Physiotherapie in Bonn

Physiotherapeuten sind in der Region gefragt

Bonn. In Bonn und der Region werden deutlich mehr Physiotherapeuten benötigt. Doch die jetzigen Stellen sind kaum zu besetzen. Die Anerkennung von ausländischen Berufsabschlüssen dauert zu lange.

Was man als Chef nicht alles unternimmt, um dem Fachkräftemangel zu begegnen: Zwei Geschäftsführer einer Bonner Praxis für Physiotherapie sind sogar einer nach Spanien ausgewanderten Kollegin nachgereist, um sie zur Rückkehr zu überreden. Und das war gar nicht so einfach. „Jennifer hat unser erstes Angebot nämlich abgelehnt“, erzählt Stephan Wilkes. 25 Mitarbeiter sind aktuell für ihn und seinen Mitgeschäftsführer David Braun beim Kurfürsten Gesundheitszentrum Soyka tätig, 14 davon als Physiotherapeuten.

Der Fachkräftemangel zeigt sich im Gesundheitssektor von seiner dramatischsten Seite: Im zweiten Halbjahr 2018 hat es laut Bundesagentur für Arbeit durchschnittlich 167 Tage lang gedauert, bis eine offene Stelle in der Physiotherapie wiederbesetzt war. „Wir wissen, dass viele Kolleginnen und Kollegen dem Beruf den Rücken kehren, um dem noch immer zu geringen Verdienst und der Belastung zu entkommen“, sagt Andrea Rädlein, Vorsitzende des Deutschen Verbands für Physiotherapie (ZVK).

Und die, die sich für den Job entscheiden, finden zumindest bei der Wahl des Arbeitgebers fast paradiesische Zustände. „Für mich war die Situation perfekt“, resümiert Julian Bürk. Sein Studium der Sportökonomie hat der ehemalige Footballspieler der Bonn Gamecocks an den Nagel gehängt, um in Meckenheim die Berufsschulbank zu drücken. Rund 350 Euro Schulgeld musste er zunächst an die Privatschule zahlen; erst seit Anfang des Jahres erstattet das Land den Berufsschülern einen Teil der Kosten. Nach erfolgreichem Abschluss konnte er sich dann aber seine Arbeitsstelle aussuchen. „Als ich auf die Stellenanzeige hin angerufen habe, waren mir Melanie Schumacher und ihr Team auf Anhieb sympathisch“, erinnert er sich. Und weil ihm auch die Rahmenbedingungen zusagten, arbeitet der junge Mann nun seit einem knappen Monat bei der gleichnamigen Praxis im Bonner Osten.

Auch Andrea Lazarev kennt kein Geheimrezept: „Ich baue darauf, dass es sich herumspricht, wo die Arbeitsbedingungen gut sind“, sagt die Geschäftsführerin der gleichnamigen Praxen in Endenich und der Innenstadt. Ihre Strategie bestehe darin, auf eine langfristige, vertrauensvolle Zusammenarbeit zu setzen „Mal eben jemanden einstellen hat ja ehrlich gesagt auch noch nie zu einem guten Ergebnis geführt“, sagt sie. Und weil der Markt so eng sei, müsse man als Chefin eines Unternehmens mit mehr als 50 Mitarbeitern mit Zuverlässigkeit und guten Arbeitsbedingungen punkten.

Jennifer Anabel Habbig hatte Deutschland der Liebe wegen den Rücken gekehrt. „Sie war vor einigen Jahren in den Küstenort Jávea bei Valencia ausgewandert“, erinnert sich Wilkes. Als er und sein Kompagnon Ende 2018 überlegt hatten, wo sich Verstärkung für das Firmenteam finden ließe, sei ihnen Habbig eingefallen. Sie war Wilkes als fähige und engagierte Ex-Kollegin in Erinnerung geblieben. Den Kontakt stellte er über Bekannte her, von denen er auch erst erfuhr, dass die junge Frau mittlerweile bei Valencia lebte.

„Früher mussten sich die Bewerber etwas einfallen lassen, um bei der Chefetage zu punkten, jetzt braucht es Kreativität und Ideen auf Chefseite“, so Braun. Folgerichtig kümmerten sich die beiden Geschäftsführer Anfang des Jahres um eine Wohnung in Bonn, ein Auto und ein Fahrrad. So stand es in dem Arbeitsvertrag, mit dem sie Habbig zurück ins Rheinland locken konnten. Doch damit nicht genug: Auch beim Umzug packte die Geschäftsleitung mit an, Wilkes und Braun waren ein zweites Mal nach Spanien geflogen, um samt Möbeln, Gepäck und der neuen Mitarbeiterin am 12. April in die Bundesstadt zurückzukehren.

