Serie "100 Köpfe: Wir sind Bonn"

Hans-Hoyer von Prittwitz: Auf den Spuren seines Vorfahren

Ein engagierter Erzähler: Hans-Hoyer von Prittwitz zeigt in seiner grünen Kladde Zeichnungen und Grundrisse, die sein Vorfahr und dessen Reisebegleiter aufgezeichnet haben.

BONN. In seiner Ahnengalerie wimmelt es von preußischen Offizieren. Vorfahr Joachim Bernhard von Prittwitz diente als General der Kavallerie unter König Friedrich Wilhelm II., Ahnherr Moritz Karl Ernst, zunächst Generalleutnant der Infanterie, brachte es bis zum Festungsbaudirektor. So ist das halt, wenn man wie Hans-Hoyer von Prittwitz aus einem weit verzweigten schlesischen Adelsgeschlecht stammt.

Doch auf den Bonner Archäologen, der für das Rheinische Landesmuseum arbeitet, übten die Soldaten in der Familiengeschichte nur einen begrenzten Reiz aus. Spontan hat er dagegen seinen Ahnherrn Georg von Prittwitz und Gaffron ins Herz geschlossen. Zwar war auch dieser Premierleutnant, aber er folgte auch ganz anderen Neigungen: "Der ist für mich vorbildhaft, weil er nicht nur Militär war, sondern auch Kleinasienforscher." Und dessen in "Petermanns Mitteilungen", der ältesten deutschsprachigen Fachzeitschrift für Geografie, dokumentierte Reise ins Stromgebiet des Halys faszinierte den 59-Jährigen so sehr, dass er sich 120 Jahre später aufmachte, um mit seiner Frau Ute auf den Spuren seines Vorfahren zu reisen.

Dabei ist er auf den Forscher eher zufällig gestoßen. "Anfang der 90er Jahre hatten wir eine studentische Hilfskraft, die für ihre Doktorarbeit über byzantinische Reliefs recherchierte", erinnert sich der promovierte Archäologe. Diese sei auf eine Abbildung von einem von Prittwitz gestoßen. Die Nachfrage bei einer Tante ergab, dass es sich um Georg gehandelt haben musste. Und die Neugier des Großneffen Hans-Hoyer, der selbst während seines Studiums an Ausgrabungen in Kleinasien beteiligt gewesen ist, war geweckt.

Vier Offiziere hatten sich nach der Beschreibung des Mitreisenden Hermann von Flottwell aufgemacht, um den in der Antike Halys genannten Fluss in der heutigen Türkei zu erkunden, der aus dem zweideutigen Spruch des Orakels von Delphi an den Lyderkönig Krösus bekannt ist: "Wenn du den Halys überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören." Krösus soll das für ein gutes Omen gehalten haben, überquerte mit seinen Truppen den Fluss, der inzwischen Kizilirmak heißt, um die Perser anzugreifen. Krösus' Irrtum: Untergegangen ist durch diesen Krieg nicht das Reich der Perser, sondern sein eigenes.

Drei Monate waren die vier Soldaten zu Pferd von Ankara aus bis zur Schwarzmeerküste unterwegs. Sie haben das Gelände vermessen und kartiert, aufgelistet, was die Bauern auf ihren Feldern anbauten, und viele Notizen gemacht.

"Ihr größtes Problem war, dass sie das gar nicht durften", sagt von Prittwitz. Zum Teil kritzelten sie heimlich, während sie im Sattel saßen. Sein größtes Problem beim Nachreisen: Die vier Soldaten mussten sich nicht an Straßen halten, sondern waren querfeldein unterwegs. Außerdem hatte sich nicht nur der Name des Flusses inzwischen verändert.

