Die Zukunft der Bundesstadt

Quo vadis, Bonn?

Bonn. Beim Wegzug der Regierung hätte niemand gedacht, dass Bonn sich so gut entwickeln würde. Doch in letzter Zeit häufen sich die Rückschläge. Die Wegzüge der Zurich Versicherung oder von Haribo geben Anlass, über die Zukunft Bonns nachzudenken. Dies tut für den GA der Wirtschaftsprofessor Hermann Simon.

Beim Wegzug der Regierung hätte niemand gedacht, dass Bonn sich so gut entwickeln würde. Vor allem durch die Umwandlung der früheren Staatsmonopolisten Deutsche Telekom und Deutsche Post sowie den Zuzug zahlreicher Bundesbehörden wurde die entstandene Lücke geschlossen. In diesem Sinne hat Bonn "die Kurve gekriegt". Doch in letzter Zeit häufen sich die Rückschläge. Besonders schmerzlich sind die angekündigten Wegzüge von Haribo und Zurich Versicherung. Detecon, die Consultingfirma der Deutschen Telekom, ist bereits 2012 mit 600 Mitarbeitern nach Köln gezogen. IVG und Solarworld, einst in den Leitindizes der Deutschen Börse notiert, sind nur noch Schatten ihrer selbst. Schon früher haben große Konzerne wie VIAG und VAW Vereinigte Aluminium Werke Bonn verlassen.

Doch es gibt auch positive Meldungen. So ist die Softwarefirma SER mit 200 Beschäftigten von Neustadt/Wied an den Bonner Bogen gezogen. Die Restaurantkette Vapiano hat in Bonn ihre Hauptverwaltung angesiedelt. Und Firmen, die ihren Ursprung in Bonn haben, sind gewachsen. Dazu zählen die Kanzlei Flick, Gocke, Schaumburg mit 350 Mitarbeitern in Bonn (von insgesamt 400), die Wirtschaftsprüfergsellschaft DHPG mit 200 Bonner Mitarbeitern (von insgesamt 500) oder eben Simon-Kucher mit knapp 200 Beschäftigten in der Bonner Zentrale (von insgesamt 760). Der High-Tech-Gründerfonds sitzt in Bonn. Nicht zuletzt sind die UN und Non-Profit-Organisationen wie die GIZ oder Fairtrade zu nennen. Wachstum gibt es ebenfalls bei Industriefirmen. So hat der Autozulieferer GKN Sinter Metals die Mitarbeiterzahl seit 2004 um 34 Prozent auf jetzt knapp 600 gesteigert.

Jedoch gibt es einen fundamentalen Unterschied zwischen privaten Unternehmen und öffentlichen Organisationen. Nur erstere zahlen Gewerbesteuer und füllen damit den Stadtsäckel. Die nach Köln umziehende Zurich Deutscher Herold Lebensversicherungs AG hat in 2013 ein "Ergebnis der normalen Geschäftstätigkeit" (Gewinn vor Steuern) von 138,6 Millionen Euro erwirtschaftet und dürfte darauf nach Schätzung eines Wirtschaftsprüfers insgesamt Gewerbesteuern von deutlich über 20 Millionen Euro bezahlt haben. Zwischen Standorten eines Unternehmens wird die Gewerbesteuer nach Lohnsumme aufgeteilt. Insofern lässt sich nicht exakt abschätzen, wie viel Bonn erhält. Es dürfte sich um einen zweistelligen Millionenbetrag handeln.

Angesichts der finanziell prekären Situation Bonns ist die Gewerbesteuereinbuße bei Zurich ein Desaster. Ist wirklich alles getan worden, den Wegzug von Zurich zu verhindern? Die gleiche Frage stellt sich für Haribo. Für die Entscheidung von Zurich dürfte die Gewerbesteuer keine Rolle gespielt haben, denn Köln hat mit 475 einen ähnlichen Hebesatz wie Bonn mit 490. Bei Haribo könnte das anders sein. Der Gewerbesteuerhebesatz liegt in der Gemeinde Grafschaft mit 330 deutlich niedriger als in Bonn.

