Großwohnanlagen in Tannenbusch

Ratten, Schimmel, Heuschrecken - Enquete-Kommission des Landtags auf Besichtigungstour

Vor den Hochhäusern in der Riesengebirgsstraße informieren sich (v.l.) Michael Schleicher, Falk Kievelip, Rainer Stücker, "Felix" von Grünberg, Hans-Dieter Krupinski und Stefan Hochstadt.

TANNENBUSCH. Von außen sehen manche Großwohnanlagen in Tannenbusch gar nicht so übel aus. Die Probleme liegen im Inneren und in der Regel nicht bei den Bewohnern. Das war das Ergebnis des Rundgangs, bei der die fünfköpfige Enquete-Kommission des Landtags am Mittwoch einen Blick hinter die Kulissen warf.

Die Tour erschöpfte sich nicht in einem verwahrlosten Hausflur, in dem die Briefkästen zerstört waren sowie Sicherungskästen frei lagen. "Hier", so erklärte Bernhard von Grünberg, langjähriger Chef des Mieterbunds in Bonn und SPD-Landtagsabgeordneter, den angereisten Wohnungsspezialisten aus Bochum, Dortmund und Köln, "hier kümmert sich niemand um die Anlagen. Und ohne Mitwirkung der Eigentümer geht nichts voran." Das sei das eine Problem. Das andere seien die Ratten.

"Den Heuschrecken auf der Spur", war der Rundgang überschrieben worden. Aber von den Heuschrecken - gemeint waren die rein auf Rendite fixierten Eigentümergesellschaften - sah man niemanden. Laut von Grünberg sind es im Grunde drei Gesellschaften, in deren Besitz die großen "Klötze" sind, sieht man von den beiden Studentenwohnheimen ab: Haupteigentümer ist die Deutsche Annington mit 910 Wohnungen, hinzu kommen die Gagfah Invest GmbH & Co. KG (352) und die Cosmo Han GmbH (260) mit einem Block am Brieger Weg/Waldenburger Ring.

"Die Wohnungen dort sind sogar gut geschnitten, wegen massiver Schimmelschäden gibt es aber erhebliche Leerstände", so von Grünberg. "Wohnungen sind nicht mehr bewohnbar, aber an die Cosmo kommt man nicht heran." Bei Kontaktaufnahme melde sich ein Rechtsanwalt mit Sitz in München und Berlin. Oftmals seien Blocks von "weit mehr als 75 Prozent" Hartz IV-Empfängern belegt, hörte man.

Grund dafür sei unter anderem das Müllproblem. Es gebe Haushalte, die bis zu 1000 Euro Müllgebühren pro Jahr haben, weil der Abfall nicht getrennt werde und die grauen Hausmüllcontainer frei für alle zugänglich seien. Wer dann seine Nebenkosten nicht vom Amt bezahlt bekomme, sondern selbst tragen müsse, orientiere sich schnell wieder woanders hin, wenn der erste Müllgebührenbescheid kommt.

"Das ist die organisierte Unverantwortlichkeit", schimpfte Kommissionsmitglied Michael Schleicher aus Köln. Der dortige Amtsleiter für Wohnungswesen kennt das Phänomen: "Da wird Geldpolitik mit Wohnungen gemacht, aber keine Hausverwaltung." Das sei in Tannenbusch ähnlich, laut von Grünberg gibt es in Bonn derzeit 15.000 "Heuschrecken"-Wohnungen: Die Unternehmen haben die Objekte, die früher oft im Besitz des Bundes waren, zu teuer gekauft, erklärt er.

Mit den Mieteinnahmen werden die Zinsen gedeckt, aber nicht getilgt. Gespart wird dann bei Instandsetzung und Hausmeister. So sehen die Anlagen dann auch aus, sagt der Landtagsabgeordnete. Hoffnung gibt es von Grünberg zufolge, wenn die Unternehmen 2013/14 ihre Finanzierungen auf neue Füße stellen müssen. Dann so hofft er, schauen die Banken genauer hin. Besser noch: Die Städte übernehmen die Objekte gleich selbst.