Aber der Archäologe hatte schon beim Ausgraben aller nötigen Informationen Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt. Zum Beispiel mit Blick auf den historischen Band von Petermanns Schriften, der zwar in der Bonner Universitätsbibliothek vorhanden ist, aber auf keinen Fall ausgeliehen werden durfte. Wäre da nicht der nette Bibliothekar gewesen, der eine als dunkelgrüne Kladde gebundene Kopie hervorzauberte, hätte die Wegbeschreibung des Großonkels niemals mit an ihren Ursprung reisen können. Inklusive der originalen Karten, versteht sich.

Eine davon fand der Nachfahr auf seiner Reise in einem Museum in Samsun am Schwarzen Meer wieder. Als Hans-Hoyer von Prittwitz im Café des Rheinischen Landesmuseums von seinen Erlebnissen am Kizilirmak erzählt, liegt neben der Kladde nicht nur sein eigenes, mit vielen Fotos illustriertes Reisetagebuch vor ihm auf dem Tisch, sondern auch ein moderner Straßenatlas der Türkei. Mühselig war es, mit dessen Hilfe einen Weg durch die immer noch abgelegene Gegend zu suchen, der der historischen Reiseroute so nahe wie möglich kam. Seine Frau Ute, selbst Archäologin, hatte Hans-Hoyer von Prittwitz damit ködern können, dass auch ein Besuch in der Ausgrabung Hattuscha, der früheren Hauptstadt der Hethiter, mit auf den Plan genommen wurde.

Aus Ausgrabungen in der Studentenzeit rekrutierte sich auch der Sprachschatz des Reisenden. Allerdings hatte der Archäologe die türkischen Brocken unter anderem in Pergamon aus dem Radiogedudel türkischer Grabungsteilnehmer aufgeschnappt. Auch wenn Schlagertexte wie "Ich bin der Sklave deiner Liebe" oder "Du sprichst wie eine Nachtigall" nicht in allen Lebenslagen weiterhelfen, wie der 59-Jährige lachend einräumt.

Aber mit der in jedem Dorf wieder gestellten Frage kam das Ehepaar ohnehin klar: "Was macht ihr hier?" Daraufhin sorgte dann die Geschichte vom alten Onkel für staunende Gesichter. Kein Wunder, dass von Prittwitz viele lustige Anekdoten zu erzählen hat. Einmal wurde er wegen seines Doktortitels für einen Arzt gehalten, von dem ein Dorfbewohner spontan seine schmerzende Schulter behandeln lassen wollte. Verwundert nahmen die Bonner zur Kenntnis, dass in einem Dorf getrocknete Kuhfladen an den Steinwänden klebten. Und wunderten sich noch mehr, als sie in der alten Reisebeschreibung nachlesen konnten, dass schon damals der getrocknete Kuhdung als Heizmaterial diente. Unverändert auch die Bauweise einiger alter Lehmhäuser, auch wenn inzwischen die meisten Gebäude aus Ziegeln bestehen.

Nach dreiwöchiger Reise und unzähligen gastfreundlich dargebotenen Tassen Tee bleibt für Hans-Hoyer von Prittwitz auch heute noch die Motivation der vier vom Militär beauftragten Forscher rätselhaft. "Gab es politische Gründe? Schließlich war es eine Zeit, in der Deutschland nach Kolonien suchte. Und die wurden oft von Flüssen aus erschlossen", mutmaßt der Archäologe. Und irgendwie ist klar, dass er den Dingen noch weiter auf den Grund gehen wird. Schließlich hatte auch bei seinem Vorfahr Georg die Neugier und Abenteuerlust nach der Reise zum Halys nicht nachgelassen: Er erkundete später Regionen Ostafrikas und soll die ersten Karten Ruandas gezeichnet haben.

Typisch bönnsch

Das sagt Hans-Hoyer von Prittwitz über seine Heimatstadt:

An Bonn gefällt mir die unglaublich breite kulturelle Vielfalt.

Mein liebster Platz ist das Meßdorfer Feld.

An Bonn vermisse ich, dass die Fahrradwege auch bei Schnee und Eis gereinigt werden.

Typisch bönnsch ist für mich, dass es im Kleinen doch immer weiter geht.