Diese Wegzüge geben Anlass, über die Zukunft Bonns nachzudenken. Was sind die Chancen und wie können diese genutzt werden? Wo lauern Gefahren und wie lassen sie sich vermeiden?

Ich fasse meine persönlichen Gedanken dazu in zehn Thesen zusammen. Diese sind zwangsläufig subjektiv und beanspruchen nicht, der Weisheit letzter Schluss zu sein.

Zur Person

Hermann Simon (67) ist Unter- nehmensberater, Wirtschafts- professor und Autor von mehr als 30 Fachbüchern, die in 26 Sprachen veröffentlicht wurden. 1995 beendete er seine akademische Laufbahn, die ihn als Gastprofessor unter anderem an das renommierte Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge (USA) führte. Im selben Jahr gründete Simon in Bonn mit ehemaligen Doktoranden das Beratungsunternehmen Simon- Kucher & Partner, das in der Preis- beratung tätig ist. Seit 2009 ist er Chairman des Unternehmens. Seine Bücher zum Preismanagement sind weltweit Standardwerke.

  1.  Primat der Wirtschaft: Es wird vielen in Bonn nicht gefallen, dass ich die Wirtschaft an erste Stelle setze. Ja, die Wirtschaftskraft einer Stadt ist nicht alles, aber ohne Wirtschaftskraft ist alles nichts. Ohne starke Privatunternehmen verliert die Stadt ihre Fähigkeit, Kultur, Sport, Soziales und Umwelt zu fördern. Umgekehrt sieht man, was Städte mit starken Unternehmen sich leisten. Als Beispiel zitiere ich den Fußball, in dem Orte, die nicht einmal halb so groß sind wie Bonn, oben mitmischen: Hoffenheim, Wolfsburg, Leverkusen, Ingolstadt. Das Gleiche gilt für die Kultur, siehe Luxemburg (Stadt) oder Zürich. Erste Priorität der Stadt Bonn und damit erste Aufgabe des Oberbürgermeisters muss sein, die Wirtschaftskraft und den Wohlstand von Stadt und Bevölkerung zu erhalten und zu stärken. Das heißt, den Wegzug profitabler Unternehmen mit allen Mitteln zu verhindern, die Gründung neuer Firmen zu fördern und Unternehmen/Investoren für Bonn zu gewinnen.

    Auch die Bezieher hoher Einkommen sollte man als Zielgruppe im Auge behalten. In Bonn wohnen schon heute viele Freiberufler, Unternehmer und Manager, die ihre Arbeitsstätte in Köln oder in der Region haben. Bonn ist für diese Zielgruppe ein hochattraktiver Standort. Von der Einkommensteuer ihrer Einwohner erhält die Stadt 15 Prozent bzw. 12,5 Prozent bei der Abgeltungssteuer. Hundert Einkommensteuermillionäre bringen der Stadt rund 13,5 Millionen Euro.
     
  2. Rigoroser Sparkurs: Bonn ist per Ende 2014 mit 1,7 Milliarden Euro verschuldet und zahlt darauf 35 Millionen Euro an Zinsen sowie sonstige Finanzaufwendungen, also rund zwei Prozent. Angesichts des Schuldenstandes werden alle Proteste gegen Kürzungen in Kultur, Sport und ähnlichen Bereichen wirkungslos verhallen. Man braucht sich nur vorzustellen, dass die Zinsen wieder auf ein normales Niveau steigen. Bei Zinsen von fünf Prozent und weiter steigenden Schulden wären rund 100 Millionen Euro für Zinsen aufzubringen. Die hohen Schulden werden irgendwann zum Mühlstein um den Hals der Stadt. Bonn wird sich in Zukunft einfach nicht mehr leisten können, 45 Millionen Euro im Jahr für Kultur auszugeben. Entweder die Stadt schafft das selbst oder der Zwangsverwalter wird die unvermeidlichen Kürzungen durchziehen. Alle unnötigen Ausgaben sind zu unterlassen. 26,4 Millionen Euro für das Haus der Bildung statt ursprünglich geschätzter 11,4 Millionen - unfassbar. Mehr als 30 Millionen sind für die Sanierung der Beethovenhalle veranschlagt. Oder ein aktuelles Beispiel: der Kreisverkehr in Plittersdorf, den die Verwaltung sinnvollerweise nicht bauen will. Teile des Rates fordern den Kreisel dennoch. Ich fahre jeden Tag dort vorbei. Der Kreisel ist so überflüssig wie ein Kropf. Genauso wie etwa die Verengung der Reuterstraße oder der Umbau der Bushaltebuchten, die von den Grünen betrieben wurden, überflüssig und reine Geldverschwendung waren.

