Angst auch 75 Jahre danach

Jüdische Gemeinde in Bonn besteht zu 90 Prozent aus Kontingentflüchtlingen

Margaret Traub ist Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in der Tempelstraße.

BONN. Vergleicht man die nackten Zahlen, könnte es durchaus Grund zur Hoffnung geben: 1268 Juden gab es 1933 allein im engeren Bonner Stadtgebiet. Heute hat die einzige Synagogengemeinde im Bonner Raum wieder an die 1000 Mitglieder. Aber: Sie wohnen nicht alle in Bonn, sondern auch in der Region. Und: Zu 90 Prozent besteht die Gemeinde aus Menschen der ehemaligen Sowjetunion, die als Kontingentflüchtlinge in den 1990er-Jahren kamen.

1959 wurde die bis heute einzige Synagoge im Großraum Bonn eingeweiht. Sie ist das Herz einer Gemeinde, die nach dem Wegzug der israelischen Botschaft nur dank des Zuzugs der neuen Mitglieder aus Osteuropa überlebt hat. Für sie ist die Synagoge auch ein sozialer Treffpunkt geworden. Aktiv sind jedoch längst nicht alle. Rund 200 Mitglieder nehmen am Gemeindeleben teil, so auch im Chor, in der Frauen- oder der Tanzgruppe.

Trotz Polizeischutz rund um die Uhr gelingt es bisweilen Antisemiten, das Gebäude mit Hakenkreuzen zu beschmieren, so vor zwei Jahren. Von Schlimmerem blieb die Synagoge verschont, berichtet Gemeindesekretär Peter Pöll. Margaret Traub, Vorsitzende der Synagogengemeinde, weiß aber auch, dass fromme Juden über ihrer Kippa noch eine Mütze tragen, um im Straßenbild nicht als Juden erkannt zu werden, aus Angst vor Angriffen. Die drohen nicht nur vom rechten und linken Rand der Gesellschaft, sondern auch von arabischstämmigen Extremisten.

Aber auch der wortgewandt daherkommende Antisemitismus aus der Mitte der Gesellschaft dürfe nicht unterschätzt werden, warnt die Berliner Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel. "Jeder vierte Deutsche hegt Antipathien gegen Juden", unterstreicht der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick. Deshalb wird Traub auch an diesem Sonntag bei der Gedenkveranstaltung an den Pogrom (Erzbergerufer, ab 16.15 Uhr) wieder an eine Reihe verschiedenster antisemitischer Vorfälle erinnern müssen.