Die Geschichte dürfe laut Braun aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Problem weiterbestehe: Um junge Menschen für die Pflege und die Gesundheitsfachberufe stärker zu interessieren, müsse man höhere Wertschätzung und verbesserte Rahmenbedingungen schaffen. Eine Sicht, die auch der Berufsverband ZVK teilt. „Aktuell drehen Politik und Interessenvertreter aufgrund des Fachkräftemangels in den Gesundheitsfachberufen an zahlreichen Stellschrauben, um junge Menschen für die Therapieberufe zu interessieren“, freut sich Rädlein. Allerdings bemängelt sie Schnellschüsse, deren Umsetzung nicht durchdacht seien. Ein Beispiel: Die von der Gewerkschaft Verdi vereinbarte Ausbildungsvergütung für die Gesundheitsfachberufe gelte nur für Auszubildende an Universitätskliniken und kommunalen Krankenhäusern.

Um den Beruf des Physiotherapeuten und den anderer Gesundheitsfachberufe auch bei Jugendlichen hierzulande wieder populärer zu machen, übernimmt das Land Nordrhein-Westfalen genauso wie andere Bundesländer einen Teil der Kosten der Ausbildung. Rückwirkend zum 1. September 2018 werden 70 Prozent des an der jeweiligen Ausbildungsstätte erhobenen Schulgeldes erstattet. Das durchschnittliche Schulgeld für angehende Ergotherapeuten hatte zuvor rund 400 Euro im Monat betragen, bei Physiotherapeuten etwa 415 Euro, bei Logopäden durchschnittlich 640 Euro und bei Pharmazeutisch-Technischen Assistenten rund 273 Euro. Doch derzeit scheint die gesenkte Belastung noch nicht für sehr stark gesteigertes Interesse zu sorgen: „Die Schulen, zu denen ich Kontakt habe, haben Probleme, ihre Kurse vollzubekommen“, sagt Andreas Stommel vom Bonner Zentrum für ambulante Rehabilitation.

Dabei sind die Berufschancen gut: Mit 1389 arbeitslosen Physiotherapeuten habe die Bundesagentur für Arbeit Ende Juni einen historischen Tiefstand festgestellt, heißt es beim ZVK. Die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit untermauerten eine stetige Verschärfung des Fachkräftemangels in der Physiotherapie. Schon 2016 habe es in sieben von 16 Bundesländern einen nachgewiesenen Fachkräftemangel in der Physiotherapie gegeben. In der aktuellen Fachkräfteanalyse aus dem Juni 2019 meldeten bereits zwölf von 16 Bundesländern einen akuten Fachkräftemangel. In drei weiteren Bundesländern wurde ein Engpass festgestellt.

In Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis stehen 62 arbeitslose Angehörige von nicht-ärztlichen Therapie- und Heilberufen 82 offenen Stellen, die der Arbeitsagentur Bonn/Rhein-Sieg gemeldet sind, gegenüber. Insgesamt sind in der Region bei den nicht-ärztlichen Therapie- und Heilberufen, zu denen außer Physiotherapeuten auch Ergotherapeuten und Logopäden gehören, 2721 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte tätig, 3,2 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Stommel sieht begrenzte Verdienstchancen allerdings auch als einen wesentlichen Hinderungsgrund. Berufsanfänger verdienten zwischen 1800 und 2200 Euro im Monat. Auch mit viel Berufserfahrung und Fortbildungen komme man kaum über 3000 Euro brutto im Monat hinaus. „Davon kann man ja heute kaum eine Familie ernähren“,so Stommel. Er führt die begrenzten Verdienstchancen auch in der eigenen Firma darauf zurück, dass die Sozialversicherungsträger für ambulante Rehabilitationen nicht mehr bezahlten. Er bekomme für einen Patienten gerade einmal rund 100 Euro pro Tag. Davon müsse er auch das Essen des Patienten und seine Anfahrt bezahlen. Selbst in einer Region wie Bonn mit einem Anteil von Privatversicherten von rund 30 Prozent könne er deshalb seinen angestellten Physiotherapeuten nicht mehr bezahlen.