    Die Quittung dafür wird eines Tages präsentiert. In den nächsten fünf Jahren fallen weitere große Defizite an, die Schulden steigen. Erst in 2020 soll ein Haushaltsausgleich erreicht werden. Das wird nur gelingen, wenn weitaus rigorosere Sparmaßnahmen durchgesetzt werden. Ich nenne als Beispiel eine Reduktion der Beschäftigtenzahl der Stadt um mehr als 1000 - sie wird unvermeidlich sein. Ohne diese Maßnahmen ist ein Haushaltsausgleich illusorisch. Einsparen kann man auch bei der Zahl der Stadtratsmitglieder. Das nationale Parlament von Luxemburg hat 60 Mitglieder, das von Israel 120. Wozu braucht Bonn dann 86? Das ist zwar primär kein monetäres Kostenthema, aber ein Zeitkostenthema und programmierte Ineffizienz.
     
  3. Bonns Image: Am 29. Januar 2015 stand auf der ersten Seite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung "Salafistenstadt Bonn". Der umstrittene Journalist Udo Ulfkotte hat schon 2009 eine mit "Vorsicht Bürgerkrieg" betitelte Deutschlandkarte veröffentlicht, in der Bad Godesberg als einer der Brennpunkte des Islamismus auftaucht. Wie viel müsste man ausgeben, um solche Negativwerbung zu kompensieren? Mit Sicherheit einen gigantischen Betrag. Wir sollten alles tun, eine weitere Verschlechterung des Images Bonns zu verhindern. Und natürlich schlägt auch die Meldung, dass wichtige Unternehmen Bonn verlassen, negativ auf das Image durch. Es klafft eine große Lücke zwischen dem positiven Image, das wir Bonner von unserer Stadt haben, und der Wahrnehmung von außen. Ein Top-Manager schreibt mir: "Als wir von München nach Bonn gezogen sind, sagten uns Freunde: »Oh, ihr Armen! Wisst ihr, was ihr euren Kindern antut, ins Ruhrgebiet zu ziehen?«." Es spielt keine Rolle, ob das stimmt oder nicht. Die Wahrnehmung zählt! Und hier hat Bonn in der Außenwelt, vor allem bei jungen Leuten, ein Problem. Anders als Köln oder Berlin ist Bonn nicht "cool".
     
  4. Wettbewerbsvorteile: Bonn besitzt enorme Stärken und Wettbewerbsvorteile, die kaum eine andere deutsche Stadt in dieser Kombination aufweist.

    Schönste Landschaft aller deutschen Großstädte: Rhein, Siebengebirge, Weinbau in der Nähe. Alexander von Humboldt bezeichnete den Blick vom Rolandsbogen, der unmittelbar an Bonn angrenzt, als einen der sieben schönsten Blicke der Welt. Wenn man jedoch die Leute draußen fragt, welche Stadt die schönste landschaftliche Lage habe, nennt kaum jemand Bonn. Eher werden Freiburg oder Heidelberg genannt. Wir müssen die wunderschöne landschaftliche Lage Bonns effektiver kommunizieren.

    Internationale Kindergarten- und Schulangebote: Keine andere deutsche Stadt kann hier mithalten. Das ist ein wichtiger Attraktivitätsfaktor für internationale Führungskräfte und aufstrebende Schichten. Ausländische Manager wohnen genau deshalb in Bonn, obwohl ihre Arbeitsstätten teilweise weit entfernt liegen. Haben wir diese Stärke überregional kommuniziert?

