder einsam und unglücklich. Deshalb ist die Gefahr relativ groß, dass aus einer anfänglich vielleicht verständlichen Fürsorge ein Missbrauch entsteht.

GA: Spielt es eine Rolle, dass die Kinder ohne Eltern und damit ohne Schutz sind?

Schläpfer: Nicht immer sind Eltern Schutz, wie wir von vielen Fällen wissen. Aber wir haben es in Internaten mit einer Abweichung von der Normalsituation zu tun, die für eine normalkindliche Entwicklung eigentlich die richtige ist. Es ist aber gefährlich, das zu verallgemeinern, wir habe darüber keine Zahlen. Gerade wenn jetzt sehr viele Angriffe auf die katholische Kirche und Internate kommen, muss man sagen, dass höchstwahrscheinlich die Inzidenz von Missbrauch in solchen kirchlichen Situationen nicht höher ist als etwa im Schwimmbad oder in einem Turnverein.

GA: Warum erinnern sich gerade in jüngster Zeit so viele Menschen an Missbrauch?

Schläpfer: Das ist ein Medieneffekt, eine Folge der Berichterstattung. Die Opfer erinnern sich an das Zurückliegende und möchten darüber sprechen. Darüber zu sprechen, ist therapeutisch ganz wichtig. Nur so kann der Betroffene das Erlebte verarbeiten. Ich sehe allerdings momentan die große Gefahr der Hexenjagd. Ich finde es ganz schlimm, wenn eine Schule konfrontiert wird mit Fällen von sexuellem Missbrauch, die Jahrzehnte zurückliegen, und man sie dafür verantwortlich macht.

GA: Wie sollte eine Schule denn damit umgehen, wenn sich ehemalige Schüler melden und von Missbrauch berichten?

Schläpfer: Organisationen sollten solche Meldungen ernst nehmen, alles tun, die Sachlage zu klären. Die Fakten an die Polizei weitergeben, die dafür da ist, das zu verfolgen. Recherchieren - in Akten, Zeitungsberichten von früher. Den Betroffenen Gespräche anbieten, signalisieren: Wir haben zwar nichts mehr damit zu tun, aber wir interessieren uns dafür, was passiert ist. Das Thema sexueller Missbrauch als gesellschaftliches Problem sollte offen thematisiert werden. Was ich ganz schlimm finde, ist zu sagen, wir haben einen internen Ausschuss, der sich damit beschäftigt, und wenn wir das schlimm finden, geben wir es an die Staatsanwaltschaft weiter. Weil man damit eine ungerechte Vorgerichtsbarkeit schafft. Sexueller Missbrauch ist eine schwere Straftat, die aus medizinischer Sicht Folgen haben kann für das ganze Leben. Nicht jedes Opfer entwickelt eine psychiatrische Symptomatik; aber gerade in der Kindheit oder frühen Adoleszenz gibt es keine adäquaten Verarbeitungsmechanismen. Die Gefahr ist groß, dass sich so etwas festsetzt. Deshalb ist es ganz wichtig, dass beim kleinsten Anzeichen von sexuellem Missbrauch eine polizeiliche Untersuchung einsetzt. Das muss eine Null-Toleranz-Straftat sein.

GA: Das Problem in den Fällen, die jetzt zu Tage kommen, ist, dass sie oft verjährt sind, es für Polizei und Staatsanwaltschaft also keinen Ermittlungsgrund gibt - die Opfer stehen alleine da.

Schläpfer: Ich finde das sehr schade, weil sexueller Missbrauch eine Straftat ist, bei der Opfer aus Scham für Jahre und Jahrzehnte schweigen. Es würde sich lohnen darüber nachzudenken, die Verjährungsfrist zu verlängern. Aber auch wenn es zu keiner Strafverfolgung mehr kommt, kann das Wiedererinnern in einer sicheren Atmosphäre therapeutisch sehr hilfreich sein. Nur um eine Idee zu geben von den Dimensionen: Wenn man Frauen zwischen 30 und 50 Jahren in den USA fragt, die an einer klinischen Depression leiden, dann stößt man auf Missbrauchsraten von bis zu 50 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sexueller Missbrauch Narben für ein Leben hinterlässt. Sexueller Missbrauch kann zu einer massiv krank machenden Störung für die Entwicklung der Opfer führen.

GA: Wie kommt es zu der mitunter aggressiven Ablehnung der Opfer, der Beschuldigung als Nestbeschmutzer?

Schläpfer: Das ist eine Abwehrreaktion auf einen Angriff auf eine Institution, die heilig sein kann - und den Angriff gegen das Heilige wehrt man ab. Dazu kommt: Betroffene Schulen müssen sich aus dem Nichts und ohne verantwortlich zu sein rechtfertigen. Etwas bleibt immer haften.

GA: Nach einer Studie der Charité fühlt sich ein Prozent der Männer zwischen 18 und 75 von Kindern sexuell angezogen - in Bonn leben demnach 1 050 Pädophile. Wie kann eine Gesellschaft damit umgehen?

Schläpfer: Jeder Mensch kann steuern, ob er seiner Neigung nachgeht oder nicht. Ganz wichtig ist, dass eine Gesellschaft klare Schranken aufstellt.

GA: Wie sehen Sie den Faktor Zölibat?

Schläpfer: Ich habe Respekt vor denjenigen, die sich entschieden haben so zu leben - obwohl dies eine unnatürliche Lebenssituation ist. Ich nehme nicht an, dass sie pädophile Übergriffe begünstigt, aber denke allgemein, dass sich Sexualität nicht unterdrücken lässt.

GA: In den meisten Fällen passiert sexueller Missbrauch in Familien. Werden diese Opfer jetzt vergessen?

Schläpfer: Diese Gefahr ist sehr groß. Lehrer und Priester geraten derzeit unter Generalverdacht, und man vergisst, dass oft ganz nahe stehende Personen in den Familien die Täter sind.

GA: Ihr Wunsch an die Gesellschaft?

Schläpfer: Ich würde mir wünschen, dass die Gesellschaft wegkommt von dem sensationslüsternen Umgang mit den Fällen nach dem Motto "der Erzbischof von München hat etwas gewusst". Dass man darauf achtet: Wo sind Kinder in Gefahr und dass man versucht, auf die Signale von Opfern offen zu reagieren. Ich würde mir wünschen, dass Institutionen wie die Kirche Stellen einrichten, wo man über so etwas sprechen kann. Und in Richtung Betroffener: Das Opfer hat nie Schuld. Kinder verführen nicht, darum sind Kinder nicht schuldig. Bei den Opfern sind Schuldgefühle nicht angebracht.

Zur Person

Professor Dr. med. Thomas E. Schläpfer, 1959 in Bern in der Schweiz geboren, studierte an der Universität Bern Medizin sowie Öffentliches Gesundheitsrecht und Journalismus und absolvierte eine psychiatrische Facharztausbildung. 2003 wurde er Stellvertreter des Direktors für Psychiatrie und Psychotherapie an der Bonner Uni-Klinik. Seit 2006 ist er Prodekan der medizinischen Fakultät. Schläpfer ist verheiratet und hat drei Söhne. Er lebt in Bad Honnef.