Gut 40 Jahre danach

Ehemalige Schüler berichten anonym, dass es angeblich sexuelle Übergriffe gegeben hat - Rektor bittet Opfer von Verbrechen um Verzeihung

Bonn. Auch am Aloisiuskolleg in Bad Godesberg hat es Missbrauch gegeben. Davon ist der Anrufer überzeugt, der sich am Donnerstag anonym beim General-Anzeiger meldet. Die Schlagzeilen der vergangenen Tage haben in ihm Erinnerungen an seine Schulzeit in dem Jesuiten-Internat wachgerufen. 1965 oder 1966 sei es gewesen, sagt der Anrufer, der aber selbst nicht zum Opfer geworden sei.

Und dann erzählt er von dem jungen Pater, der damals abends im Schlafsaal zur Gitarre Lieder sang. In der Abteilung vier oder fünf, so genau weiß das der Anrufer nicht mehr. Aber er erinnert sich jetzt wieder daran, dass der Geistliche bei den Schülern beliebt gewesen sei. Dann aber sei er plötzlich verschwunden - "von einem Tag auf den anderen".

Unter den Schülern sei in diesen Tagen viel darüber geredet worden. Und alle, sagt der Anrufer, seien sich sicher gewesen, dass sich der beliebte Pater Kindern genähert habe. "Ich gehe davon aus, dass es Missbrauch gewesen ist", sagt der Mann. Nur mit den Lehrern habe man nicht darüber gesprochen.

Von seiner konkreten Opfer-Rolle hatte tags zuvor ein Anrufer bei der "Süddeutschen Zeitung" gesprochen. Der Mann berichtete dem Blatt, dass er Anfang der 60er Jahre von einem Pater des Jesuiten-Gymnasiums missbraucht worden sei. Aus Angst habe er nie darüber gesprochen. Der Pater sei inzwischen gestorben.

Der Rektor des Aloisiuskollegs, Pater Theo Schneider, reagierte am Donnerstagmittag sehr betroffen, als ihn der General-Anzeiger auf die Missbrauchsvorwürfe ansprach. Der Fall, der der Süddeutschen Zeitung anonym gemeldet wurde, sei ihm bis dahin nicht bekannt gewesen. Er nehme ihn jedoch sofort zum Anlass, mit dem Thema an die Lehrerkollegen, die Eltern und alle Schüler zu treten.

Für Freitag setzte Schneider erst einmal ein Gespräch mit dem gesamten Lehrerkollegium an. "Wir reden in diesen Tagen mit allen intensiv über den Fall. Wir sprechen darüber, wie wir präventiv wirken können, wie wir offen und stark sein können", sagte der 63-Jährige dem GA. Man werde jahrgangsstufenweise vor alle Schüler treten.

In einer Presseerklärung fasste Schneider am späten Nachmittag seine Reaktion unter der Überschrift "Informationen des Rektors am Aloisiuskolleg zu den aktuellen Missbrauchsvorwürfen an Jesuitenschulen" in sieben Punkten zusammen. Es gebe Gerüchte von Übergriffen sowie Verdächtigungen, Beschuldigungen und Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs auch am Ako. "Diese beziehen sich ausschließlich auf die Vergangenheit und nicht auf aktive Jesuiten und Mitarbeiter des Kollegs."

Pater Schneider schreibt weiter, dass solchen Hinweisen seit dem Inkrafttreten der Richtlinien zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Ordensleute aus dem Jahr 2003 immer nachgegangen worden sei. "Sie sind zur Prüfung und Untersuchung an die zuständige Beauftragte des Jesuitenordens für Missbrauchsfälle weitergegeben worden", so Pater Schneider. Soweit er es wisse, seien die Untersuchungen des Ordens in allen diesen Fällen abgeschlossen.

Dabei solle man unterscheiden, dass es einerseits Fälle gebe, die anonym der Presse mitgeteilt worden seien wie im Falle der Süddeutschen Zeitung, und dass andererseits Vorwürfe existierten, die ihm lediglich unter Zusicherung äußerster Diskretion anvertraut worden seien. Die habe er der Ordensleitung umgehend mitgeteilt und die seien der Beauftragten des Jesuitenordens für Missbrauchsfälle weitergeleitet worden.