    Universität mit großer Tradition und hohem Niveau: Spitzenuniversitäten werden angesichts der zunehmenden Bedeutung von Bildung als Standortfaktor immer wichtiger. Sie ziehen fähige junge Leute an und sollen den Führungs- und Unternehmernachwuchs der Zukunft erzeugen.

    UN-Standort: Bonn ist der einzige Standort der Vereinten Nationen in Deutschland. Allerdings erlebe ich selbst die UN-Präsenz nur spärlich, obwohl ich ansonsten sehr viele internationale Kontakte habe. Vermutlich müssten wir Bonner mehr tun, um UN-Beschäftigte besser zu integrieren? Ähnliches gilt für die große Zahl ausländischer Mitarbeiter in Bonner Unternehmen.

    Kongressstadt Bonn: Mit dem World Conference Center erhält Bonn eine erstklassige Einrichtung für große Konferenzen. Auch ansonsten stehen zahlreiche Säle wie der alte Bundestag, das Kameha-Hotel und diverse Hallen zur Verfügung. Der Wettbewerb um Kongresse ist jedoch hart. Vermarktung und Auslastung der Kapazitäten werden eine Herausforderung. Die nicht ideale Verkehrsanbindung erweist sich hier als Nachteil.

    Geographische Lage: Ich wählte den Standort Bonn für unsere Unternehmensberatung aus persönlichen Gründen. Erst später wurde mir bewusst, wie günstig dieser Standort liegt, nämlich zwischen den beiden größten Ballungsgebieten - Rhein-Main und Rhein-Ruhr - der Republik. München liegt da viel ungünstiger.
     
  5. Verkehrsanbindung: Trotz seiner strategisch günstigen Lage hat Bonn Probleme mit der Verkehrsanbindung. Diese sind einerseits objektiver, vor allem aber psychologischer Art. Ein großer, heute irreparabler Fehler war, die ICE-Hochgeschwindigkeitsstrecke über Siegburg und nicht über Beuel zu führen. Für Bonner mag das kein Problem sein. Ich selbst bin in 20 Minuten von Godesberg am Bahnhof Siegburg. Für Fremde stellt sich die Wahrnehmung völlig anders dar. Originalaussage eines Top-Managers von Zurich: "Wenn unsere Leute in Siegburg ankommen und sich nach Bonn schaffen müssen, sind sie sauer." Der ICE braucht vom Flughafen Frankfurt nach Siegburg/Bonn 38 Minuten. Mit der Straßenbahn benötigt man vom Siegburger Bahnhof bis zu unserem Büro an der Willy-Brandt-Allee fast die gleiche Zeit, nämlich 31 Minuten. Und genau so sieht es ein Bewerber, der etwa zu einem Interview bei uns anreist. In seiner Wahrnehmung ist Bonn schlecht angebunden. Offensichtlich haben die vielen Leserbriefschreiber keine Ahnung von dieser externen "Realität". Den ICE-Bahnhof kriegt man aus Siegburg nicht mehr weg. Aber zumindest könnte man dafür sorgen, dass alle Züge in Siegburg halten und dass der Bahnhof "Bonn Hbf" heißt. Denn es ist dem Image Bonns abträglich, wenn der Bahnhof auf eine Stufe mit Montabaur und Limburg, wo nur manche Züge stoppen, gestellt wird.

    Ähnlich wie mit dem ICE-Bahnhof sieht es mit der Anbindung an die Autobahn A3 aus. Wenn man sich aus Richtung Frankfurt kommend durch Ittenbach und das Siebengebirge quälen muss, dann entsteht innerer Widerstand. Die direkte Anbindung der Südbrücke an die A3 ist ein "No Brainer", auch wenn das ideologischen Autogegnern oder Anliegern missfällt. Ich halte die A3-Anbindung und die Südtangente für zwei verschiedene Projekte, die jedoch in der Diskussion ständig in einen Topf geworfen werden. Die Position gegen eine durchgehende Südtangente mit Anbindung an die A61 kann ich verstehen, der Widerstand gegen die A3-Anbindung ist irrational.
     
