Römische Ohrringe als "teuerste Schätzchen"

Wolfgang Richter kommt seit 15 Jahren zum Rheinauen Flohmarkt

Bonn. Es gibt Momente, da fühlt man sich mit einem Schlag zurückversetzt in eine andere Zeit. Den Kinderwagen, mit den großen Eisenrädern und dem pompösen Schlafkorb, kennt man von vergilbten Fotos aus zerfledderten Familienalben.

Da müssen unsere Urgroßeltern drin gelegen haben. Und da drüben, in den verbeulten und verrußten Töpfen haben sie bestimmt ihre Mahlzeiten gekocht. Es ist Nostalgie pur. Wie jeden dritten Samstag im Monat, wenn der Flohmarkt Einzug in das weite Grün der Bonner Rheinaue hält.

Dann tummeln sie sich auf den Wegen und Wiesen, die Feilscher und Jäger, gucken, fassen an, fragen, handeln und freuen sich wie Kinder, wenn ihnen mal wieder ein Schnäppchen gelingt. So soll es sein, der Flohmarkt ist ein Ort der kleinen Preise. Doch dann das: original römische Ohrringe aus Gold, besonders selten, mit echten Glasperlen und intakten Verschlüssen.

Sie gehören Wolfgang Richter (62). Er bietet sie zum Kauf an. Für 520 Euro. "Meine teuersten Schätzchen", sagt er. Wer die Dinger mit nach Hause nimmt, bei dem fallen "Weihnachten, Ostern und Geburtstag auf einen Tag", weiß Richter. Einer zumindest ist dicht dran. Nicolai Schumacher feiert am Flohmarkt zwar weder Weihnachten noch Ostern, aber immerhin seinen Geburtstag.

Am Stand von Wolfgang Richter macht er sich sein persönliches Geschenk. Die teuren Ohrringe lässt er links liegen, "aber der blaue Schmetterling im Holzkasten ist mir direkt ins Auge gestochen", sagt Schumacher. 32 Euro legt er für den präparierten Falter auf den Tisch, "obwohl ich kein spezieller Sammler bin".

Überhaupt: Er sei öfter hier, aber dieser Stand sei ihm noch nie aufgefallen. Dabei kommt Wolfgang Richter schon seit 15 Jahren zum Flohmarkt, immer an dieselbe Stelle, immer seitlich des Biergartens, direkt an der Kreuzung. Damit er auch sicher sein Lieblingsplätzchen bekommt, reist Richter schon einen Tag vorher aus dem Sauerland an.

Vor zwei Jahren sind er und seine Frau von Bad Godesberg dorthin gezogen - in die "alte Heimat" kehrt er dennoch gern zurück. "Wir sind hier eine Clique, eine richtige Familie geworden", sagt er und deutet auf die Frauen und Männer hinter den Ständen um ihn herum.

"Mir geht's hier um die Atmosphäre, nicht um den Profit." Als Verkäufer zahlt Richter 6,50 Euro pro Meter plus 3 Euro Müllgebühr. Bleibt alles sauber, bekommt er - wie alle anderen - das Geld zurück. "Ein bisschen für das Hobby soll das hier natürlich auch bringen", sagt der 62-Jährige, "es geht ja um die Existenz der Sammlung."

Wie sie einst entstand, daran kann sich Wolfgang Richter noch genau erinnern. Er war 14 Jahre und tauschte sein Fadenmesser gegen eine Münze seines besten Kumpels. "Am Abend kam dann der Vater und wollte den Tausch rückgängig machen", erzählt Richter, "aber ich habe gesagt: Getauscht ist getauscht. Und Wiederholen ist gestohlen."

Die Leidenschaft für sein Hobby hat er bis heute nicht verloren. Er redet mit den Menschen, erzählt von seinen wertvollen Glasarmreifen, den antiken Pfeilspitzen und den handgeschliffenen Schamanenschädeln. Die kleinen Besucher lotst Richter auch hinter seinen Stand. Wie Jonas zum Beispiel.

Der Siebenjährige lässt seine Blicke über die präparierten Insekten schweifen. Für acht Euro darf er sich einen Käfer kaufen, seine Mama hat es ihm erlaubt. Wolfgang Richter freut's - und drückt Jonas noch eine kleine bronzene Münze in die Hand. "Als Dank", sagt Richter, "wir Sammler brauchen doch den Nachwuchs."

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