Oberkassel bestaunt die Luftschuhe

Vor einigen Wochen floss der Verkehr in der Römlinghovener Straße noch fließend, jetzt kommt er immer mehr ins Stocken. Zig Damenschuhe an einer Oberleitung, die sich von Nacht zu Nacht wundersam vermehren, ziehen die Aufmerksamkeit der Auto-, Fahrradfahrer und Spaziergänger auf sich.

Oberkassel. Vor einigen Wochen floss der Verkehr in der Römlinghovener Straße noch fließend, jetzt kommt er immer mehr ins Stocken. Zig Damenschuhe an einer Oberleitung, die sich von Nacht zu Nacht wundersam vermehren, ziehen die Aufmerksamkeit der Auto-, Fahrradfahrer und Spaziergänger auf sich.

Einige Autofahrer steigen sogar aus und fotografieren die ungewöhnliche Schuhsammlung auf der Leitung zwischen zwei Laternen. Das Besondere ist, dass bis jetzt ausschließlich Damenschuhe die Oberleitung zieren - von elegant bis sportlich ist alles dabei.

Nicht nur die Oberkasseler rätseln über den Grund und die Urheber dieses Gags. Das neue "Brauchtum" zieht solch große Kreise, dass zahlreiche Pendler bereits einen Umweg fahren, um die weitere Entwicklung zu verfolgen.

Was hierzulande jedoch eine außergewöhnliche Neuheit ist, wurde andernorts bereits beobachtet. So begann zum Beispiel 2005 in Flensburg in der Norderstraße ein Schuhverkäufer, die Altschuhe der Käufer auf der straßeneigenen Oberleitung aufzuhängen. Schnell ließen sich begeisterte Nachbarn mitreißen und schufen mit der Zeit ein Gesamtkunstwerk, das viele Touristen nach Flensburg lockte. Inzwischen hängen mehr als 300 Paar Schuhe in der Flensburger Einkaufsstraße.

Auf der Suche nach dem Ursprung des Brauchs tauchen weitere Spuren auf. So gibt es ein Ritual amerikanischer Rekruten, nach Ende des Wehrdienstes ihre durchgelatschten und unbequemen "Boots" auf Leitungen zu werfen und in Baumkronen festzubinden.

Auf www.shoefiti.com ruft seit 2005 der Gründer der Plattform, Ed Kohler, zum "shoe tossing" (engl. Schuhewerfen) und "shoefiti" (Ableitung von Graffiti) auf. Shoefiti variiert von Land zu Land. So werfen beispielweise im Norden Schottlands junge Männer nach ihrer ersten Liebesnacht ihre Schuhe auf die Telefonleitungen der Elternhäuser.

Eine weitere Spur führt in den frühen Jahre der Drogenbanden in Los Angeles. Die "Banditos" hatten gleich zwei Anlässe, ihre Schuhe auf Leitungen zu werfen. Die Fußtreter machten Drogenabhängige auf einen Ort aufmerksam, wo sie Heroin und Kokain kaufen konnten. Andere Drogenbanden nutzten das Schuhsymbol, um ihren inhaftierten oder verstorbenen Bandenmitgliedern ein Erinnerungszeichen zu setzen.

Dass die Damenschuhe in Oberkassel eine Widmung für eine im Frauengefängnis gelandete Dame sind, ist unwahrscheinlich. Denn die Schuhe werden von Nacht zu Nacht mehr. Inzwischen sind es sechs Paar - Tendenz stark steigend. Die Anwohner möchten natürlich wissen, woher diese Schuhe stammen.

Trotz offener Fenster höre man nachts nichts und morgens "sind da schon wieder neue Schuhe", berichtet ein Anwohner der Römlinghovener Straße. In Oberkassel habe man es mit einem gewitzten "Serientäter" zu tun, der keine Spuren hinterlasse, konstatieren die Schuh-Gucker.

Trotz des Wirbels freuen sich die Anwohner über diese nette Idee und folgen gespannt der weiteren Entwicklung. Vor allem ältere Ortsansässige freuen sich: "Jetzt fahren die Autofahrer wenigstens alle wieder 30". Bemerkenswert ist, dass es am Oberkasseler Schuhcasting ausschließlich Damenschuhe beteiligt sind.

So vermutet ein Nachbar, dass den jungen Damen beim Tanzen in der Ortsdisco die Schuhe unter ihren Füßen weggeklaut werden: "Danach hängen die Jungs ihre Trophäen an der Oberleitung auf", schmunzelt er.

Zweifellos ist die große Sammlung von Damenschuhen in Oberkassel eine fesselnde Idee und sorgt für viel Gesprächsstoff - weit über Oberkassels Ortsgrenzen hinaus. Wer der Organisator von "Oberkassel sucht den Superschuh" ist, bleibt vorerst ein Rätsel.