  6. Der Oberbürgermeister: Die wichtigste Person in diesem Spiel ist der OB. Seine Möglichkeiten, die Wirtschaftskraft zu stärken, Unternehmen zu binden und zu gewinnen, halten sich, genau wie diejenigen der Verwaltung, in Grenzen. Aber gerade deshalb müssen diese Möglichkeiten in maximalem Umfange ausgeschöpft werden. Und eins kann ich aus jahrzehntelanger Erfahrung berichten: Standortentscheidungen fallen immer auch aus emotionalen Gründen. Ich behaupte sogar, dass diese - und nicht wirtschaftlich objektive Gegebenheiten - in vielen Fällen den Ausschlag geben. Warum sitzt Simon-Kucher in Bonn? Ganz einfach: Weil ich hier wohne. Analytisch hätten für eine Unternehmensberatung wie Simon-Kucher Düsseldorf, Frankfurt oder München das Rennen gemacht. Deshalb ist es ungeheuer wichtig, dass der OB mit den Entscheidern enge und vertrauensvolle Kontakte pflegt. Er sollte sich wie ein Chief Executive Officer (CEO) sehen, der Bonn bei den Schlüsselpersonen "vermarktet". Die Entscheider in den Unternehmen sind seine wichtigsten "Kunden". Das ist mehr als "Wirtschaftsförderung", das ist umfassendes Management der "Standortattraktivität", eine nicht delegierbare Aufgabe des OB-CEOs.

    Ob man die Wegzüge von Haribo oder Zurich oder Detecon hätte verhindern können, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass solche Entscheidungen oft auf der Kippe stehen und von emotionalen Momenten, Atmosphäre und Flexibilität der Verwaltung abhängen. Für all das ist der OB-CEO verantwortlich. Ich würde im Übrigen raten, in den beiden erstgenannten Fällen im Gespräch zu bleiben. Die Entscheidungen sind ja noch nicht umgesetzt. Im Falle Haribo halte ich die Verlagerung der Hauptverwaltung aufs Land für einen strategischen Fehler. Der knapp 30 Kilometer von Bonn entfernte Standort wird die Rekrutierung von qualifiziertem Nachwuchs nicht erleichtern. Aus genau diesem Grund hat SER seinen Sitz nach Bonn verlegt, ist Grohe vom Sauerland nach Düsseldorf und Alnatura vom Odenwald nach Darmstadt gezogen. Die Urbanisierung ist einer der großen Trends, der Bonn nutzen kann. Allerdings sitzt mit Köln eine noch größere Stadt dicht vor unserer Nase.

    In diesem Kontext appelliere ich an die Verantwortung der Parteien. Wer bestimmt eigentlich den OB? Faktisch tun dies die beiden großen Parteien. Denn einer der beiden Kandidaten macht das Rennen. Die Rolle des Stadt-CEOs ist eine gewaltige. Er muss eine Verwaltung mit mehr als 5000 Beschäftigten, also ein "Großunternehmen", führen. Die Inhalte seiner Tätigkeit sind umfassend und hochkomplex. Müssten die Parteien nicht darauf achten, dass sie nur Kandidaten vorschlagen, die auf Grund ihrer bisherigen Tätigkeiten diesen ex-tremen Anforderungen gewachsen sind? Niemand käme auf die Idee, einen Handwerksmeister zum Vorstandsvorsitzenden von Siemens zu berufen. Bei der Kandidatenselektion darf es nicht nur darum gehen, die Wahl zu gewinnen, sondern er oder sie muss die notwendige Kompetenz und Erfahrung besitzen, der Aufgabe gewachsen zu sein.
     