Das gelte übrigens, so formuliert er es in der Presseerklärung, auch für eine Publikation eines ehemaligen Ako-Schülers aus dem Jahre 2004. Auch da habe das Kolleg sofort reagiert. Schneider meint die extrem postpubertär geschriebene Veröffentlichung "Sakro Pop" des heutigen Schauspielers Miguel Abrantes Ostrowksi, der über seine Ako-Jahre bis 1993 teils sehr Vulgäres über einzelne Jesuitenpatres zum besten gab.

Im Auftrag des Ordens seien auch hier "unter Zusicherung größter Vertraulichkeit und Diskretion" Gespräche mit Ehemaligen über die in dem Buch angedeuteten vermeintlichen Übergriffe geführt worden, so Pater Schneider. Auch hier hätten die Akten bald schon geschlossen werden können.

Selbstverständlich stehe er auch weiterhin für Gespräche zur Verfügung, könne und dürfe aus Gründen unabhängiger Untersuchungen jedoch nicht selber ermitteln, sondern werde dies immer einer unabhängigen Person oder Institution übertragen.

Und dann betont der Pater, was ihm ganz besonders am Herzen liegt: "Dass ich sexuellen Missbrauch aufs Schärfste verurteile, dass ich Opfer von Verbrechen um Verzeihung bitte, persönlich und als Vertreter unseres Kollegs, das ist mir ein großes Anliegen. Dies gilt auch für alle Jesuiten und Verantwortlichen des Aloisiuskollegs. Etwaige Betroffene ermutige ich ausdrücklich zum Gespräch", schreibt der Pater in seiner Presseerklärung.

Der promovierte Theologe Theo Schneider kam 1968 als studentische Hilfskraft ans Ako, kniete sich besonders in die Internatsarbeit hinein, war über Jahre Leiter des Jungen- und dann auch des neu eingerichteten Mädcheninternats der Jesuitenschule.

2007 wechselte Schneider ins Rektorenamt der renommierten katholischen Einrichtung. 2008 wurde Schneider und mit ihm die Schule in Düsseldorf von NRW-Schulministerin Barbara Sommer für ihren seit Jahrzehnten höchst verdienstvollen Einsatz für Bonner Kinder und Jugendliche besonders geehrt.

Ehemalige Schüler

Zu den ehemaligen Schülern des Aloisiuskollegs gehören unter anderen:

  • Albrecht Freiherr von Boeselager, Jurist, Privatwaldbesitzer und Großhospitalier des Malteserordens;
  • Georg Freiherr von Boeselager, Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944;
  • Philipp Freiherr von Boeselager, Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944;
  • Philipp Brenninkmeyer, Schauspieler;
  • Till Brönner, Musiker;
  • Drutmar Cremer, Schriftsteller, Verleger, Theologe;
  • Bernd von Droste zu Hülshoff, stellvertretender Generaldirektor der UNESCO;
  • Gisbert Haefs, Autor;
  • Norbert Hauser, ehemaliger Bezirksvorsteher von Bad Godesberg, Vize-Chef des Bundesrechnungshofs;
  • Constantin Heereman von Zuydtwyck, Land- und Forstwirt, Verbandsfunktionär und Politiker (CDU);
  • Oliver Henkel, Schriftsteller;
  • Andreas Hönisch, katholischer Geistlicher, Gründer des Ordens Diener Jesu und Mariens;
  • Johannes B. Kerner, Fernsehmoderator
  • Alexander Graf Lambsdorff, Vorstand der FDP und Mitglied des Europäischen Parlaments;
  • Karl Lamers, Politiker (CDU);
  • Ernst Linderoth, Orgelbauer und Erzähler von Heimatgeschichten;
  • Gernot Lucas, Professor für Architektur;
  • Johannes Ludewig, Staatssekretär a.D. und Wirtschaftsmanager;
  • Thomas de Maizière, Bundesinnenminister;
  • Erik Martin, Herausgeber und Autor;
  • Thomas Pfanner, Autor von Kriminalromanen;
  • Stefan Raab, Fernsehmoderator;
  • Norman Rentrop, Verleger;
  • Hans Riegel, Haribo-Chef;
  • Peter Sager, Journalist;
  • Hartmut Schiedermair, Jurist; Ehrenpräsident des Deutschen Hochschulverbandes;
  • Nils Wülker, Musiker.