Kirche St. Hildegard wird nach ihrer Renovierung wiedereröffnet

Vom sakralen Stiefkind zum Schmuckstück - Joachim Król liest den "Urfaust"

Rüngsdorf. Diese Kirche strahlt etwas Ursprüngliches, ja fast etwas Mystisches aus. Wuchtig erhebt sich der zweigeschossige Rundbau mit dem achteckigen Mittelteil. Über einem niedrigen Umgang mit Steinbänken grüßen oben wiederum acht große Rundbogenfenster. Aufs Einfachste reduziert erscheinen alle Formen in diesem lichten großen Rund, das auf den mächtigen Natursteinaltar zentriert ist.

Erst auf den zweiten Blick fallen an den weißen Wänden mit steinernen Blättern und Blüten verzierte Kapitelle ins Auge, von denen Schlangen und Eulen herunterlugen. An der Apsisseite steht der Tabernakel vor einem filigran gearbeiteten, bunten Mosaik. Oben vom Dach leuchtet ein riesiger goldener Pinienzapfen als Sinnbild für Fruchtbarkeit und Leben. Wo hat man eine so ungewöhnliche, ja irgendwie geheimnisvolle Kirche schon gesehen?

"Sicher kaum in der Region. St. Hildegard ist einmalig hier", sagt Architekt Robert Jansen. Und der ist für die gerade zu Ende gehende Renovierung des Gotteshauses im Meisengarten 45 verantwortlich. Wie berichtet, hatte sich das katholische Rheinviertel entschlossen, seine bislang stiefmütterlich behandelte Kirche zu verschönen.

Lange Jahre hatte St. Hildegard auch in der Kirchgängergunst im Windschatten gelegen. Angesichts der rigiden Sparpläne des Kölner Erzbistums hatte der Pfarrbereich sogar mit dem Gedanken gespielt, das "ungeliebte Stiefkind" zu verkaufen.

Die Geschichte Emil Steffann baute Kirche, Sakristei, Küsterwohnung und Pfarrhaus ab 1961, ab 1963 wurde die Anlage genutzt. Finanziert wurde St. Hildegard von der rheinischen Industriellenfamilie Wehrhahn, die eine Pfarrei für einen der Ihren suchte. Der der Familie verbundene damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer half in engem Kontakt mit Kölns Kardinal Frings auf die rheinische Art aus: Es wurde also gefringst und geadenauert - so dass der Wehrhahn-Sohn als Rektoratspfarre seine Kirche am Ende tatsächlich bekam.

Doch dann kam der sicher verblüfften Gemeinde 2006 ein Gutachten des Bonner Denkmalamts auf den Tisch, das St. Hildegard als "historisch bedeutendes sakrales Gebäude" einschätzte. Die Kirche sei "prägnantes Beispiel für eine quantitativ wie qualitativ wichtige Phase von architektonischen Neuschöpfungen" im 20. Jahrhundert und biete auch in städtebaulicher Hinsicht "eine gelungene Anlage", genieße also Denkmalschutz.

Woraufhin die Gemeinde St. Andreas und Evergislus die Flucht nach vorne antrat: mit einer Klostergründung nebenan im Ex-Pfarrhaus und der Mitnutzung von St. Hildegard für die Benefizveranstaltungen der Bürgerstiftung Rheinviertel. Dafür wollte man die Vernachlässigte auch "aufhübschen", so Pfarrer Wolfgang Picken.

Man ließ den Rundbau nebst Turm und Sakristei also gemäß seinem ursprünglichen Zustand renovieren. Die Wände wurden geweißt, aber die steinernen Kapitelle und Leisten ausgespart, die irgendwann einmal überstrichen worden waren. Plastisch hebt sich dieser sparsame Schmuck nun von den Flächen ab, gibt ihnen Struktur. Der Boden wurde von seiner verfälschenden Imprägnierung befreit und gibt jetzt in schillernden Nuancen ebenfalls Naturstein wieder.

Außerdem gab es neben einer Induktionsanlage für Schwerhörige eine nagelneue Beleuchtung als Zugabe. "Mit dem Funzellicht der alten Hängeleuchter konnte kaum jemand im Gesangbuch lesen", vermutet Jansen. Schließlich reduzierte er das Altarpodest um eine Stufe. "Der Pfarrer wollte nicht mehr so hoch über der Gemeinde stehen."

Womit letztlich auch dem Wunsch des Architekten von 1961, als St. Hildegard entstand, entsprochen wird. Der damals in Godesberg lebende Emil Steffann hatte nämlich in dem der frühchristlichen Zeit entsprechenden Zentralraum "eine brüderliche Form" gesehen. Vom bereits im fünften Jahrhundert nach Christus erbauten Santo Stefano Rotondo in Rom hatte sich Steffann inspirieren lassen, das in seiner eindrucksvollen Wucht auch wirklich viele Parallelen zeigt.

Im Verlauf der Renovierung fielen der Gemeinde dann noch weitere Absonderlichkeiten auf. Er habe das Grab im Altar geöffnet, "und es war leer", sagt Pfarrer Picken. Eine Reliquie war nicht darin. Und dann habe er noch festgestellt, dass die Kirche mit der so aparten Geschichte (siehe Info-Kasten) noch nicht einmal geweiht worden war: "Beim Termin waren alle Bischöfe beim Konzil." Picken: "Da gibt's also demnächst eine neue Party."

Am Samstag, 28. März, wird St. Hildegard ab 19.30 Uhr mit einer "Urfaust"-Lesung des Schauspielers Joachim Król wiedereröffnet.