  7. Jugendfeindlichkeit: Bonn besitzt bei jungen Menschen kein "cooles" Image. Diese Aussage gilt noch stärker für das Außen- als das Innenimage. Hier wurde in der Tat viel falsch gemacht. Die Verbannung der Konzerte und der Eisbahn vom Museumsplatz ist das eklatanteste Beispiel. Wie kann es die Stadt zulassen, dass der Direktor der Bundeskunsthalle diese für junge Leute attraktiven Events verjagt? Der Kunstrasen und die zeltüberdachte Eisbahn am Hofgarten sind keine Äquivalente zu dem Ambiente zwischen den Museen. Wie kann es die Stadt zulassen, dass die Klangwelle vom Münsterplatz verdrängt wird? Genauso ist die "Rheinkultur" verschwunden. Und zum diesjährigen Verbot der Altstadt-Karnevalsparty fällt einem gar nichts mehr ein. Letztlich ordnet sich auch die Erhaltung der Beethovenhalle in eine vom älteren Bevölkerungsteil dominierte Stadtpolitik ein. Weder kann sich die Stadt die Renovierung der Beethovenhalle leisten, noch wird diese benötigt. Wer soll all die Hallen und Säle nutzen und auslasten? Die Stadt muss nicht nur verhindern, dass das ohnehin bei jungen Menschen problematische Bonn-Image weiter beschädigt wird, nein sie muss viel stärker für die Interessen der jungen Menschen kämpfen. Das ist keine Frage des Geldes, sondern des politischen Wollens.
     
  8. Realismus: Bonn ist Bundesstadt. Das ist ein besonderer Titel. Macht Bonn etwas daraus? Mit diesem Pfund kann man stärker wuchern. In Bonn haben sechs Bundesministerien ihren Sitz. Der Bundespräsident hat hier seinen zweiten Dienstsitz. Das Bonn-Berlin-Gesetz soll diesen Bestand dauerhaft sichern, doch es wird zunehmend unterlaufen. Wie soll sich Bonn verhalten? Natürlich sollte man sich gegen jeden Abzug weiterer Ministerien stemmen. Aber es ist auch Realismus angezeigt. Langfristig wird der Rutschbahneffekt sich verselbstständigen. Dennoch gibt es Chancen für Bonn. Die Ministerien sind oft unnötig groß und wären gut beraten, Abteilungen als oberste Bundesbehörden auszugliedern. Für solche, wie zum Beispiel das Bundesamt für Justiz, ist Bonn ein idealer Standort. Ein Ministerialbeamter will in die Zentrale nach Berlin. Der Präsident einer Bundesbehörde ist "Fürst in seinem Reich" und vielleicht froh, in Bonn und weit weg von Berlin zu sein. Wenn es die Bundesstadt Bonn nicht gäbe, müsste man sie erfinden.

    Eine der großen Stärken Deutschlands ist seine Dezentralität. Das Gegenteil sieht man in Frankreich, wo es eine erste Klasse gibt (das ist nur Paris) und eine zweite - für den Rest. Bonn sollte aktiv darauf hinwirken, dass weitere oberste Bundesbehörden gebildet und hier angesiedelt werden. Das wird vermutlich nicht leichter, da die in Bonn und im Umfeld wohnenden Politiker, die einst großen Einfluss hatten (Genscher, Clement, Müntefering, Westerwelle, Kinkel), nicht mehr der Regierung angehören. Die heutige Bonner Politikergeneration erscheint weniger einflussreich. Umso wichtiger ist es, dass diese Aufgabe entschieden und schnell angegangen wird.
     
  9. Universität und Wirtschaft: Die wissenschaftliche Qualität der Uni Bonn ist unbestritten. Ihre Ausstrahlung auf die Wirtschaft hält sich jedoch in Grenzen. Wie kann es sein, dass es in Bonn keine nennenswerten Start Ups in Feldern wie Life Sciences, Informatik, Robotik, Biotechnologie, Physik, Medizintechnik gibt, obwohl die Universität hier hervorragende Ausbildung und Forschung bietet? Von den 380 Investments des High-Tech-Gründerfonds sind nur zwei in Bonner Start Ups erfolgt, jedoch 100 in Berlin. Proportional müsste Bonn zehn Investments auf sich gezogen haben. Ich habe nur eine Erklärung: Es fehlt der Universität an Wirtschaftsnähe und Unternehmertum. Auch das hat Tradition. 1969 gab es eine Initiative, einen gemeinsam von der Universität und von der Wirtschaft finanzierten Lehrstuhl einzurichten. Der Lehrstuhlinhaber sollte gleichzeitig Direktor des Universitätsseminars der Wirtschaft in Schloss Gracht/Erftstadt, des damals größten deutschen Managementinstitutes, werden. Das Projekt scheiterte. Selbst die Idee für eine Business School wurde bisher von der Universität nicht aufgegriffen. Die Hochschule Bonn-Rhein-Sieg sieht dieses Thema hingegen positiv. Doch ohne die Uni wäre das nur eine halbe Sache. Universitäten von Harvard bis Stanford beweisen, dass die Kombination von Natur-/Ingenieurwissenschaften einerseits und Business andererseits zu enormen Start-Up-Erfolgen und Wirtschaftswachstum führt.

    Auch die Uni Bonn hätte in dieser Hinsicht großes Potenzial. Die Industrie- und Handelskammer könnte in Kooperation mit der Uni Kurse zu Unternehmensgründung und -führung entwickeln, die Studenten aller Fachrichtungen offen stehen. Mit Sicherheit würden solche Kurse zu mehr Unternehmensgründungen in Bonn führen.
     
  10. Größer denken: Denkt man weiter in die Zukunft, so ist Bonn meines Erachtens zu klein, um die sich bietenden Chancen zu nutzen und die Gefahren abzuwehren. Wie kann Bonn größer werden? Ein erster Schritt könnte in einer Fusion mit Sankt Augustin und Siegburg bestehen. Das würde auch das psychologisch nicht zu unterschätzende Problem des "zweitklassigen" Siegburger Bahnhofs lösen. Dieser würde dann nämlich zum Bonner Hauptbahnhof. Bonn läge wieder an einer echten ICE-Strecke. Viel wichtiger wäre natürlich, dass sich auf diese Weise völlig neue Planungschancen eröffnen. Bonn hat keine großen Flächen. In einer größeren Einheit hätte man Haribo sicherlich etwas Passendes anbieten können. Für Siegburg und Sankt Augustin brächte eine solche Fusion ebenfalls viele Vorteile. Sie würden, nunmehr als Teile der Großstadt Bonn, mögliche Standorte für Unternehmen, die heute niemals Siegburg oder Sankt Augustin als Adresse akzeptierten. Ob man weitere Orte wie Königswinter, Bad Honnef, Wachtberg oder den ganzen Rhein-Sieg-Kreis in eine solche Fusion einbezieht, lasse ich offen. Zu überlegen wäre das.

    "Große Städte spielen die Schlüsselrollen in der globalisierten Welt", sagt Professor Philip Kotler, der führende Marketingwissenschaftler der Welt, in seinem neuesten Buch. Kotler sieht übrigens nur eine deutsche Megastadt, die er "Rhein-Ruhr" nennt, im globalen Konzert mitspielen. Denkt man deshalb noch weiter in die Zukunft - sagen wir mal 20 bis 30 Jahre -, so drängt sich eine Fusion mit Köln (inklusive Leverkusen) geradezu auf. Dieses neue Gebilde könnte Hamburg in der Einwohnerzahl übertreffen und zweitgrößte deutsche Stadt werden. Es würden sich ungeahnte Perspektiven eröffnen.

    Das "Niemandsland" zwischen Bonn und Köln ließe sich zur gezielten Industrieansiedlung nutzen. Eine Stadt darf nicht nur auf Dienstleistungen oder gar auf "wissensorientierte Dienstleistungen" setzen, sie braucht auch Produktion. Chinesische Unternehmen streben verstärkt nach Deutschland. Köln hat unter anderem Peking und Rio de Janeiro als Partnerstädte. In der heutigen Aufstellung ist Köln auf Dauer für diese Megacities zu klein. Deshalb muss auch Köln Interesse haben, größer und damit in Globalia gewichtiger zu werden. Die Vorboten dieser Fusion gibt es schon. KölnBonn nennt sich die Sparkasse. Köln-Bonn ist der Name des Flughafens. Auch die zahlreichen Menschen, die in Köln arbeiten, aber privat in Bonn wohnen, haben die Fusion für sich bereits realisiert. KölnBonn - oder international passender "Colonia Bonna" - hätte die Chance, ein Schwergewicht unter den globalen Städten der Zukunft werden.

 

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